Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 18 (1.5.1890)
- Date
- 1890-05-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492344-5935074-5956704--0157-5373776- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
182 crflflrt fich bol Steckenpferd, auf dem sich L. tw««r Dir rix wilbrr Snabe umhatnmmekte: ,Orgelklang onb fBciber■ fang.*’ Unb hoch ist bir Orgel ursprüxglich vo« de« Christen gemieden worben; fie würbe erst im 14. Jahrhundert all« gemein eivgesührt, aber avch ba noch mit heftigem Wiber« fpruch, aus Furcht, die Lirche zn jubaistren. Jetzt meiben bir orlhodoxeo Juden die Wiedereinführung der Orgel, aus Furcht, die Synagoge zu christiaotsiren! Such dir Beanstandung des ,Weibersangs" im grwischien Thor ist nur rin» Nachahmung des christlichen rnulisr taceat in eoclesia, welches die Lirche zur Bekämpfung des sinnlichen und obfrönen heidnischen Lultus nöihig hatte; bas Judenthum hat Beispiele der frühen» aktiven Betheiliguog der Frauen am öffentlichen Gottesdienste. In Mainz trennte fich ein Theil der Gemeinde und berief 8. zum Rabbiner, aber eiue Separatgemeinde wurde daraus erst in späterer Zeit. Der Friede und soziale Berkehr beider Gemeinden wurde zu keiner Zeit gestört, sogar 8. lebte in einem guten Berhältnis mit Salfeld, und die Mit« glieter der orthodoxen Gemeinde besuchen auch den Gottesdienst ber Hauptgemeinde, so das, die Möglichkeit nicht aus« geschloffen ist, daß beide Gemeinden sich jetzt wieder unter einem Rabbiner vereinigen; ökonomische Rücksichten spielen hierbei dann auch eine Rolle. C 8.'s Bedeutung liegt hauptsächlich in der Gründung einer orthodoxen Presse und in der Redaction seines Bkattrs: ,Der Israelit." L.'S Gemeinde wurde erst von Bedeutung, als viele Mitglieder der Landgemeinden mit ihrem viele«! Gelbe, aber ihr:r zurückgebliebenen Cultur nach Mainz zogen > und sich der orthodoxen Gemeinde anschloffen. Dieser Umj stand gab 8. die Weisung, auch anderswo für Bildung von Separatgemeinden als Bertretninncn des sog. ,gesetzestreuen" Jutcnthumr zu wirken. Der Zweck heiligte hier die Mittel; Verketzerung und Perläumdung andersdenkender Rabbinen wurde nicht gescheut, um Formgläubigkeit zu protegireu, oder formgläubiges Leben gegen fortschrittliche Bestrebungen in Schutz zu nehmen. Die früheren Reformbestrebungen kamen in Stillstand, nicht nur durch den JndifferrntiSmuS der Anj Hänger, sondern auch durch die steigende Macht der Ortho- | doxie, indem der Zug der Landleute nach den Städten die ursprüngliche Physiognomie der Stadtgemeinden veränderte und die Zahl der Orthodoxe» vermehrte. Durch diese Erscheinuug gelaugte 8. und sein Blatt zu Macht und Einfluß, unterstützt auch in seinen Bestrebungen von Hirsch und Hildesheimer uebst Anhang in Frankfurt und Berli». Man hat den Werth und die Macht L.'S unb seiner Partei anfangs unterschätzt; man hatte ihn zu lange ignorirt unb nicht bekämpft, als ihn zu besiegen noch möglich war; jetzt fehlt es zu sehr an Bor« und Mitkämpfern. Jedoch wollen wir von 8. nicht scheiden, ohne auch Gutes von ihm anzuerkennen. Er hat bas Berdienst, die Orthodoxie durch eine zeitgemäße Färbung zu einer stützenden Säule de« JudenthumS gemacht zu haben, denn auch die Orthodoxie konnte nicht umhin, sich von der Reform manche Direktive geben zu lassen. Die fahneuflüchtige Jugend unserer Zeit, welche ber Orthodoxie feindselig und gegen die Reform gleichgültig geworden ist, thut nichts für die Erhaltung der Religion. Wir müssen freilich wiederholen, an dieser Gleichgültigkeit gegen da« Judenthum und an der Fahnenflucht in demselben trägt die Feindseligkeit der Orthodoxie gegen die Reform die Hauptschuld. Wäre die Orthodoxie mit der Reform gegangen, die Reform hätte fich berathen und die Orthodoxie belehren lasse». Solch' friedliche» Zusammengehen aber suchte 8. zu verhindern, der stet» auf Trennung und Separation hiuarbeitete. — Dieses Uriheil vermögen all' die verhimmelnde» Nekrologe*) in den orthodoxen Blättern nicht zu ändern; daß man darin de» •) Daß selbst die .steuographisch' wie der gegebenen ttzrabredea tendenliüse Aendcrunge» erfahren haben, wird uns von Ohreazengeu berichtet. Es gilt die« besonder» von der Salfeld'schen und Marx' scheu Rede. müht ist, ihn jetzt als אוהב שלום (,Friedensapostel") hin« zustelle», beweist nur, baß mau sei« br« Frieden entgegenstehendes Wirken im eigenen Lager verurtheilt. Kerichle mrd EorrespMrkerye«. Deutschland. Magbeßurg Die Berliner,BolkSztg." macht auf die amtliche preußische Statistik (Heft 102, 1890) über die Statistik ber preußischen LandeSuniverfitäteu aufmerksam. Hier finden fich auf den Seiten 6b und 66 die Religio us- Verhältnisse ber Studirenden behandelt; die Thatfache ber starken Brtheiliguug ber Juden am Studium wird feftgestellt und mit der größeren Wohlhabenheit und dem stärkeren Zusammensein der Jude» tu den Städten begründet. Hierauf wie« der Minister Goßler in seiner Rede gelegentlich der Judeudebatte im Abgeordnetenharse schon hin. Worauf er aber nicht hinwie«. das find die wenigen Bemerkungen, mit welchen auf Seite 67 der angeführte amtliche Bericht schließt. Sie lauten: ,Da« Ergebniß der obigen Ermittelungen geht somit dahin, daß die Juden, wie fie in jüngerem Lebensalter die Universität beziehen, so diese auch früher ver» lassen, als die Angehörigen der beiden christlichen Haupt« bekenntuiffe. Die jüdischen Studirenden scheinen darnach durchschnittlich mehr Befähigung zu besitzen und mehr Fleiß zu entwickeln als die Christen.' Diese Be« hauptungen stützen sich aus die dort angeführten festgestellten Thatsachen und Prozentsätze der länger als 7. 8 oder gar 10 Semester die Universität besuchenden Studenten. Zöerki». Der konservative ,Reichsbotr" führt gegen die Duelle ganz zutreffent Folgende» au«: ,Die Ehre und ihre Pflege ist vom Duell unabhängig. Sie muß srlbstvrrstündlich geschützt und gepflegt werden und wird es umsomehr, je höher die christliche (soll wohl heißen: biblische) Anschauung vo« Menschen, seiner gottebenbildltchen Persönlichkeit steht unb aufrecht erhalten wird. Nur die nach sittlichen Grundsätzen urtheilenden Ehrengerichte find dazu im Stande. Nur sie können dem Ehrverletzteu Geuugthuuug, Rechtfertigung, Wiederherstellung seiner Ehre bringen und über den Verletzer wirkliche Strafe verhängen. Da« Duell ist blind und sinnlos — es häuft auf den Berletzten gar oft außer dem Schade« au der Ehre, auch noch de» Schaden an Leben und Gesund- 'heit, während es den ehrlose» Verletzer der Ehre frei ausgehen und als ,ehrliches" Mitglied wieder in die Gesellschaft eintrete« läßt. Da« ist doch in keiner Weise weder eine Strafe noch eiue Geuugthuuug, noch eine Wiederherstellung der Ehre. Da« Duell ist jetzt nicht« mehr, als eine durch Borurtheil vererbte veraltete Sitte, die in einzelnen Volksklaffen besonders kultivirt wird. Es ist ein vorurtheilSvoller vererbter sittlicher Gefühlsirrthu», daß man die Ber« letzuugen der Ehre selbst und persönlich meint räche« z« müssen, und als habe die Ehre nur daun Werth, wenn bas Leben dafür eingesetzt wird. Ist die Ehre wirklich verletzt durch eine ehrlose That de» Beschuldigten selbst, so wird durch den Zweikampf die ehrlose Tat «ich t aus ber Welt geschafft, und ist die Beschuldigung grundlos, so kann die Ehrverletzung unmöglich dadurch reparirt werben, daß ber verletzte vielleicht außer seiner Ehre auch »och bas Leben verliert. Ueberbirs hat nach christlicher, (unb ihrer Quelle: ber jüdischen — Red.) Weltanschauung — außer ber Obrigkeit — kein Mensch da» Recht, selbst über sei» oder eines anderen Leben zu verfügen, aus welche» Grunde es auch sei. Das steht nur Gott zu — und auch die Ehre rechtfertigt keine Ausnahme." (Mao vergl. den Leitart. in dies. Nr.) Aalt». Innerhalb ber vereinigten Hörerschaft ba ,Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthnms" ist kürz« lich eine,Darlehnskaffe" begründet warben, z» deren Unter» ftLhung folgendes Circular versandt wird, bas wir ber Beachtung der Les« Ihres weitverbreitete» Blattes recht sehr empfehlen: