Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1890-05-08 · 19 (8.5.1890) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
19 (8.5.1890)
Date
1890-05-08
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492344-5935074-5956706--0165-5373783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Fragen wir, was ist das für ein Geist, der ,semitisch« Geist?* Der semitische Geist ist der Geist, der die Welt erobert hat, der Geist, welcher der Welk die Einheit Gotte« und da« Gebot Bottes: ,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selb st* verkündete: es ist dev Geist des großen Lehrers Moses, der die 10 Gebote vom Sinai brachte; es ist der Geist, der den Josua KriegSheldenthaten verrichten ließ; es ist der Geist Samuels, mit dem er Prophetenschulen gründete; eS ist der Geist, der dem König David die herrlichen Psalmen eingab und so die Menschen beten lehrte: es ist der Geist, aus dem König Salomo die vortrefflichen Sittensprüche, da- Lied der Lieder und den philosophischen Kohelet schuf; es ist der Geist, der den Jesaias, Jeremias und Ezechiel und die anderen Gottesmänner der Schrift zu Propheten bildete; es ist der Geist, der den Hiob dichtete; es ist der Geist des alte« Hillel, der einem Heiden, welcher in spöttischer Weise zu ihm sagte, er wolle Jude werden, wenn er ihn die jüdische Religion lehren könne, so lange er auf einem Beine stehe, sanfftnüthig erwiederte: Das kann ich, mein Sohn: ,Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst — und was Du ״nicht willst, das man Dir thue, thue auch einem Anderen ״nicht. Das ist die Grundlehre de« Judenthums, alles ״Andere ist nur die Erkärung davon*; es ist der Geist, der die Makkabäer trieb, das Joch der syrischen Könige von sich abzuschütteln, der Geist, der die Bewohner Jerusalems zu heidenmäßigem Widerstande gegen die weltbesiegenden Mömer befähigte; es ist der Geist, der den erhabenen Stifter des Ebristenthums erfüllte, der Geist, der seine Apostel beseelte, der Geist, der die Evangelien schrieb; eS ist der Geist, der die ersten Juden-Edristen als Märtyrer ihren Glauben mit dem Tode besiegeln ließ; eS ist der Geist, der die ganze Christenheit, die Erchen, die Schulen und die Häuser der Christen durchweht; es ist der Geist, der dem Judenthum die Kraft verlieh, anderthalb Jahrtausende hindurch die ärgsten Bedrückungen, die gräulichsten Verfolgungen zu erdulden; es ist der Geist, der den heutigen Juden Kraft und Muth giebt zum ErtragenLalles Leides, das man ihnen zusügt; es ist der Geist, der ihnen zu allen Zeiten hervorragende Eigenschaften und Tugenden ins Herz pflanzte, gegen welche die Schrrächen, die ihnen anhaften, verschwinden; es ist schließlich der Geists der erhabensten, bedeutendsten Männer- und Frauengestalten, von welchen die Weltgeschichte erzählt. Das ist semitischer Geist. Wer gegen diesen Geist ankämpft und die Juden, weil sie Semiten, haßt und verfolgt, der ist Antisemit, zugleich aber, was schlimmer ist — fttttidjtif). Schreiber dieses kennt das Evangelium und die Sittenlehre deS EhristenthumS so gut und vielleicht besser, als viele, die sich Antisemiten nennen; er weiß, daß Haß, Mißachtung, Verfolgung, Lieblosigkeit und Kränkung, wie sie in dem Antisemitismus zu Tage treten, schnurstracks dem Geiste des Ehristeuthums widersprechen; er weiß, daß ein wahrer Ehrist, d. h. wer nicht bloß äußerer Bekenner, sondern wirklicher Bethätiger bes; Christenglaubens und treuer Besolger seiner Lehren ist, daß er keinen Menschen Haffen, «och verfolgen, noch ihm BSseS zufügen oder gönnen darf, am wenigsten den Juden, deren srmstischrm Stamm und Geist er da» Höchste verdankt, was dem Menschenleben Werth verleihet — seine Religion. Weg also müden Antisemitismus! Antisemite«th«m ist >»ttchrt<ke«th»«. Antisemit sein, heißt fteantr <ttzrikke»th«mB sein. Gießen, im Mai 1890. Rabbiner Dr. Levi. Gerichte rmd G»rresp»ndemen. De«eschl«rod. M«ßdet»r§, 1. Mai. (Vr.-Corr.) ES ist eine allgemeine Klag« der Barsiände vieler Sroßgemeindea, daß da« Armenbudget sich mit fedrm Jahre vergrößert. Der Drang sich in eiver großen Stadt niederzulaffen, ohne dabei einen ficheren Erwerbszweig zu haben, die ungeheuren Ausgaben, die zur Bestreitung de« Lebensunterhalt» erforderlich stad und nicht erschwungen werden können, bewirken die Zunahme dr» Proletariat». Rein vom finanziellen Standpunkte au» betrachtet ist die Auffaffung derjenigen, die einen Theil der Armen an die städtische Commune verweisen, nicht so stricte zu verwerfen, wenn wir sie auch nicht gutheißen. Wir find nun einmal eine Religionsgemeinde, die mit Herz und Hand dem Unglück, soweit c« irgend geht, steuern muß. Auch audem ״Bericht der Armencommisston der jüdischen Gemeinde. Berlin", umfaffend die Jahre 1887—1889, ersehen wir. daß sich die ungünstigen Berhältnisse nicht gebessert haben. Zahlen beweisen. Die Zahl der Unter« stützung-anträge betrug 1887 : 3377 1888 : 3549 1889 : 3811 In Beträgen von 6 bis 3V Mark wurden monatlich unterstützt 1887 : 231 Personen mit 35.187 Mark, 1888 : 235 Personen mit 34.791 Mark» 1889 : 225 Personer mit 34,002 Mark. Die Extragaben, die in Raten ä 10 bis 300 Mark bewilligt wurden, betrugen: 1887 : für 2128 Personen 37070.87 Mk., 1888 : für 2074 . 34808 80 Mk.. 1889 : für 2552 38124,50 ״ Mk. Diese Summen wurden aus den eingegangenen Ge» schenken, freiwilligen Beiträgen und den 33 milden Stiftungen bestritten. An Geschenken, anderweitigen Zuwendungen und steiwilligen Beiträgen gingen ein 1887 : 29180 Mk., 1888 : 22641 Mk., 1889 : 35930 Mk., wovon alljährlich ein Drittel dem Fond» für verschämte Arme überwiesen wurde. Die an verschämte Arme in Raten von 50 bi» 400 Mark bewilligten Unterstützungen betrugen: 1887 : 25830 Mk., 1888 : 22332 Mk.. 1889 : 20979 Mk. Wir wollen hierbei Hervorheden, daß über diese Unterstützungen keine Acten geführt worden find; es liegt dain dem Charakter der Unterstützungen und verdient besonders anerkannt zu werden. Im Jahre 1889 ginge» an bestimmten Geschenken, Legate» für verschämte Arme 7350 Mk. ein. Wahrlich ein anschauliche« Bild von dem regen Opferst»«, der unsere Glaubensgenossen beseelt! Ilsrk«, 6. Mai. In dem heute eröffneten Reichstage befinden sich folgende fünf jüdische Abgeordnete: 1. Ludwig Bamberger (freisinnig), geboren 1823 zu Mainz, studirte 1842 bi» 184S zu Gießen, Heidelberg und Güttingen die Rechte, gab 1848 die ״Mainzer Zeitung" kerau» und begab sich wegen Betheiligung an der Bewegung von 1848 »ach der Schweiz. Bon 18S6 bi» 1886 leitet« er mehrere Bankhäuser i» London, Amsterdam, Rollerdam uud Pari» und kehrt« nach der allgemeinen Amnestie nach Berlin zurück. Herr Bamberger hat mehrere politisch« und volk»wirthschastliche Wer« geschrieben und hat« auch «inen Sitz im Zollparlmnent. Seit der Gründung de» deutschrn Reiche» war er ReiÄtagsmitglied von 1871—1874 für Mainz und von daun bi» heute für Alzey-Bingen. 2. Maz Hirsch, Dr. phiL, geboren 1822 (1832?) zu Halberstadt, studirte zu Tübingen, Hrildelberg unL"Berlin, war Theilhaber an mehreren Geschäfte» >-nd bereifte vor 22 Jahren England und Schottland. Rach seiner Rückkehr von dort gründete er in Gemeinschast mit Schulze-Delitzsch uud Franz Dnncker die ״deutsche Arbeitergenossenschast", die er sei: 1869 al» Anwalt vertrat uud deren Organ ״Der Gewerbeveretn" er herau»gab Dr. Hirsch ist Mitbegrnuder de» ״Bolk»bildung»ver«in»", der ״wissenschaftlichen Gesellschast" und der ״Humboldt-Akademie", in welwer er über ״BolkSwirthschaft" liest. Diese Wiffenjchaft hat er durch verschiedene Werk«, besonder» über die Arbeiterfrage, blichen und ist seit 1869 mit einigen Unterbrechungen Mitglied de» Reich»tag». 8 Ein merkwürdiger Mann ist Herr Paul Singer (Sozialdemokrat), 1844 geboren. Al» Eausmenn und Industrieller beschäftigt er «ine groß« Anzahl Arbeiter. Seit 188» Stadtverordneter uud Par»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.