Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 20 (15.5.1890)
- Date
- 1890-05-15
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
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groph« aufnehmen, welche dir Autonomie der Gemeinde voll» ständig wahren, und zwar in e^uer Weise, daß kein Leamt er irgend einen Einspruch über Beschlüsse de» Bor» stände« erheben kann, so glaube ichHist damit schon etwa« geschaffen.* Zeigt diese Sprache nicht klar und deutlich, daß sman in Böhmen auch fürder den Rabbiner mit dem ,SchamweS* gleichgestellt wissen will? Und da wundert man sich noch über den großen Rabbivermangel, der fich schon jetzt überall in Böhmen fühlbar wacht. Welcher anständige charaktervolle junger Mann wird sich in unserer Zeit, in der selbst der Fabrikarbeiter fich der vollständigsten Freiheit erfreut und nicht mit Bangen der Zukunft eutgegensehen muß. so leicht entschließen, die schönste Zeit uod Kraft feiner Jugend, den nicht so leicht zu bewältigenden talmudischrn, theologischen und philosophischen Studien zu widmen, um dann nach langen Irrfahrten und abgehaltenru Hetzjagden, vulgo Probe-! predigten, in irgende-ver Gemeinde Ezechicn» al« EultuSj brawter, d. h. ״Rabbiuer-SchammeS" mit einem jährlichen j Gehalt von 600 oder gar 800 fl. auf drei Jahre vom . Pascha der EultuSgemeinde ausgenommen zu werden? Nur! erbärmliche Suatuna, die fich gern ducken und beugen und krümmen und u Ehrfurcht ersterben, wenn fie de« gestrengen! Herrn CultuSoorftrher« oder der gnädigen Frau CultuSj Vorsteherin, die oft die hervorragendste Rolle in der Gemeinde spielt, ansichtig werden, werden fich dem einst so hochgeachteten Rabbiuerstavde widmen, nicht aber Männer von Eharakter. Wa« soll aber au« dem Judenthum werden, wenn die kenntniß der Thora so au« seiner D-itte schwindet? Jo ganz Böhme» gibt e« keine fünf junge Leute, die fich dem 1 Robbinate widmen. Jede Gemeinde, die in die Loge kommt, da« iu ihrer Mitte vacant gewordene Rabbinat zu besetzen, muß ftoh sein, wenn fie nach langem Suchen endlich doch im Ausland« einen würdigen Menschen gefunden. Wird aber in Zukunft selbst im AoSlaude rin würdiger Eandidat zu finden sein, der fich entschließen wird, in einer Gemeinde Ezechieu«, selbst wenn mau ihm daS HeimathSrecht verschafft hoben wird, wo« wohl bei der jetzigen Strömung trotz der sogenannten czrchischen Judeufteundlichkeit nicht so leicht der Fall sein dürfte, die Rolle eine« ,RabbinerjchammeS* zu spielen? Wir glauben« kaum. Woher also sollen die Rabbiner bezogen werden? Und daß wir fie hier dringend bevvthige» liegt auf der Hand. Die jetzigen Schamotziw, Schochtim uud Lehrer, von denen Biele kaum im Gebetbuche correct zu lese» verstehen, können doch uicht trotz ihre« EerviliSmu«, durch den allein fie fich oft zu erhalte» wissen, da« Rabbinat bekleiden. Gott besser'« I — אגי הנ3ר (״אך, 5ני Akr«ßt»r§. T ie Baronifirung Sigmund v.Schoßbrrger'« in Budapest, wovon auch in diesen Blättern Erwähnung geschah, ist nicht so glatt abgelaufeu, wie mau geglaubt hätte. Sie hat nicht nur im gonzeu Lande Aufsthen gemacht, sondern fie bildete auch im ungarischen Parlammte für einen Abgeordneten den Gegenstand einer Interpellation an den Minister. Die Adelserhöhung diese« Juden wurde von den Antisemiten de« ungarischen AbgeordneteuSause«, die neuerding« ihre Glieder recken, scharf kritifirt, uud auch die Inter« pellation wurde iu einem erregten Tone mit einem satyrische», antisemitischen Beigeschmcck gehalten. Der Interpellant wollte durchaus kein genügende« verdienstvolle« Motiv darin erblicken, daß der Ausgezeichnete der ungarischen Akademie der Wissenschaften fl. 14000 sprnvete uud frag daher» nachdem er iu der^Jnterpellation die bekannten Leistungen de« Herrn Schoßberger wegwerfend behandelt und genügend erniedrigt zu haben glaubte, den contrafignireudeu Minister Baron Orczy: welches denn die große» Berdieoste seien, die ihn bewogen hätte«, eine solche hohe Auszeichnung, die eine» Juden iu die Reihe deungarischen Adel« versetzt, dem Throne vorzuschlageu? E« bewährt fich hier wieder die Erfahrung, daß iu de« »eistrn Staaten Europa'« selbst die iuttmste Asfimilirnng mit den Christen de» sinnlosen Raeeunuterschird nicht aufhebt, und so hat den» auch den neuen jüdische« Baron der Umstand, daß er seine Tochter zum zweiten male an eine» Lhriste» verheirathrt uud schon durch seinen ersten Schwiegersohn mit dem blauen Blut der Baronin in Berührung kam, vor den Angriffen de« SntisemittSmu« nicht geschützt. Der Minister hat io Ruhe geantwortet, daß Herr Schoßberger auf kommerziell-industriellen und national-Skonowischen Gebiete fich vielfach um da« Land und den Staat verdient gemacht Hab«. Diese Antwort wurde nur von einer kleinen Majorität im Abgeorduelenhause zur kenntniß genommen.* Sowie ober in Ungarn die Magyarisirung und Asfimilirnng de« Widerwille» der eingefleischten, neidvollen Antisemiten gegen die Bekenner de« Judenthum« nicht ableitet, so dürfen fich auch jetzt die ultta-czechischen Jade« in Böhmen enttäuscht sehen, von welchen gegenwärtig ein großer Theil die vollständige Ezrchisirung der Gemeinde- Institutionen in Angriff nehmen will. E« ergeht nämlich jetzt an die Juden in Böhmen ein Aufruf, unterfertigt von den jüdischen czechischen ReichSroth«׳ und Landtag«-Sdgcordmten, sowie de» jüdisch-czechischrn Mitgliedern bec Handel«- kammern und der Gemeindevertretungen, der unter Anderem Folgende« betagt: ,Bei der tkrrichwng und Neu-Organisation der Gemeinden und bei der Gntwerfung lind Feststellung der Statuten derselben wird fich auch die Gelegenheit daibicten, der czechischen Sprache jene Geltung und Wiitsainkeit zu verschaifen, welch« ihr in unserem Baterlande zweifellos gebührt. Der Gottesdienst soll so eingcr'chtet werbt», daß er auch unsere Glaubensgenosse« ezechischer RationalitSt befriedigt. Auch dir S ch ul angeleg nhe-ten mögen bei diesem Anlaffe einer gründlichen Reform unte-zogen weiden. Di« jetzigen sogenannten deuisch-jüdisch-n Schulen, die m den czechischen Gec enden alS GermanisationS-Jnstitute angesehen werden, Annen ihren biSherigcn Lharakter nicht beibehalten. Die jüdischen Sinder gehören zunächst in die ezechische BoltSschule, und dort. »» di« örtlichen Verhältnisse confessionelle Schulen als unenlbehrlich er» scheinen lassen, sollen dieselben in ezechische Schulen umgewan'׳elt werden." ,In dem Ausruf wird allerdings noch hinzugesügt, daß bei den ilzechen der Antisemitismus noch nicht Wurzel gefaßt Hab« und daß die Juden tr Böhmen, d-m Beispiel« der Juden in Ungar» folgend, fich jener Nation anschließe» mögen, w: che es gm mit ihnen meint und ihre Interessen bisher bestens gefördert hat." Doch diese Behauptung und diese Mahnung nehmen fich gerade jetzt schlecht au», gegenüber den Gräuelscenen, die i« diesen Togen anläßlich der Ltrikbewegungen in czechischen Ortschaften und Städten fich zutragen, und Angrstcht« der Plünderungen, die fich fast nur jüdische Saufleute zum Opfer aussuchteu, gerade so wie die« vor einige» Woche« bei dem Arbeiterstrike in Wien geschah, au« dessen excesfive« Austritten man stet« die Parole vernahm: »Nieder mit den Juden." Bor deffeu Wuth nur die Aufschrift ,christlich-confesfiontrter Brandweinschank* retten tonnte. Für da« so wichtige Gesetz betreffend die Regelung der RrchtSverhältuiffe der jüdischen Gemeinden hat eine Dtp«- tattou der Wiener, böhmischen und mährische» Juden de« Ministerpräfidenten Grafen Taaffe und dem Lultu««inifter Gautsch in besonderer Audienz den Dank der Sfterr. Juden überbracht. Unvergeffrn seien aber auch die Berdienste de« Freiherr« von KSnigSwarter um da« Zustandekommen diese« Gesetze«; dmn er saß al« Mitglied in der erste» Lu<zu4t», die zur Berathung eine» einschlägigen Gesetze» vom Eultu«- minister rinberufen wurde, und hier sowohl al« im H-rren- Hause hat er posante Redm gehalten, in welchen cr sich als ' hochlutelligeuter warmfühlendrr, die Bedürfnisse de« Indenthum« unserer Zeit wohlkeanender Glauben-genoffe mauifeftirte uud durch welche er seinem Stamme viel Ehre derettete. Baron Sönig«warter veradiäumt überhaupt keine Gelegenheit, um fich al» gebildeter, humaner und patriotischer Jude zu zeigen, und hat erst jüngst die« durch eine neu« Thal bewiesen, die sowohl ihn al« seine Glauben-genoffe»- schaft iu der Achtung der Refideuzbewohner heben mnß. — In der Wiener Stadtbiblimhek nämlich ist eine Hmidschrtften» Abtheilung gegründet worden zur Aufnahme de» schriftlichen Nachlasse« der vaterländischen Dichter Grillparzer nutz Raimund.