Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 20 (15.5.1890)
- Date
- 1890-05-15
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6492344-5935074-5956707--0174-5373791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-1■ — 147 Sriefe a«S Pole». Warschau, im Mal 18SÜ. Die seit einiger Zeit in den nisfischen und polnischen Blattern §irfu(irmbe Notiz von der binnen kurzem durchzuführeuten Brschrärkung der Rechte der Juden in Polen, scheint doch nicht so an» der Luft gegriffen zu sein und jeder realen Bast» zu entbehren, wie man bisher nur zu leicht zu glauben geneigt war. Heute steht e» bereit« außer Zweifel und i st es allgemein al« Thatsachr bekannt, daß e« d׳r Regierung mit diesem Vorhaben, die den polnischen Juden im Jahre 1862 eingeräumten Rechte wieder zu nehmen, furchtbarer Ernst ist, und obwohl man noch nicht ganz darüber im Staren ist. inwieweit fie dieselben rückgängig machen will, so läßt sich doch schon heute, nach den iu den LandrSblättern mitgetheilten Hauptpunkten der Beschränkungen zu urtheilen, feststellen, daß Fall» die Regierung ihr Vorhaben auch durchführen sollte, die Juden Polen« dann gleich ihren GlaubenSgenofsen iu Rußland rechtlos sein werden und ihnen ni cht» übrig bleiben wird, al« da» Bündel zu schnüren und gebrochenen Herzen» die 8u«wavdrrung nach fernen Landen anzurreten. E« soll nämlich den Juden verboten werden. Land al» Eigenthum zu kaufen oder zu pachten, auf Dörfern und i« Brenz-Rayon sich niederzulaffen, in Städten und Straßen zu wohnen, in denen ihnen vor 184V sich niederzulassen verboten war, sowie christl. Befinde und Arbeiter zu halten, ferner die Ausübung der Advokatur u. s. w. Wir man hierau« ersteht, bezwecken diese Punkte, deren Durchführung Polen ohne Zweifel einen Todesstoß verversetzen wird, da dadurch die ungemein traurige wirth» schaftliche Lage Polens nur »och elender» und der Handel noch mehr finken wird, nicht» andere», al« den Juden jeden Erwerb unmöglich zu machen, fie geradezu zu vernichten» und Augeficht» solche« Streben« der russischen Regierung, w:» Wunder, daß »er-Jude fich nicht mehr heimisch und sicher iu seiner Heimath fühlt, wa« Wunder, daß er. in ewiger Furcht schwebend und um Leben und Eigenthum besorgt, die erste beste fich darbietende Belegenhrit ergreift a u « z u » «andern, um im Lande der Freiheit frei athmeu und arbeiten zu können. Und dennoch möchten viele russische und polnische intelligente Juden dieser zusehend» zunehmenden Auswanderung einen Damm fitzen, und dennoch herrscht noch immer Spaltung «ud Bezänk im Innern de» Judenthum», und dennoch will Niemand die heraufzieheuden großen Gefahren beachten, mau behandelt sie wegwerfend, al» handelte e» sich nicht um Dinge, von denen da« Heil der slawischen Juden abhinge. Und wollte man nach der Ursache diese» Judifferenti»- mu» der mit der Größe der Befahr zuuimmt, fragen, wie es nur möglich ist, daß die intelligenteren streife nicht» für ihre unglücklichen, gehetzten Stawrie-genoffen thuu, so wird man hierüber kaum eine genügende Antwort erhalten. Freilich kann e» Niemand leagnen» daß auch den tutelltgensten Juden die Hände gebunden find, selbst wenn fie etwa» für ihre elenden Glaubensgenossen thun möchten, denn in Wiiklichkeit haßt die Regierung den gebildeten Juden noch weit mehr, al» den jeder Billmng baaren. Dafür aber haßt der intelligentere Jude, wenn er überhaupt den Namen ,Jude* noch verdient, nicht» so sehr al» die eigenen uugebildete» Blaubensgenoffen und seine Religion, gegen welche er absichtlich eine völlige Gleichgültigkeit, ja Mißachtung zur Schau trägt. Da» Judenthum, die jüdische Religio» ist kein Unglück. Aber ein wahre» Unglück für uasere Religion, für unser Volk find diese sogenannten gebildeten Indifferenten, die alle» Heil nur in der Nachahmung und Assimilation erblicken. O, Sottl Seit Jahrtauseuden fü1» unser« Augen auf Dich gerichtet; behüte Dein Volk vor bat äußeren Feinde», die ki« Mittel scheue», e» zu vernichten, aber auch vor den inneren Feinden, die da« Wesen Deiner Lehre nicht begreifen und von einem falschen Eifer beseelt, fremde» Feuer auf Deinen heiligen Altäre legen. A. L. AuS der Praxis. Die mißlichen Zustände, welche heute noch die Stellung und die Existenz de« jüd. Lehrer» erschweren, find schon so oft in Organen, welche speciell jüd. Interesse wahrnehmen» in vrochürrn und auf Lrhrerconferenzen besprochen, daß e» fast üderflüsfig ist, zu diesem Eapitel noch etwa« hiuzuzufügen. Wenn ich e» dennoch thue, so veranlaßt mich hierzu der Aitikel de« Eollegen Lohn au» Ree», den die Nr. 17 Ihre» geschätzten Blatte» unter obiger Svitzmaike brachte; den» da« angeregte Thema ist meine« Erachten» nicht genügend erschöpft. Wohl ist e» kein schöner Zug der jüd. Gemeinden, die bei Besetzung einer Stelle nur dem Gewählten die Reisekosten vergüten und die andern Eandidaten für ihre Bemühungen leer ausgehen lasten. Wer hat aber die Gemeinden zu diese« inhumanen Beschluß veranlaßt? Da» find in erster Reihe die zahlreichen Bewerber, die gleich den Bienen umherschwärmen» um d׳e Herzen der Gemeinden, die sonst wohl für ihre Lehrer schlagen, denselben abwendig zu machen durch ihr Verhallen. E» find nicht EultuSbeamte deutscher Abkunft, dir ich zu dieser Kategorie rechne, sondern solche, die au« Polen oder Rußland hrrüberkommen. Diese Herren, welche gewöhnlich in der jüd. Gebetliteratur, den traditionellen Vorsänger- Melodie« bewandert, aber ohne jede pädagogische und wiffenschaftliche Bildung find, stellen fich bei der vacanz einer CultuSbeamtenstrUe ,unberufen" den Gemeindevorstehern vor und geben sich auch, gestützt auf daSZeugniß irgend eine» obskuren Rabbiner« al« Lehrer au». Diese Art Leute, die bei solchen ,Vorstellungen" nicht» zu riskieren haben — denn die Reisekostcn schlagen fie doch so nebenbei unterwegs herau« — überlaufen ja förmlich die Gemeinden, welche einen LultuSdeamten anzustellen beabsichtigen. So muß fich denn unwillkürlich bei den Gemeinden bei solchen Wahrnehmungen der Glaube befestigen, daß die jüd. LultuSbeamten überall wie Unkraut hrrvorwuchern, und selbstredend kann alsdann die Achtung vor der jüdischen Lehrerwelt nicht zunehmen. In zweiter Reihe haben auch die deutschen jüd. Lehrer zu solchen inhumanen Beschlüffen der Gemeinden ihren Teil beigetragen» indem sie zu wenig oder fast gar keinen Esprit de csrp» besitzen. Sie besuchen wohl Lonferenzen und deratheu da, aber praktische günstige Resultate für ihr materielle» Wohlergehen find (ausgenommen die Lehrervereine mit Unterstützungskaffen) noch wenig dadurch erzielt. Bei un« jüd. Lehrern wird noch sehr wenig der schöne Spruch beherzigt; ,Einigkeit macht stark l" — Man fleht e» ja, wie in allen GcsellschaftSgrschichten heutzutage das Bestreben hervortritt, durch Einigkeit und feste» Zusammenhalten für dapraktische Leben große Bortheile zu erkämpfen, wa» sonst einem Einzelnen fast unmöglich ist. Arbeiter, Handwerker und andere Genoffenschaften haben sogar die Legi«lative durch ihr einmütige« Auftreten gezwungen, zu ihren Gunsten, Gesetze zu erlaffen. Und sollten wir jüd. Lehrer durch solch« Beispiele nicht zur Nachahmung aufgemuntrrt werden? Mein« Hoffnung »ersteigt fich zwar noch nicht bi» zu dem Höhepunkt, daß etwa der Staat für un» eiutrete — aber in Bezug aus da» Verhalten der Gemneino.n gegen uu« könnten wir durch feste« Zusammenhalten schon etwa« Günstige; erzielen, wenn z. B. sämmiliche deutsche jüd. Lehrer fich verpflichten, fich nicht um vacante Stellen der Gemeinden zu bewerb.n, in deren Annoneeu da» ,bekannt« Schwänzle", wie Lollege Lohn sagt, hrrvorguckt. Ich bin überzeugt, die jüd. Gemeinden, die fich zu de« austäudigr« rechnen, werden, wen» fie von solche« Beschlüffen der jüd. Lehrer in stenntniß gesetzt find, alle» vermeide», wo» anstößig wirkt. E» naht ja bald die Zeit, in der jüd. Lehrerkonferenzen