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Israelitische Wochenschrift · 1890-05-15 · 20 (15.5.1890) · p. Seite 149

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
20 (15.5.1890)
Date
1890-05-15
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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— 149 — Schmachblatte» hat wenigsten« noch Scham genug, seinen Namen nicht zu nennen; etwa eine Sttnkblüthenlese au« diesen Schimpfereien zu geben, hüten wir uns au« Rücksicht auf unsere Leser. Wft* Daß der Antisemfti»mu« Hand in Hand mit dem Anarchismus gehe, hat die in Pari« erfolgte Ber- Haftung de» Marqui« v. Mord« offenkundig dargethan und ist der Berliner Polizeibehörde schon seit längerer Zeit bekannt. Im Posener Sozialistenprozeh gelangte ttn Bericht der Berliner politischen Polizei über den Anarchisten-Kongreß zu Chur (Schweiz), den sie von ihren dort vertreten ge« wesenen Vertrauensmännern erhalten hatte, zur Sprache. Danach hat dort rin deutscher Deputirter ein Referat über die antisemitisch« Bewegung, besonder« in Berlin, erstattet, worin Hervorgehoden wurde, daß die antisemittsche Bewegung in erster Linie dem Zwecke diene, da» Kleinbürgerthum und die lleinen Beamten unmerklich für die anarchistischen Ideen zu gewinnen. (Allseittge Zustimmung.) Der antisemitischen Agitation wurde dieserhalb Glück gewünscht, und der Vorsitzende de» Anarchisten-Kongnsse» schloß die Ver» Handlungen über diese« Referat mit dem Hinweis: »Am Tage de» LoSschlagen» würde doch kein Unterschied zwischen jüdischem und christlichen! Kapital gemacht werden." Die Verlesung diese« Bericht» hat s. Z. in der Gericht»- Verhandlung bei allm Betheiligten ungeheure Sensation hervorgerusen. Zarksruh« (Baden), 8. Mai. (Or.-Corr.) »Mit de« Gerechten Glück freut sich die Stadt." Zum Feste der ganzen Gemeinde gestaltete sich die am 4. Mai stattgehabte Feier der goldenen Hochzeit de« Präses unsere« Synagogenrathes und Oberrath»mitgliede« Herrn Adolf Bielefeld und seiner Gattin Johanna Bielefeld, ged. Massenbach. Schon Tag« zuvor, am Sabbat ^odoro-Loäosodiva, fand die Einsegnung de« allgemein verehrten Jubelpaare« in festlich drcorirter Synagoge durch den Rabbiner der Gemeinde statt. Jo längerer Festrede, die durchweg auf der Höhe de« Tage» stand, überall da» allgemeine im Besondern heroorhebend, Werth und Bedeutung de» Greisenalter« im Allgemeinen beleuchtend, die Ehrfurcht vor dem Alter zur Bedeutung einer eminent religiösen Pflicht emporhebend, indem Sott gleichsam selber in seinen begnadeten Greisen geehrt sein wolle, ««»gehend von dem für eine solche Feier sich fast von selbst darbietenden Schriftverse« de« gedachten Wochenabschnitte«: »Bor einem grauen Haupte sollst Du aufstehen «. s. w.," schilderte Redner da« Glück »nd den Segen von fünfzig Jahren gottbegnadeten Familienleben«. Wie nicht« ander« zu erwarten bei den um da» Allgemeine so hochverdienten Jubilareo mußte au» der Schilderung klar der Gedanke hervortreten, wie dieselben beglückt und beglückend durch eine so lange Ehe schritte«, wie auch ihre öffentliche Lhätigkeit mit allen, wa» fie Segen« geschaffen in Gemeinde und Eommuue, mit ihren tiefsten Wurzeln in ihrer gott« begnadeten Ehe ruhete. Am eigentlichen Festtage wurden dem Jubelpaare Ovationen von allen Seiten dargebracht. Im Laufe de» vormittag« erschienen Deputationen von Seiten der Gemeinde, de« Großherzogl. Israelit. Oberrath« «. s. w., die Jubilare in ihrer Wohnung zu begrüßen und zu beglückwünschen. Der Vertreter der Regierung war besonder« beaufttagt» vom ' Kultusminister Gruß und Glückwunsch zu entbieten. Ein - Feftcomitö hatte eine besonder« au«erleseae Ehrengabe seiten« der Gemeinde vorbereitet und eine Votiv-Tafel, da« Brust« bild der Gefeierte».׳ zeigend und den Schutz der Oberen für ihre Ehe symbolisch darstellend, Herstellen laffeu, die dem Jubelpaar an diesem Tage überreicht wurde. Bon Seite« de« Overrath« wurde eiu größere« Tableau, euthalteud die Photographien der sämmtlichen S OberrathS-Mitglieder, geschenkt. Se. Königl. Hoheit der Grobherzog hatte dem Jubilar zu diesem Tage da« Eommaudeur-Kreuz zu dem bereit« innegehabte» Ritterkreuz de« Orden« vom Zähringer Löwen gesandt, tu ausdrücklicher Anerkennung der vielfachen Verdienste deffelben um Staat und Eommune, wie auch um Synagoge und Gemeinde, und ist, so viel bekannt, der Jubilar der Erste, der eine so hohe Auszeichnung erhalten» wa« io jetziger Zeit seine besondere Bedeutung auch für Bade« erhält, da«, wenn auch nur von leisen Wellenschlägen de« Antisemitismus berührt wird. Bizum sväteo Nachmittag drängten sich die Gratulanten um da« Jubelpaar und auch die auswärtigen Freunde und Bekannten waren zahlreich durch Glückwunsch-Telegramme vertreten. Die Wohnräume glichen einem durch Gaben der Kunst zugleich gezierten Blumengarten au» den Blumeaspenden der Freunde. Und — last aob laut — inmitten deffelben ein Kranz von Kindern und Enkeln, die selber schon in hochaagesehener gesellschaftlicher Stellung. E» war eine GratulationScour und eine Feier der seltensten Art, und da« Beste, die Herzinnige Thcilnahme seiten« der ganzen Gemeinde, ste wird dem Jubelpaare wohl unvergeffe« bleiben. Mögen alle Segen«« wünsche fich an demselben bi« in« späteste Alter bewähre»! Gketa^tz» 11. Mai. (Or.«Torr.) Am 3. Jjar (23. April 1890) durcheilte die Trauerkunde unser« Stadt, der greise Rabbi Abraham Deutsch habe eben seine fromme Seele au-gehaucht. Siebenachtzig volle Jahre hat dieser tugendreichr, fromme und gelehrte Mann auf Erden gewellt. Mehr al» 6 Jahrzehnte hindurch gereichte er unserer Ge« meinde zur Ehre und Zierde. Man durfte ihn, zumal in den letzten Jahrzehnten, mit Fug und Recht den בעיר TM dm ,Einzigen in der Stadt" nennen, welcher die Tradiüon der ruhmreichen Vergangenheit seiner geistig bedeutendm Ahnen auch in der ander» gearteten Gegenwart unverbrüchlich festhtelt, welcher mit tief inniger ungeheuchelt aufrichtiger, peinlich sttenger Gewissenhaftigkett und Frömmigkeit eine überaus tiefe, gründliche, klare, viel umfaffenoe Kenntniß de» talmudischen und rabbinischen Schriftthume» verband. (Einen ausführlichen Nekrolog bringen wir in nächster Nr.) LZesterreich-Uttgar». An» Nähme«, 9. Mai. (Or^Lorr.) Anknüpfend an die Or.-Corr. au« Prag, v. 28. April, muß ich bemerke«, daß, während früher in den sogenannten böhmischen Dorf« gemeinden oft der ,SchammeS" fich zum ,Rabbiner" emporgeschwungen, jetzt der ordentliche Rabbiner gar oft zum »Schamme«" herabgewürdigt wird. Zur Begründung dieser Behauptung gestatte ich mir einige Sätze au« der Rede, die der CnltuSvorsteher M. bei der am 13. April in Prag statt« gefundenen Versammlung der CultuSvorstände Böhmen«, zu der kein Rabbiner zugezogen wurde, gehalten hat, hier zu reproduciren: »ES ist jetzt unsere Aufgabe, meine Herren, ein Statut zu verfassen, welche« den verhältniffen der Gemeinden anpaffend, sich genau und präci» »»«sprechen muß, waebm jede Gemeinde will u. s. w. Nun meine Herrm, nachdem wir von Seiten der h. Regierung ein solche« liberale» und freiheitliche« Gesetz rrhieltm, welche« vom RetchSrathe bewilligt u. s. w., haben wir die ganze Autonomie der Gemeinden un» vollständig zu wahren, u. zu sorge«, daß wir un« nicht selbst tztz hiaeingeben, die un» manchmal den Lebensnerv in vieler Beziehung unterbinden würden. E«ist daher dringend nothwendig, wenn wir überhaupt, wa« die CultuSgemeiudebeamten anbelangt, gar kein; Person nennen, sondein in dem betreffenden 8 nur von Beamten der CultuSgemeinde sprechen. Diese Beamten der CultuSgemeinde — fie können daun sein wa« sie wollen — haben fich vollständig de» Statuten und Anordnungen de» Vorstände« zu fügen, möge e» der Rabbiner, möge e» der Lantor, Lehrer oder sonst irgend rin anderer Beamter (d. h. Schamme«) sein. — Wir wollen un« nicht binden, wie viele Beamten »der wie wenige wir anstelle« »ollen in den Gemeinden. Wenn wir aber im Barhtnein un« schon eine Richtschnur stellen, wa« der Rabbiner oder ein anderer Beamter für Funktionen au«- zuführe» hat, so haben wir natürlich dann kein Recht, diese Bestimmungen, wen» wir fie später nicht in Ordnung finde«, außer Acht zu laffeu, als» ich denke, wenn wir solche Para-

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