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Israelitische Wochenschrift · 1890-04-17 · 16 (17.4.1890) · p. Seite 116

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
16 (17.4.1890)
Date
1890-04-17
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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und Pflege der jüdischen — besonder« talmndischen — «iffenschaft hochverdienten Manne«, der e« verstanden hat, innerhalb der hiesigen fast ganz dem Jndiffere»ti«mn« verfallenm Gemeinde durch seine energische weitverzweigte Thätigkeil da« religiöse Bewußtsein zu wecken und zu stärk«, durch seine Energie eine bleibende Stätte für die verwaiste rabbi» «ische Wissenschaft in der Hauptstadt de« deutschen Reiche« zu gründe«, und al« eine Säule de« gesetze«treuen Judenthum« daselbst dazustehen, ist mit den Vorbereitungen der würdevollen Feier de« Jubeltage« beschäftigt; e« sind bereit« zahlreiche Beiträge zu einer »HildeSheimer-Stiftung" gezeichnet. — Au« gleicher Veranlassung sei hier auch eine« andern Manne«, der sich nach einer andern Seite vielfache ver« dünste um da« jüdische Gemeindewesen in Deutschland erworben hat. gedacht, de« zeitigen Vorsitzenden de« Deutsch- Israel. Gemeindebunde«, de« geh. SanitätSrath Dr. S. Kristeller, zu dessen im darauffolgenden Monat stattfindenden 70. Geburtstage ebenfalls ein Comitee von Freunden und Delegirten de« D. I. G.-B. mit Sammlungen zu einer »Kristeller-Stiftung" beschäftigt ist. L. Alzey. I.Apr'l. (Or.-Cr.) DaßdieantisemitischeMeuteso bald und so g'waltsam nach dem Rücktritt des Reichskauzlrrs für eine neue Hitzjagd gegen Juden und Judeuthum losgelasskii wird, scheint doch darauf hinzudeuten, daß die Zügel, welche sie bisher zurückhielten, nickt mehr in derselben Hand liegen. Wenn auch früher dem Gebell nicht gewehrt wurde, aber die Hetze hat man sicherlich nicht gewollt. Als sie dennoch losbrach, hat man ihrer nicht wieder schnell Herr w.rden können, nach der Erfahrung: Die bösen Geister, welche man beschworen hat. oder stillschweigend hat heraufsteigen laffen, sind nur schwer wieder zu bannen. — Daß der Gtisr der neuen Regierung den Juden fr«!willig zu Hülse kommen wird, läßt sich nach der Rede des Cultusmiuister« über die Confesssonalität, welche er der Volksschule geben will und bedauert, den höheren Schulen nicht geben zu können, mit Zuversicht nicht erwarten. War denn kein Dalberg da, welcher die falschen Beschuldigungen gegen Juden und Jutenthum im Abgeordueten-Hause widerlegt hätte? Die R i e ß c r und Losch fehlen uns, jüdische Abgeordnete fehlen überhaupt, und wenn sie da gewesen wären, sie hätten wahrscheinlich weder den Willen, noch die Fähigkeit dazu gehabt. Dieanderweitig schriftlich zu thun, ist erfolglos; diejenigen, welche es lesen sollen, lesen e« nicht. Unsere Feind« wollen nicht widerlegt sein, sie wollen dir Wahrheit, welche sie anerkennen, nicht bekennen; aber selbst unverdorbene und judenfreundliche Christen werden doch am Ende schwankend und halten allmählich die Lüge für Wahrheit, wenn ohne Widerlegung sie solche fort und fort wiederholen hören. Was soll «S heißen: Die Moral des Judenthum« und der Juden verderbe Christcnthum uud Christen, schädige Volk und Staat? Mas soll e« heißen: Die Inferiorität des Judenthum« behauptrn und auf das Gesetz von »Auge um Auge" stützen, welches Las Judenthum nie buchstäblich genommen oder gar bethätigt, sondern stets bkkämpst und beseitigt hat? Ist doch auch das Duell im Leben der Christen eine übernommrne heidnische Volke süte, der kotz Gesetz heute noch gehuldigt wird? Ist doch auch das Gesetz von ״Blut um Blut*, (die Todesstrafe) eine Consequenz von »Auge um Auge-, heute noch ein vollgültige» und allgemein äugewandüs Gesetz bei den Chrisüa? Die Moral der Juden steht nach statistischer Feststellung derjenigen der Ehrisün mindestens nicht nacb. und die Morallehre de« Christenthum« ruht auf der altjüdischen Blbet, welche auch den Christen heilig ist; da« nachbiblische Schristthu« der Juden aber kaun uud darf grundsätzlich der Bibel nicht widersprechen, ohne ungültig zu werden. Zur Brlehruug und Widerlegung schreiben, ist schwer, denn die betreffende Litteratur wird uicht gelesen, noch weuigrr gekauft uud die Juden find zu indifferent, um i» eigenen Jutereffe sie uuentgelllich zu unterstützen uud zu verbreiten. Nochwendiger uud besser wäre r«, daß Jude» in öffentllcheu uud privat« Kreis« die Christ« aufzuklärru sachttu; aber au» falscher HScham und au« Feigheit schweig« sie, oder au« Mangel au Fähigkeit wegen mangelhafter Lenutuiß vo« jüdischer Lehre uud Geschichte vermögm sie nicht zu red«. Todtgeschwiegen kann der Antisemiti«mu« nicht mehr werdm, er steckt schon zu tief im Volke, welche« derartigen Verführungeu ge« sein Ohr leiht. Die Zahl der antisemitischen Wähler und Gewählt« ist größer geworden und noch im Wachs« bei un« und ander«wo. Die Wand unsere« Wohn- Hause« ist schon heiß; wall« wir warten, bi« da« Feuer helllodernd brennt? Die Juden müff« chr Judenthum vertheidigen, dazu gehört aber, daß sie e« kennen und werthschätzen. Presse». Dem soeben versandten Verwaltuug«bericht der Gemeinde pro 1889 entnehmen wir, daß die Zahl eer stimmberechtigten Mitglieder auf 475 gestiegen ist. Die Zahl der Neugeborenen belief sich auf 37, der Verstorben« auf 36, der Eheschließungen auf 9. Die Religion«schule (6 Knaben- und 6 Mädchmklaffeu) wurde von 119 Knabm und 112 Mädchen besucht; den Unterricht ertheilteu außer dem Rabbiner noch 3 Lehrer und eine Lehrerin. Die Linnahmen betrugen incl. diverser Stiftungen (2540 M.). Zins« (658 M.), Zuschuß vom Tultusministerium (600 M.) und Erlö« au« Grabstellen (1160) zusammen 40419 M.; die Ausgaben: 39922 M.; BermögenSbestand 22,759 M. Durch CuliuSsteuer wurden aufgebracht 17,269 M., Erlö« für Beiplätze: 6368 M. — An Gehältern wurden 20,160 M. gezahlt, die Unterhaltungskosten de« Chor« beliefen sich auf rund 3000 M. — E« existiren in der Gemeinde 11 Wohl« thätigkeitSoereine und außerdem eine große Anzahl vou Stiftungen (64). Ein ungenannte« Gemeindemitglied sandte im vergangenen Jahre 2500 M. zur Vertheiluug an arme jüdische und christliche Wöchnerinnen, resp. durch Krankheit oder Tod in Noth gerathme Familien. E« wurden 3 jüdische und 14 christliche Wöchnerinnen, sowie 6 jüdische und 24 christliche bedürftige Familien mit Gaben von 50—100 M. bedacht. Der Lehrer-PenfionSfond beträgt 13,370 M. Möge die Gemeinde mit ihren religiösen und HumanitätS-Anstaltea stetig au WachSthum zuuehmen und blühen! KleM«, 7. April. (Or.-Cor.) Tie vergangene Woche gehörte den General-Versammlungen, nicht weniger al« 4 fanden statt, davon 3 an einem Abend. E« waren diese« da« Waisenhaus, der Beerdigung«- und UnterstützungSvereia, der FeuerungSoerrin und der >u«stattung«verein. Ja allen vereinen handelte e» sich nur um Erstattung de« verwaltuugS- und Kassenbericht«; im WSlsmhau« waren, auch Wahlen zu vollziehen. Der Jahresbericht deffelben erwähnt an erster Stelle den schweren Verlust, den da« Institut durch den Tod der beidm langjährig« Vorsteher H. I. Lew y und I. Baumanu, sowie der beidm Ehrmmütter Frau Minna Sa m uel und Frau Julie Mose» erlitten und zollt dm verstorbmm ehrende Worte de« Andenken». Neu ausgenommen iu'S Daisinhau» wurden 2 Knaben, so daß jetzt also 9 vorhandm find, außerdem werden für noch 4 Kinder, die außerhalb de« Waismhause« uotergebracht find, ErziehungSbeikäge gezahlt. Da» vermöge» de« Waisenhause« hat sich im letzten Jahre um M. 3690,58 vermehrt und beträgt jetzt in baar M. 129,785,15; anßerdem ist dem Institut für ewige Zeit« freie Wohnung zugesichert und haben auch noch die WirthschaftSgegmstäude einm Werth von 3000 Mark. Die Einnahmeu de« vergangmm Jahre« betrugm 9302,68 M.» die Ausgaben dagegen 7322,10 M-, mithin also Ueberschuß 1980,58 M., femer Linnahmm zum Gmudfond« 1710 M., also Capital-Vermehrung wie oben 3690,58 M. E« starben 6 Wohlthäter dr« Waismhause«, ebmsoviel traten wieder ein, sodaß dü Mitgliederzahl — 269 — dieselbe geblieben ist; davon «ohnm 225 in Stettin, 32 in Berlin, 4 in Stargard i. Pom. und 8 an anderen Orten. Möchün sich doch, — uameullich in unserer P r »vt uz — noch recht viele Fremld« und Gönner finden, die düse« so segm«reich wirkend« Institut thalkräftig unterstütz«.

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