Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 14 (4.4.1890)
- Date
- 1890-04-04
- Page
- Seite 109 (sequence 5)
- Language
- German
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Gerichte **> CerrrfPe»>e»se». De«tschl«»d. M«ßde§»r§ Goldene Worte de« Kaiser« Wilhelm H. sind rt, die der Verordnung vom 13. Februar brtr. die Or« gaaisation de« Unterricht« im Ladrtteucorp« eine hervor» ragende Stelle eiunehmen, und die weiteste Verbreitung Mt« dienen. Eie lauten wörtlich: »Im Religi»n«unterricht ist die ethische Seite desselben hervorzuhrb'n und da« Hauptgewicht darauf zu legen, daß die Zöglinge in Gottesfurcht und GlaubeuSfreudigkeit zur Strenge gegen sich und zur Duldsamkeit gegen Ludere erzogen werden." Da« sollten alle CultuSminister, Hofprediger, UniversitSlSprofessoren, Gymnasioldirektorea und Schulleiter dt« zum jüngsten Dorflehrer sich gesagt sein lassen und be» herzigen, oann wäre das ,Problem", mit dem der Herr Minister Goßler sich so abquäll, mit einem Male gelöst, uud wie die Schüler der verschiedeaen Bekenntnisse auf der Schulbank, so würden dir Bürger alle im ganzen Land« friedlich nebeneinander weilen, durch keine Hetzrede beunruhigt. Aerti». Die Kaiserin Aozusta hat der ,LlterSver» sorgung«-«ostalt der jüdischen Gemeinde" eia Legat von 6000 Mark vermacht. Die Hochselige hatte dieser humaaitäreu Anstalt jahrelang einen ncimhaftcu Jahresbeitrag zu« gewendet. Merkt«. Jüngst hat Kayserling au« dem Nachlasse Philippsohn'« eine Schrift vnöffmtlicht: ,Die Rhetorik uud die jüdische HomUtik". An einer Stelle macht Kayserling folgende Anmerkung: ,So lange der srl. Dr. Michael Sach» lebte, wurde allgemein behauptet, daß er seine Predigten, Welche wohl zuweilen eine Stunde und länger dauerten, «xttmporire; nach srinem Tode jedoch erschienen zwei Bände Predigt,n, au« dessen schriftlichem Nachlaß herausgegeben. Den dem vortrefflichen PredigerNäherstrhenden war e« schon beidessen Lebzelten ke>nGeheimaiß.vaß erjcdePredigt sorgfältig au»arbeitete und auf da« Memoriren viele Z,it verwandte." Wir können diese Notiz KayserUng« nach Minheilungra von Sachs' nächsten Familiengenoffra unbedingt bestätigen. Sachs mrmorirte so laut, daß die Predigt stets vorder allen seinen Familiengenosseu bekannt war; ja er ließ bei Memoriren nicht einmal die Anrede, ,meine andächtigen Zuhörer" weg. Die Reden machten nicht« desto weniger den Eindruck, al« wenn jede« Wort eben erst au« dem Geist und dem Herzen de« Redner« sich loslöste, al« würde die ganze Geistesarbeit erst auf der Kanzel vollzogen. Die Meinung der Gemeinde, daß der Prediger «xtemporire, war sonach der vollendete Triumph der gründlichen Vorbereftung. Ans S«hkest«»,30.März.(Or.-Eor.) In einrmDorfe unserer Provinz sprach zur Wahtzeit ein jüdischer RechiSanwalt, den allerding« sein Judenthum nicht besonder» drückte,zuGunstea de« liberoten Kandidaten und flocht in seiner Rede einen Witz ein, den schon andere Richter angewrndet hatten; er sprach von der Branntweinsteuer und sagte: Wasser allein thut e« nicht, «llenfall» in einer Wählerversammlung, sonst bedarf e» auch eine« Schluck« Branntwein um den Arbeiter aozuregen. Nach Schluß dieser Rede erhob sich der Pastor des Dorsc« und schleuderte grimmige Worte gegen den — Juden, der ein Won au« dem luthnischen Katechismus zu einem politischen Witze vnwenhe und dadurch entweihe. Der Rechtsanwalt, der offenbar an alle« Andere eher,׳ als au eine Entweihung eine« christlichen Sakramente« gedacht hatte, vertheidigte sich so gut e« ging.' Am darauffvlgenden Sonntag in der Kirche trattirte der stteitfertige Paswr dasselbe Thema uud fügte - noch hinzu, in der Stadt, au« der der Rechtsanwalt käme, sei jüngst ein jüdischer AmtsgertchtSrath begraben worden/ de« habe der dortige Prediger am Schluß der Leichenfeier« lichkeft einen Stein in« Grab »achgeworfen und ihm zuge- .rufen: ,wenn du im Jenseits den Sohn de« Zimmermann» ttiffst, so wirf chm diesen Stein au de» Kopf". Der jüdische Prediger, der davon hörte, schrieb nun an den Pastor und forderte ihn auf, diese Unwahrheit von derselbe» Stelle zu widerrufen, an der er sie seiner Gemeinde verkündet hatte. Der Pastor weigerte sich die« zu thun, berief sich aus Zeugen uud so schwebt die Angelegenheit noch. — — Betreffde» Erlasses de« Oberlande-qericht-präsi« denten, die Juden nicht auf die Liste der Geschworenen zu setzen, hat sich an einem Orte der Zufall den Juden au«« nehmend günstig erwiese». Al»dortdieKommissioa zusammen trat la« der Richter den vertraulichen Erlaß de« Präsidenten der Kommission vor; diese« direkte Borlesen entsprach wohl kaum dm Jutmtionen der Vorgesetzten, und dir Kommission konnte sich auch nicht da zu entschließen, sich nach diesem Erlaß strict zu richten, sondern wollte von vornherein da« Loo« ruhig walten laffen und dann von Fall zu Fall die Entscheidung treffen. Vielleicht sei da« Loo» so freund« lich und ließe überhaupt die Juden in der Urne, dann sei ja jeder Streit gegenstandslos, oder eS werden Juden geloost, die leicht abgelehnt werden können. Aber das Loo« erwie« sich keineswegs so gefällig, sondern sogleich der Erste, den daS Loo« traf, war ein Mann, der gar nicht abgrlrhnt werden konnte und der auch rin Jude so zu sagen erster Ordnung war. Der Mann bekleidet jetzt eine hervorragend« staatliche Stellung, und war Jahrzehnte hindurch Lehrer au einer speciell jüdischer Wissenschaft gewidmetm Anstalt. Dem gegenüber war kein AuSweichm möglich und da man in dem eine» Kall den Erlaß unbe» rücksichtigt lassen mußte: so ließ die Kommission den Erlaß überhaupt links liegen. Jhis Kchkeste». Herr Pastor Schwalb beschäftigt sich mit uns Juden in letzter Zeit etwagar zu eifrig. Jüngst hak er uns im Anschluß an die Reden Goßler'S den Rath gegeb.n, den SadbathzatteSdienst aufzuheben und den Sonntag zu unserm Feiertag zu gestalten. Wir werden auf den Artckel, um ihn zu widerlegen, noch ausführlicher zurückkommen. Wir wollen die dogmatischen Gründe für den Sabbath einmal bei Seite lasten. Aber nur externe 'Freunde, denen die Existenz des Judenthum» bei aller Freundschaft und Theilnahme für die Juden gleichgültig ist, können uns zu solch' lebensgefährlichen Operationen rathea; denen da« Judenthum am Herzen liegt, werden sth vor so ge« wagten Experimenten hüten. Stetti». In Bezug auf die jüdischen Feiertage, auf welche bei der Diskussion im Abgeordnetenhause über die höheren Lehranstalten hingewiesen wurde, stellt Herr Rabb. Dr. Vogel« steiu in der »Ration" dm richtigen Sachverhalt wie folgt dar: »Die Juden haben, wie au» jedem Kalender ersichtlich, 13 hohe Feiertage im Jahre, von denen fast immer ein Theil in die Öfter» und Michaeli-ferien, mitunter auch in di« Pfiagftferien fällt. Im Jahre 1830 fallen beispiel-weise nach der für di« höheren Schulen Pommern» gellende Ferienordnung nur fünf jüdische Feiertage aus Schultage. Die meisten jüdischen Litera lassen aber ihre Kinder jährlich nur drei Tage au» religiösen Gründen die Schule versäumen, und oftmal» kommt e» auch nicht einmal zu einer dreitägigen Schulversäumniß, da der eine oder der andere Feiertag aus einen Sonntag oder in di« MichaeliSserien fällt. Dir katholische» Schüler, welche protestantische Gymnasien besuchen,.fehlen bekanntermaßen am Frohnleichnamzfeste und an anderen katholischen Feiertagen, e» har aber bisher durch»»» Nicht» davon v.rlaure», daß der Unterricht» »erwaltung ein großer Nach! heil hieran» erwächst. Auch hat man bislang Nicht» davon ge» hört, daß an den katholischen Lehranstalten weaiger al» a« den protestautischen geleistet «erd«, obwohl an denselben öfter» durch Feiertag« d:r Unterricht unterbrochen wird. Da» - katholische Oesterreich und mehrere deutsche Minel- und Kleinstaaten, namentlich Bayern und Badei, üben den jüdische» Schülern gegenüber die weitestgehend« Toleianz «ad gestatten »H1u!a, ohne «eitere», d. h. ohne jedesmalige Lr» laubaißeinholung, an ihren Feiertagen von der Schule fernzubleiben. Nur in Preußen sollten der Unterricht-Verwaltung durch die in einzelne» Gymaasiea befindliche große Zahl der jüdischen Schüler so schwierige Ausgaben erwachsen? Glaubt übrigen» der Her: Minister, daß die Schul« ans di« Konfession der Minderheit nicht Nisiksicht zu nehmen hat, so möge er in Gotte» Namen den Direetoren der höheren Lehr« aastaltrn ein« entsprechend« Weisung zugehen laffen, wie er «» ja schon »ar Jahren htusichtttch der Abilurtenteaprüsung gethan hat. Die Juden, di« für sich tri» Sonderrecht begehre», müssen dann znsehen, wie sie da» an ihren Feiertagen Versäumte muhhole». Di« an den religiösen