Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 21 (22.5.1890)
- Date
- 1890-05-22
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 154 — Antwortschreiben des Bischofs A. Eleveland-Eor. ,weil ich das hebräische Volk, seine unvergleichlichen Poesien und die mosaische Geschichte liebe, freut es mich, Ihrem Gesuche willfahren zu können, kaffen Sie mich vorausschicken, daß Sie nach meiner Rleinung den Grad -es Vorurteils, falls es irgendwie in diesem Lande zu Tage tritt, überschätzen. In unserer rtabt, glaube ich hebaupten zu können, ist nur wenig von demselben zu bemerken und unter unscrn angesehensten Bürgern zählen wir Männer aus Israel und zwar in nicht geringer Zahl. Ebenso war cs in Baltimore, meinen, ftühcrcn Aufenthaltsorte. Ihre c r ste Frage beantworte ich mit wenigen Worten. Li» solches Vorurtkeil zeigt eben so wenig Gcrcchtigkcitsgefnh l als gesunden Verstand und ist durchaus una in erikanisb. Ich weiß bestimmt, daß cs unter uns unzählige Nichtjudcn gicbt, welchen im bürgerlichen Verkehr zu begegnen, weit unangenehmer ist, als mit Israeliten, wie ich sie in denselben Verhältnissen gesehen, zusammen zu treffen, wir finden daher sehr ungebildete Leute, welche der Reichtkmm allein aus dem niedrigsten Stande emporgehoben hat und daneben einen hohen Grad von Bildung und Lhrgcfübl unter den Armen. Da dieses von Nichtjudcn notorisch bewiesen ist, so zweisie ich nicht, daß dieser Fall auch bei den Juden zutreffen wird. Dabei habe ich oft bemerkt, daß unter denen, welchen die Lonstitution unseres Landes eine freundliche Aufnahnie gewährte, die Juden es sind, welche Vieles in unscrn Gesetzen und Einrichtungen finden, was ibnen eigentlich nicht Zusagen dürfte; aber es sind nicht die Juden, welche sich deshalb undankbar gegen dieselben auflehnen und darnach streben, die theuersten Güter unseres bürgerlichen Lebens zu zerstören was ihre zweite Frage betrifft, so schreibt die christliche Religion Wohl wo llen gegen alle Me nschen vor, wie Sie cs eben für angemessen finden und gebietet uns, alle Menschen zu ehren. Ich kann also den Geist, welchen Sie beklagen, nicht den Sonntagsschulen und den Lehren des Evangeliums zur Last legem In unseren Schulen benutzen wir in der Regel Karten und Bilder -es ״heiligen Landes" und die Kinder werden darüber belehrt, daß die Juden um -er Väter willen noch heute geliebt werden, wir erkennen cs an, daß den Juden große Vorzüge gebühren und zwar ihnen zuerst und dann auch den Nichtjudcn. Mit Achtung gegen die Juden lehrt unsere Geistlichkeit, -aß sie ein Volk der Vorsehung sind, welchem eine große und unvergleichlich herrliche Zukunft bevorstehl. Ich zweifle, ob diejenigen, welche den Namen Lhristen verdienen, nicht im Allgemeinen das Ge g ent heil von Knhöflichkeit gegen ihre jüdischen Mitbürger bekunden. Unter den Socialdemokraten und Ungläubigen in Deutschland habe ich die Iudenhetzs viel bösartiger gefunden und ähnlich auch unter den Atheisten in Frankreich. Ihre dritte Frage habe ich bereits indirect im Vorstehenden beantwortet. was nun die Heilmittel anbclangt, so finden sich dieselben in dem Geiste unserer eigenen und derjenigen Schriften, welche die Juden uns vererbt haben. Unser Gesetzgeber, obschon ein Jude, tadelte den tiefen Haß des Volkes gegen die Samariter und verbot uns, ihn, nachzuahmen. Er lehrte uns, alle Menschen als unsere Nächsten zu betrachten, wahrlich, in einer solchen Lehre finden wir nichts, als diejenige Einigkeit, von welcher der fsalmist singt, daß sie dein Th au auf Her,non gleiche. In Uebereinstimmung mit derselben bin ich Ihr Freund uud Diener A. Eleveland-Tor. — Western New-1?ork. Universelle Weltreligion. Bekanntlich rühmt sich da« Christenthum de« Vorzug-, da» Judenthum au« der Beschränktheit eine« nationalen Gottesbegriffes und einer nationalen Religion zu der Allgemeinheit eine« Gotte« der ganze« Welt und einer Religion für alle Menschen »nd Völker erweitert uud er« hoben zu haben. Alle Menschen sollen fortan Theil haben an der Lindschaft Gotte«, der ihrer aller vatrr sei; alle Menschen sollen fortan Theil haben au den Wohlthaten seiner Lehren und Gnaden, vordem sei Gott nur der ,Gott I«- raels״ gewesen, seine Lehre sei nur da« Gesetz Israel« gewesen und seine Gnade sei nur J«rael zu Theil geworden. So lehrt da« Ehristenthum von sich und dem Judenthum. Wir halten e« für überflüssig, diese falsche Anschauung von Gott und der Lehre J«rael« zu widerlegen. Der von J«rael begriffene und gelehrte Gott wird von der ersten Seite der H. Schr. an durchgängig al« der Schöpfer der ganzen Welt, al« der Herr und Richter, al« der liebende Vater und Erbarmer aller Menschen und Völker erklärt, der alle Menschen seine Linder nennt und ihrer aller ge« meinsamer Vater ist. Die Einigung aller Menschen und Völker zur Bekennung diese« Einen Gotte«, der von einem Ende der Erde bi« zum andern verehrt uud angebetet werden wird, ist ausdrücklich in Aussicht genommen» ist geweissagt und wird erstrebt und erhofft; unterschiedslos sollen auch au« anderen Völkern fromme Bekenner zu Priestern diese« Gotte« «nd seine« HriligthumS genommen werden. So steht'« in Israel« Schriften; wer Augen hat, lese, w:r verstand hat, brurtheile, und wer Gewissen hat, bekenne die Wahrheit! Statt unser möge RLnan reden, der erklärt: ,Wenn dir« der Vorzug de« Thristenthum« ist, da« Judenthum universalisirt, den Gott der Juden zu einem Gott aller Menschen, die Religion der Juden au« der nationalen Beschränktheit zu einer Weltreligiou erhoben zu haben: so hat da« Lhristeu« thum schon 720 Jahre vor Jesu« mit dem Propheten Jesaia« begonnen." . Wir unsererseits wollen vielmehr die Widerlegung au« dem N. T. selbst liefern. Jesu« nämlich erklärt wiederholt, daß er nur für Israel auftrele und wirke, nicht aber für die anderen ,heidnischen BSlker" (B'U). Er nennt Israel da« ,Salz und Licht der Erde", berustu, die Völker zu delehren uud zu bekehren. Auch beabsichtige er nicht, die alte jüdische Religion aufzuheben uud eine neue zu stiften, sondern die alte müffe vollständig erhalten bleiben uud ihr Gesetz erfüllt werdeu (Matth. 8). Der Inhalt der Berg« predigt, die er vorträgt, ist auch weit entfernt, im Wider« sprach mit jüdischen Lehren uud Anschauungen zu stehen; er bietet nur an einzelnen Stellen Verschärfungen «nd Jdealistrungen der bestehenden Gesetze. Jesu« «eist sogar (1b. 7) die Heiden vollständig zurück, al« nicht reif und ohne Brr« stäudniß für diese erhabene jüdische Religion. Er bezeichnet die« recht drastisch mit den Worten: »Werfet die Perle« nicht vor die Säue und gebet da« Heiligthum nicht den Hunden." Er weist sogar ein heidnische« Weib zurück «nd meidet grundsätzlich die Gemeinschaft der Heiden; er erklärt ausdrücklich, daß er nur für die verlorenen Schafe Israel« gekommen sei. Alda« Weib jedoch nicht nachlirß, ihm nachzugehen, «klärte er nachdrücklich, daß man nicht den Lindern da« Brot nehme und c« den Hunden vorwerfr, also grundsätzlich ste al« Heidin zurückweisen müffe. Darauf erklärt da» Weib recht pikant: Die Hunde erhalten aber doch die Brosamen, welche vom Tische de« Herrn fallen. Dadurch fühlt sich Jesu» getroffen und läßt da« Weib vortretrn (id. 15). Im Galat«brief (6,10) der bekanntlich der spätem Paulinischen Zeit angrhört, findet sich die Mahnung, zwar jedem Gute« zu thun, aber zunächst und zumeist dm Glaubensgenossen. Diese Unterscheidung ist zwar recht praktisch, aber nicht« weniger al» ideal, und vor alledem nicht universell gehalten. Wir halten un« bei der Eharakteriftik diese« Grundsätze« nicht auf, sondern verweism nur auf den ungerechtm Vorwurf, der christlicherseit« so.oft den Juden gemocht wird, daß sic ««»schließlich oder vorzugsweise ihre Armen unterstützen. Im Gegmtheil, Israel ist christlicherseit« meistens von einer paritätischen Armenunterstützung ««»geschlossen, Israel aber schließt christ.