Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 16 (17.4.1890)
- Date
- 1890-04-17
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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—-116 — Vahrheit-kerne« entbehrend hinzustellen.' Man kann betreff« Le« Ursprungde« MosaiSmu» der These Schwalb» zu« stimmen, welcher meint: ,die alti«raelitische Religion hat sich au« der Tiefe des israelitischen «eiste« — selbstverständlich wie Alles in der Welt unter der natürlichen Einwirkung Gottes — entwickelt-, und wird sich dennoch der Frage nicht entziehen können: wodurch war dieser israelitische Geist so von allen andern unterschieden, daß geradeaus seinen Tiefen s»eigenthümliche Gedanken sich entwickeln konnten? Ist der israelitische Gclst nicht am Ende der Geist einzelner hervorragender Israeliten? Können Neberlieferungen. wie Israels Knechtschaft in Aegypten, sein Auszug aus Aegypten, ohne weiteres in das Gebiet des Märchens gewiesen werden? Selbst bei der freiesten Kritik des Bibelwortcs bleibt «in historischer Rest, der sich nicht verflüchtigen läßt; wir haben schon früher in diesen Blättern darauf hingewiesen, daß zwar nicht bei Schwalb, aber bei andern christlichen Forschern einiger böser Wille, oder vielleicht auch nur Verdlendung. mitunterläuft; gegen das Judenthum wird die scharfgeschliffene Axt der Kritik geschwungen, die dann neben Morschem undAbgcstorbenemauchTriebkräftiges und Gesundes zerstört: aber die christliche Ueberlieferung wird mit außerordentlicher Schonung behandelt. Was Mose war, ist geschichtlich sehr wohl aufzuhellen! er war, um mit Schwalbs eigenen Worten zu reden, der erste israelitische Prophet, sodann war er Israels Erlöser und Gesetzgeber; sein Werk ist kein unlösbares Problem, denn sein Werk ist eben der ״israelitische Geist', dessen Eigenart von Schwalb so scharf hervorgehoben wird. Schwalb wendet sich gegen die Beschneidung, gegen die strenge Sabbathruhe, gegen die sogenannten Speisegesetze. Ob das nun Gesetze MosiS sind oder nicht, der freisinnige Prediger übersieht die Macht und den religiösen Werth einer vieltausendjährigen Tradition; der Talmud sagt: Gerade die Gesetze, um derentwillen die Juden in Zeiten der Verfolgung ihr Leben gelassen haben, gerade diese sind ihnen besonders heilig geworden.׳ Diese Gesetze sind auch denn uns noch heute Zeichen des Bundes. Die Beschneidung ist überdies keine ,Verstümmelung', sondern eine von vielen Aerzten noch heute als gciundheitfördernd und krankheitverhütend betrachtete Operation. Die Sabbathfeier ist heute als sociale Maßregel sogar das Postulat der Atheisten geworden, sie ist ein Zeichen de« Bunde« zwischen Sott und dem Measchen, und der Mensch zerstört diesen Bund und sinkt za einem thierischen Dasein herab, wenn er die Arbeit nicht unterbricht durch einen Tag der Rast. Nicht ohne Grund sind die arbeitsamsten Böller am strengsten in der Beobachtung de« Ruhetage». Bo» den Speisegesetze u behauptet Schwalb: sie beruhen nicht im mindesten auf rationellen, allgemein giltigeu Gründen. Döllinger (.Hrideuthum und Judenthum- S. 817) hat sich etwa« vorsichtiger au»gedrückt: ״e« sei in diesen Gesetzeu Biele« dunkel, da die klimatischen uud die in tiefer» physischen Beziehungen gegründeten Ursachen solcher Verbote nicht bekannt sind.- Solche physische Beziehungen müffea auch »irle Christen anuehme», die nur bei Juden ihre Fleischwaareu kaufen; selbst die Kgl. Hofhaltung in Berlin war eine Zeit laug riu guter Kunde jüdischer Fleischer. Die Juden find riu mäßige« langlebige« Geschlecht, da wird sich mancher befiuueu, diese Gesetze, welche da« körperliche Leben regeln, mögen sie nun von Mos« kommen oder nicht, rasch über Lord zu werfen. Bon solchen Satzungen (Shukkim) sagt die Schrift: sie find unsere Wei«heir und unsere Em,lqr m dm Augen der Völker. Biele unter wr« haben sich ja von dies« Gesetzeu!»«gesagt, und so «euig geltm sie da al« da« Wesentliche de« Judenthum«, daß man darum nicht aufgehärthat, dies« Mäuueca die Berwaltnng und Führung der Gemeiadm vielfach zu übertragen. Wo Schwalb im Lhrisienthu« eium Fortschritt über La« Jndenthnm hieran« «ufwetseu will, ist ihm der Nrchwei« nicht gelungen, wir zweifeln, ob Sch. sich i» Ernst zu de» Jesu MWeschriebeum Witzwort bekennt, baß Nicht« wo» z» de« Menschen Munde ein geht, dm Menschen verunreinigt. Da« Judmthum verfällt nicht in die Enrsettigkeit, »me da« Lebe» der Seele zu regeln, sondern da tun Mensche» körpe rliche» und seelische« Leben von ein rüder abhängig ist, so ordne» die jüdische Sitzung beide Aeußerungm de« meuschltche» Dasein«. Wird ferner Schwalb auf Seite Jesu'« zu fiaden sei», wm» dieser dir Ehescheidung verwirft und wird er nicht vielmehr dem Mose zustimmrn, der die Scheidung zstläßt; man braucht darum freilich nicht so wnt zu gehen, al« die Schule Hillel« uud Atiba'«. Segm Holtzmaun» den neuesten Biozraphea Jesu'«, schreibt Schwalb: ,daß da« Leben-ideal Jesu'«: Geduld, Selbsterziehung. Sottvertraueu alle« im Jndenthnm Geboteae weit überragt, wird Herr» Holtzmanu Niemand glauben, der seine und H:rru Stabe'« «:schichte Israel« mit einiger Aufmerksamkeit gelesen hat- Denn wie Biele« und Herrliche« findet sich in den Reden der jünger» und älter« Weisen Israel« über Geduld. Gotlvertrauen und auch Selbsterziehung.- — Wenn wir die b.iden Aufsätze Schwalb« in der ״Nationsorgfältig lesen, so werden wir durch seine erfolgreichen Bemühungen, den Schleier zu zerreiße», den viele Theologen um die Person und die Lehre Christi w.beu, nur in der Uederzeugun, befestigt, daß e« für uu« Jaden da- Beste ist, da» zu bleiben, wa« wir sind. Die freisinnige Theologie uuter den Christen entwickelt sich zurück von etuer mystischen Dogmatik zur klaren und erhabenen Lehre der alte« Prophet«». Gl. _ —pp— ®imtittatt* u»d Consessio»-schalen. Loa Rabbiner Dr. Rothschild. Bei Simultanuud Coufesfion-schulen handelt e« sich darum, ob Lehrer und Schüler gleichen oder verschiedene» Religiou«dekeuntuifle« find, wie auch ob Leitung, Beaufsichtigung und Beeinflussung der Schule und de« Unterricht« dem Staate oder der Kirche untersteht. Der Streit darüber wogt noch immer hin und her, ja ist in neuerer Zeit wieder stärker geworden. E« geht damit wie mit aadrrm politischen uud sociale» Freihheitea uud Erruagruschafteu, die au« der Nmzeit stammen und noch nicht alt gmug find, um schon von alle« begriffen und verstanden zu sein. Selbst wem» sie iu« Leben übergegaugra stad, so geschah die« theil« durch Zwang, theil« au« blinder und gewohnheitsmäßiger Nach« ahmuug, nicht weil man sie al« nothweudig «rkauut uud freiwillig ausgenommen hätte, nicht weil sie in« Bewußtseiu gedruugeu uud iu« Blut übergegangen wäre«, von dem sie nicht mehr au«z»scheid«n find. Mau steht vielmehr, wie zu viele» audereu Erruugeuschafteu uud Freiheiten der Nruzeu, auch zu dm coafesstouslosm, den Simultan-Schulea, ganz äußerlich; sie find daher wiederholt schwankend gewordea, uud ganz besonder» auf« ueue in unserer Zeit. Al« die Wogm de« Tulturkampfe« im vorigm Jahrzehnt sehr hoch gingen, war mau mtt Latschiedeuheit f ü r Simultauschuleu; seitdem dieser Kampf uachläßt, betont mau wieder die Nochweudigkett vou ToufesfionSschuleu uud erstrebt kirchlicher« wie ftaatticherseit« ein« größere, umfaffmde uud stark« Kirchlichtest de« gauzm Schulunterricht«. Mau schmt sich sogar nicht von etuer Gefährdung de« christlichen Ledm« durch jüdisch« Moral uud jüdisch« Verkehr zu sprrchm» «ä staastichr Orgaue stimmm zu, öffentlich« Erlass« und Knudaebuugm hebe« ״christliche Gesittungal« eia uothweudige« Erforderuiß hervor. Fragm »st doch einmal nach dem Nutzm uud Schade» der SoufesstonSschulm. Gegm ReltgstnSuuterricht und rellgiöse Erzsthuug spricht uiemaud; aber mau fordert doch wohl nicht eium Nrli^onSuuterricht der Art, daß auch fer westliche Unterricht religiös •tot sogar konfessionell «tfMt sei.