Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 21 (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 155 — licht Arme nicht au», sondern behandelt ste gleich, »ft so» gar mit Bevorzugung. Im Talmud finden sich ähnliche Aussprüche. So Shnhedrin 69»;*) ,Man solle einen Helden nicht zum Lorastodium veranlassen* und Lhag. 13»:**) ,Man solle die hei׳ ligeu Schriften nicht den Samaritern übergeben.* Der Sinn beider Aussprüche ist: Heiden und Samaritern sollen dem Judeuthum fern gehalten werden. Die Samaritaner standen ihrem heidnischen Urspmng und ihrer heidnischen Haltung zufolge, stet« im religiösen Gegensatz zu deu Juden. Auch Jesu« «eist beim barmher- -ige» Samariter auf diesen Gegensatz hin,׳ man setzt bei ihnen, sagt er, nicht einmal Neigung und Fähigkeit zur praktischen LiebeSthitigkeit voraus, und nun sehet, zeigt sich der Sama« riter barmherziger, al« ihr frommen und gläubigen Juden. Sie hatten auch den Text der Tora einseitig geändert und erkannten den ganzen Kanon der heiligen Schrift nicht als sulche au. In R. Amt'« Zeiten (Ende de« 3. Jahrh.). von dem obiger Ausspruch herrührt, traten diese Gegensätze wieder schärfer hervor, zumal die Samaritaner auf römische Beranlassung und um den Verfolgungen de» Divcletian zu ent» gehen, sich wieder stärker dem Götzendienste zunriglen. Für nationale Beschränkung de« Judenlhui!!» und Berlrugnung seine« universellen Charakter« spricht diese zumal vereinzelte Aeußerung und Maßnahme also durchaus nicht. _(Schluß folgt.) LebenSgesLhrttchs Kure« für eine wenig gefährliche Krankheit. 1. Al« in den Tagen der BiSmaickkrisi« auch in den Kreisen der Hofgesellschaft und dcr höheren.Verwaltung Ungewißheit darüber bestand, au» welcher Richtung künftig der Wind für unser Staatsschiff kommen werde, al« hie und da die Meinung sich erhob, die extrem ׳ kirchliche Partei unter Waldersee könnte die Herrschaft gewinnen, da erhob sich Stöcker und rügte einen Uebelftaad, den bisher Niemand im Lande empfunden hatte, die Ueberzahl der jüdischen Schüler au den preußischen Gymnasien. Da« war gleichgültig und konnte keinen überraschen. Bedenklich wurde die Angelegenhrit. al« der kundige und vielgewandte Hr. v. Goßler Herrn Stöcker sekundirte; jedermann vermuthete Hr. v. Goßler müße wiffen woher der Wind wehe; er wußte r« nicht, denn al« i,n Herrenhause die Ultra'« der Rechten, denen die ganze StaatSentwickiung seit dem Jahre 1848 ein Dorn im Auge ist, da« Facit ziehen wollten au« der ihnen so sympathischen Rede dl« Kultusminister« im Abgeorduetenhause, war in der Antwort Goßler'« gar nicht mehr davon die Rede, daß er da« .Plvblem studire*, sondern er erklärte, dir Regierung habe Wichtigere» zu thuu und überdies sei seit dem Jahre 1884 gar kein Grund zur Beschwerde vorhanden. Lein Zweifel, hätte Hr. v. Goßler zur Zeit der Bi«» marckkrifi« so geredet, wie er e« jetzt im Herrenhaus« gethan hat, un« Juden wäre eine schwere Erregung erspart gebltebeu; heute ist da« Auftreten Stöcker'« und Goßler'« im Abgeordaetenhause wichtig für die innere Geschichte der Kanzlerkrise; im Uebrtgea aber hat un« Gras Pfeil den Dienst erwiesen, die ganze Sachlage zu unfern Gunsten aufzuklären; er hat da« Böse gewollt, aber da« Gute geschaffen. Die alte und jetzt veraltete Rede Goßler« hat manchen reformlustigrn Leuten bedeutende Kopfschmerzen verursacht und der KultuSmiuister kann sich den Ruhm bei- «effeo, daß er eine Maffe von «rilgreifenden und lief einschneidenden Vorschlägen einer Reform de« Judeathum« hervorgerufen hat. Dürfe» wir um», da der Herr Miuister seine Rede widerrufen hat, diese Vorschläge auch »ck »ot» legen? Wir ר ,irre .בד שעומס כתודה חייב אק מומרין ממדי קודש לכותי ר•. leugueu e« nicht, diese Neformpläne scheinen »ou vornherein verdächtig, da fie einer Rede ihren Ursprung verdanken, der selbst jede innere Berechtigung fehlte. Mit welchem Patho» hat der Herr Ministir im Herrenhau« verkündet, daß ,unter seiner Verwaltung die Schwierigkeiten überwunden worden seien, weil den Eltern eingrschärft würte, da» Fehlen an jüdischen Feiertagen werde bei Versetzungen nicht berück« fichtigt werden, wenn sich irgendwelche Lücken in der Au«- bildung zeigten.* Wo giebt e« einen, der durch so große Worte sich blenden läßti Niemals baden jüdische Eltcrn geglaubt, ihr Sohn werde beim Sbiturientenexamen mit geringerer Leistung durch» kommen, weil er an Feürtagen zu Hause geblieben ist. E« ist selbstverständlich, daß rin Schüler auf eigene Gefahr an Festen von der Schule fern bleibt, und wir Juden haben diesen kleinen Schaden stet« wohl al« da« geringste Martyrium betrachtet, da« wir um unsere« Glauben« willen zu erdulden haben; rin weit größere« Mariyrium wäre e«, wenu unsere Jugend, weil die Behörde gar zu große Rücksicht auf die Fortschritte der jüdischen Schüler nimmt, mehr oder weniger sanft dazu gezwungen würde, an jüdischen Feiertagen die Schule zu besuch׳«. Herrn Pastor Schwalb und nach ihm Herrn Dr. S. Leon genügte dieser theatralische Nothschrei der Herren Stöcker und Goßler um eine völlige Umgestaltung de« Judtuthum« un« zu empfehlen. Der christliche Pastor und «er jüdische Dr. haben ein Gemeinsame», daß fie beide von ehrlichen Absichten beseelt sind. Aber wir behaupten, der Patient ist gar nicht so krank, um solche Parforcekuren nöthig zu haben, un« scheint, die Kur ist gefährlicher al« die Kronlheit. Leon behandelt seinen Gegenstand in einer schönen von warmer Empfindung durchhauchten Darstellung und die Lektüre seiner im Berlage von Wal'her «. Apolant erschienenen Broschüre ist Jedem zu empfehlen, der sich der Gegensätze in unserem religiösen Leben bewußt werden will. Aber ein jähe« Entsetzen erfaßt un« bei dem Gedanken, wie leichtsinnig dieser Mann mit dem Feuer spült, da» den Bau de« ganzen Judenthum« einäschcrn könnte. Wenn Herr Schwalb und Herr Leon dasselbe empfehlen, so ist e« noch nicht daffelbe. denn Herr Schwalb ist Christ und ihn kann e« natürlich nicht schrecken, wenn vielleicht da» E»dresultat einer solchen Reform wäre, daß viele Juden langsam und beinahe ohne e« zu merken in'« Christenthum geführt werden. E« sei un« ein Gleichniß gestattet. Ein Kranker wird zu einem Arzt geführt, der al« eia geschickter Chirurg bekannt ist; dieser empfiehlt dem Patienten al« eine Radicalkur eine lebensgefährliche Operation; gelingt sie nun, dann ist e« schön, mißlingt sie. so sagt der Op-rateur ochselzuckend seinen Leuten: ,tragt den Kadaver hinaus* und beginnt, sich mit einem andern Fall zu beschäftigen. Herr Schwalb und viele anvere, die un« Juden die Aufhebung de« Sabbat« und die Einführung de« Sonntag«gotte«dienste» und der Sonntagsruhe al« jüdisch-religiöse Institution empfehlen, stehen auf dem Standpunkt dieser kaltblütigen Operateure. Ihnen würde e» nicht so nahe gehen, wenn sich der Patient dabei verblutete, wenn da» Judenthum dabei zu Grunde ginge. Wir aber, wir find da« Objekt, an dem die Operation vollzogen werden soll, ein Schnitt, der dem Judenthum leben«- gefährlich werden könnte, ist uv« wie eine eigene Lebensgefahr und wir sagen un«, obgleich wir die Beschwerden stark genug verspüren, obgleich sie die Entfaltung unserer Kraft hindern, lieber wollen wir die Gebrechen noch eine Zeit lang herumtragen, ehe wir dem Schnitt de« Chirurgen un« hingeben. Auf da« Kommando eine« Minister« reformiren wir unser Judenthum nicht. Minister wandern, Miuister wandeln — wie Figar» zeigt — vva eine« Monat zum ander« ihre Ansichten; eine Reform, >ud beseuder» eine so gewaltige wie ste Herr Schwalb un« »arschlägt, müßte tiefere Gründe haben.