Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1890-05-08 · 19 (8.5.1890) · p. Seite 138

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
19 (8.5.1890)
Date
1890-05-08
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/6492344-5935074-5956706--0164-5373782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Talmud theilt di« Arbeiter tu 3 Klaffen: 1. Mietharbeiter, »eiche ein Stück?and direct vom Eigeuthümer erhielten und diesem einru Theil de« Ertrage« nach vorheriger Ueberrinkuuft lieferten; 2. Hondwerker; 3. gewöhuliche Arbeitsleute. Die erste Klaffe stand bei deu Talmudiften in hoher Achtung. Der Talmud sagt eiumal: ,Alle Handwerker «erden sich einst dem Ackerbau zuaenden" und an einer andern Stelle: ,Jeder, welcher keiu eigene« Stück Land bearbeitet, kan» nicht ,Menschgenannt werden.' E« mögen daher einige Bestimmungen über de« Ackerbau hier folgen: Jeder, welcher ein Stück Land bearbeitete, hatte dem Eigenthüwer eineu solchen Antheil von dem Ertrage zu liefern, wie diese« durch den OrtSgedrauch festgestellt war; dieser galt hierbei als Ersetz. Die Erzengnisie aller Art wurden in gleiche Theile getheilt. Im Falle einer Mißernte hatten Beide den Verlust zu tragen. Der Pächter durfte nur solche Produkte mltiviren, welche im Pachtvertrag festgestellt waren. Hatte er da« Land nur auf wenige Jahre gemirlhet, so durste er daffelbe nicht mit Flach« besäen, weil dieser da« Land mager macht. Hatte er ti auf längere Jahre gemiethet, so hatte er Anspruch auf besondere Rechte, welche unter dem Namen Liraaak» tN^lN-Befitzrecht) bekannt und noch heute in Palästina in Geltung find. (Wie zu den Zeiten de« Talmud spielt noch heule diese« Recht eine große Rolle im bürgerlichen Leben Jerusalem».) Ein Miethrr, welcher 3 Jahre ein Hau« dewohnt hat, kann diese« Recht io Anspruch nehmen. Wird da« Hau« verkauft, so kann der neue Eigeuthümer den Miether nicht auStreiben. Natürlich muß dieser seine Miethe bezahlen, aber die Gewalt de« zeitigen Eigeuthümer« ist durchau« beschränkt. So hat ein Miether nach 3 Jahren auch da« Recht, wenn da« Hau« zum Berkauf kommt, diese« zu dem Originalpreise anzukaufen, wenn auch von anderer Seite eine Mehrgebot gemacht wird. Ein HauSeigenthümer muß auch seine Miether mit Waffergrfäßen versorgen.-) So giebt e« zahlreiche Gesetze über da« Berhältniß de« Eigeuthümer« und Miether«. Der Talmud interesfirt sich ebenso für den Hand- Werker und hat al« Sprüchwort: Sieben Jahre herrschte Mangel in der Stadt, klopfte aber nicht an die Thür de« Handwerker«.' Für deu Handwerker find keine Arbeit«- stunden oorgefchriebea, denn al« sein eigener Herr und in seinem eigenen Hause konnte er arbesteu, so lange er wollte. Auch der gewöhnliche Arbeiter erftrnt sich der Werthschätzung de« Talmud. Dieser sagt: .Wer sich durch seiner Hände Arbeit ernährt, steht höher al« ein GotteSsürchtiger.- Auch der Bermitller zwischen Herrn und Arbeiter spielte zur Zeit de« Talmud eine wichtige Rolle. ArbeitdauSstLnd« gehörten zwar nicht zu den Seltenheiten; aber nach talmndischem Gesetz war der, welcher seinen Lontract gebrochen, im Rachtheil. Sklaven waren Sklaven, sowohl körperlich al« geistig. Sie waren überall gezwungen, die Religion ihrer Herren anzunehmen; die Talmudgelehrteu aber billigen diese« Berfahren nicht, da sie der Ansicht find, daß die GewiffeuLfteiheit der Sklave« auch in ihrer untergeordnete» Stellung keine Einbuße erleiden darf.—) Freiheit, Gleichheit uud Brüderlichkeit bilden die Basi« der ganzen talmudischeu Gesetzgebung, von der unsere Zeit noch Viele« lernen kan». ״Gonnenschckirr." Unter diesem Titel hat der bekannte ,alte Diplomatda« vierte Heft seiner ,Briese an einen jungen Freund- •) Hierunter find jedeusall» di« Lifteruen zum Sussanaen de» Stegen- Wasser» perstanden. (Der lleberf.) -^Wen» ein Ella»« «in Gelübde!hat. s» konnte sei» Herr ihn nicht davon entbinde», wogegen e» de« Lheman» gestattet war, da» * elübde seiner Ehefrau für unglltig zu ertUiren. soeben im Berlage oon Richard Wilhelmi in Berlin erscheiuen taffen. Der Brrfaffer ist ein echter Eonservativer von alte« Schrot uud Korn, uud wenn »an auch nicht Alle«, wa« er über die Eouftellatiou der Parteien im neuen Reichstage, sowie über die Güte deffrlbeu sagt, Wort für Wort uuterschreiben will — so wird doch jeder Leser die« Hestcheu nicht nicht ohne da« vekenutniß au« der Hand legen, an diesem ,alten Diplomatensei jeder Zoll ei« Gentlemau! Zwei Stellen sind e« ganz besonder«, welche veraalaffung geben, diese« Hestcheu« in diesem Blatte Erwähnung zu thuu; e« find die Urtheile de» Berfaffer« über dm AutisemitiSmu«: Auf Seite 21 upd 22 bei Besprechung der brenneudm Arbeiterfrage verlangt der Autor, der au deu jetzigen Tonservativeu offenbar selber keinen Gefallen hat, ,daß die politische Action de« Staate» von der Kirche tu eifriger Arbest begleitet und unterstützt werden muß. D:nn mit dem mmschlichen Gesetz allein läßt sich eine sociale Reform nicht durchführ«,-.... Sr begehrt de«h,lb ,daß die neue confervative Partei sich die hohe Aufgabe stelle, der evangelischen Kirche eine auf einer kirchlich-geist gen Grundlage aufgebaute Berj^ffuug zu erringen, damit sie, oon bnreaukratischer Einschräukuu, frei, an die großen Fragen uud Aufgaben der Zeit auch ihrersest« würdig herautretm könne, statt sich unter der Argide der ,Srenzzritung- und der antisemitischen Hetzer auf die Wege eitler Pietistischer uud sophistischer Muckerei und Uuduldsamkeit zu verirren!- Hierauf geht Berfaffer mit der »Kreuzzeituug«cliquein« Gericht, mit diesm ,Epigonen der Stahl, Gerlach uud Wagner, dieser Clique, derm Hämisch kein feste« Rückgrat, deren Helm keinm denkfähige» Kopf bedeckt.- ... ,Diese Partei, welche niemal« ehrlich im Kartell stand, sei der Krebsschaden de« Kartell« gewesen, und dazu die unglückselige Verquickung dieser Partei mit dem sögeuanutm Antisemitismus, diese« so überaus unglücklich gewählten Namm einer noch unglückseligem Sache. Ich habe meine Meinung über die gehässige und ungerechte Judeuverfolgung schon früher ausführlich auSgesprochm; e« find dadurch viele, für eine gesunde und couseroative Entwicklung de« Staat«- und GrsrllschaftSlebeuwichtige uud nützliche Elemente auf da« Tiefste verletzt und mtweder io erbitterte Opposition gedrängt, oder z» trauernder Uuthätigkeit »er« urtheilt wordm. Mau wird e« bei Gott, einem Juden, der sich achtet, nicht verübeln ktznneu, wenn er sich von einer Gesellschaft zurückhält, in welcher der bitterste Haß uud die ungerechteste Berläumdung da« große Wort führte. Man wird e« kaum vernrtheilen können, wmn er den Haß dem Haß entgegensetzt und sich de» Parteien anschließt, die seine Stamme»- «ud Glauben«- genoffm vertheidige», auch wenn er mit deren sonstigen Zielm nicht übereiuftimmtl l Sollte der ,aste Diplomatdiese Zellen zu Gesicht bekommen, möge er au« ihn« die Berfichernug herauSleseu, daß nicht nur unser Mmschmthu«, sonder» auch unsere Religion nu« verschiedentlich untersagt, Haß mit.Haß z» vergelte», und wir unser« Stärke darein setzen, unsere — wenn auch irregeleiteten — Brüder belehrend zurechtzuweisen (Levsticn« Lap. XIX, 17). Nach dm anfgeführten Proben sehen wir der Erfüllung de« Bersprecheu«, welche« der Berfaffer auf S. 22 un« giebt, über diese Frage ausführlicher zu schreiben, mst Freud« entgegen. Eobleuz. Di. M. ©inper. U«tisemite«th»m ist Autichriste»th»m. Wa« heißt das: Antisemit? Antisemit heißt: Gegner des Semiten, Gegner des Semitenthum«, Gegner de« semitijcheu Geistes.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.