Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 14 (4.4.1890)
- Date
- 1890-04-04
- Page
- Seite 108 (sequence 4)
- Language
- German
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tsoibea ist. Freilich von Rechtswegen. — aber dennoch schimpfru diese verlumpte» «ad verlotterten Junker nunmchr auf dir Juden, von denen sie vordem in ihrer Roth und Verlegenheit unter vielen Dankbezeugungeo Geld entliehen haben und nun, als sie trotz vielfacher Nachsicht weder Zinsen »och Kapital bezahlen konnten, ihre verschuldeten Güter rechtmäßig verkaufen lasten mußten. Daher der Haß gegen die Juden, dies der Grund für den Antisemitismus. Der SozialiSmuS wurzelt dahe/ia den niederen BolkSklaffen und ist gegen die Besitzende» überhaupt, nicht specirll die Juden, gerichtet; der Antisemitismus berührt diese Kreise gar nicht, wenn er nicht gewaltsam von oben hineingetragen wird. Der Antisemitismus aber wurzelt gerade in den oberen Kreisen der measchlicheu Gesellschaft und ist speciell gegen die Juden gerichtet, weil man fälschlich in ihnen den eigenen finanziellen Verfall sucht. Die Antisemitm schieben nur die Juden auch beim Volke als die Ursachen der allze «einen Unzufriedenhe t vor, um von sich die Aufmerksamkeit abzulenken. Die vermeintlich« Noth der Agrarier beruht auf Irrthum und Täuschung; denn der Acker ernährt noch >mmer seinen Mann, der fleißige, mäßige und sparsame Bauer verarmt nie, welcher sich nach seinem Einkommen richtet, arbeitet, nach seinem Acker sieht, sein Gut verwaltet. Dagegen hat sogar der übermäßig: Preis des Brodkorns manchen Bauer üppig gemacht und verdorbeu; wir sehen dies an der wachsenden Vergnügung»- und Verschwendungssucht unter den Bauern, an dem gesteigerten Luxus unter ihnen, ihren Jaad-Liebhobcreim und den höheren Preisen, welch« die Jagd-Ber- Pachtung in den letzten Jahren erzielt hat. Unter diesen Bauern, wie übechaup: unter dem Volke, auch den socia« lislisch gesinnten Arbeitern, ist daher von Antisemitismus, Judenhaß und Zudenfeindschaft nichts zu merken, wmn sie nicht von Verführern nach falscher Richtung gehetzt weiden; vielmehr herrscht auf de« Lande, wie in den Städten mit den Juden ein ungestörter, geselliger und freundschaftlicher Verkehr. Nur die durch Ueppigkett und Verschwendung, durch Faullenzrrei und Vernachlässigung verschuldeten Großgrunddesitzer. Adelige und Junker, wie Bauern, welche den Kapitalisten in die Hände gefallen, verarmt und in Noch gerathen sind, klagen über Nothlage und Ausbeutung des Bauernstandes. Diesen wird übrigens auch nicht nur durch dir erhöhten Preise des Brodkorns geholfen, sondern diesen wüsten, wie bei der Branntweinsteuer, durch den Staat Geschenke von Millionen aus dem Säckel der Steuerzahler gegeben werden. Zu dem Haß gegen die jüdischen Kapitalisten, in deren Hände die verschuldeten Gros grunddesitzer und Bauern gefallen sind, gesellt sich bei diesen auch der Haß gegen die jüdischen Händler, welche durch Zufuhr vom AuSiande die Getreidepreise des Inlands drücken, freilich zum Borcheil der Consumenten, des größer« Publikums, aber zum Nachtheil einzelner, weniger Producenteu. Diesen sucht nun drr Staat, den Einzelnen und Wenigen, auf Kosten der Gesammtheit, zu helfet!, und zwar durch Zoll» auflage und Abschlietzung des Auslands zur Erhöhung drr Getreidepreise im Inland. Der Staat übersieht dabei, daß er die Volksmasje zu Gunsten Einzelner benachthrlligt uad diese bereichert, während jene verarmt; er übersieht dabei, daß er den Handel und Verkehr adschließt» einschränkt und dadurch schädigt, daß er die Staatskasse wohl vorübergehend füllt; aber aus Kosten deS Naiwnalrelchtgums, indem er die Erwerbsquellen verstopft, aus denm der Staat dauernd schöpfen und sich erhallen muß. Zu diesen Unzufriedenen und Antisemiten gesellen sich zwar auch noch solche ananderen, de» Geschäftskreise«, aber doch auch nur au« den Kreisen solcher Geschäfte, welch« durch Nachlässigkeit uad Verschwendung chrer Besitzer zu Grunde gehen, während die Geschäft« drr Juden durch deren Fleiß und Sparsamkeit blühen. Man wird deshalb erkannt haben, daß in« Führer dieser Latisemiteabaade meisten« zu- -rückgegaugene und »erarmte Geschäftsleute oder verlumpt« und verlotterte Subjekte sind, welche durch ihre unmoralische Haltung früher oder später mit dem Strafgesetz in Berüh« ruug gekommen stad. Daß man den Haß gerade auf jüdische Kapitalisten warf, hat einen geschichtlichen Grund. Da« Thora-Gesetz (Deut. 23 20 u. 21) verbietet nämlich dem jüdischen Bruder gegenüber ZiaS zu geben und zu nehmen, erlaubt die« jedoch dem Ausländer (Fremden) gegenüber. Drr Sinn ist: Der jüdische Bruder de« Inland« bedurfte al« Ackerbauer de» DarlehnS nur im Nothfalle; diesem muß au» Liebe gehalfen, Zin« durfte von ihm nicht genommen werden. Der Ausländer aber, worunter damol« der Phönizier oerstandeu wird, kam Handel treibend de« Geldgewinu« wegen in« Land. Wenn dieser, um zu gewiuuen, Produkte oder Fabrikate auf Tredtt kaufte, so durfte diesem zu theurere« Preism undי gegen Zin« verkauft werden. Diesem Bibel« gesetz gab die Kirche eine falsche Deutung, erklärte die Lhristen al» Brüder u«d die Juden al« Fremde, verbot demnach den Lhristen Darlehen gegen Zin«, erlaubte aber solche dm Juden, ja zwang sie zu solchen für HaodelSjwecke und Nothfälle. Der de« DarlehnS Bedürftige konnte uad durfte zu keinem andern al« dem Juden gehen; der Jude wurde sogar von Kirche uad Staat gezwungen, hohen Zin«, Wacher zu nehme«, um den größten Theil seine« wucherischm Gewinns an Kirche und Staat abzugeben. So erhielt der Jude wider Willea den Namen uad Lharaster eine« Geldleiher« uad Wucherer«. Heute ist, wie statistisch nachgewiesen, da« Verhältniß ein andere«: e« giebt wehr christliche als jüdische Wucherer. Jadeß hat da» vererbte Borurthcil uad der Hinblick auf den oft größeren Wohlstand der Juden, welcher eine Folge ihres Fleiß:«, ihrer Mäßigkeit, ihrer Sparsamkeit uad auch größereu praktischen LiedeSthätigkeit ist, die Meinung des Volkevielfach irregeleitet und glauben gemacht, daß ia der Thal hauptsächlich Geld uad Lapstal in den Händen der Juden sei. Sozialismus und Antisemitismus find demnach »erwandte Srscheiuua-ea; beide wurzeln in Unzufriedenheit «ad Neid, welche Haß uad Furcht erzeugen uad zur gewaltsamm Aenderung und Bekämpfung führen. Die gewaltsame Zurückdränguag und Ausschließung der Juden im Mittelaller von Handel und Verkehr, von Ackerbau und Handwerk, wurzelte ebenso in Neid und Unzufriedenheit, wie das heutige Streben, die Juden von Amt uad Würden auSzuschließeu. Man steht sich durch den Juden verdrängt und gönnt ihm die Bevorzuguug oder Gleiberechtigung nicht. Der , Antisemitismus wurzelt hier sicherlich nicht in dem schlechteren Betragen oder geringeren Verdienst der Juden; der Antisemitismus wühlt hier in dem Schlamm uu>auberer uad unsittlicher Berläumdung-sucht. Dem Antisemitismus wie Sozialismus liegt also Unzufriedenheit mit der eigenen schlechten uad Beneiduug de« Andern wegen seiner bester» Lage zu Grunde. Mau sucht deshalb in falscher Weise eine Berbefferuug der Lage in der größeren Beschränkung, ia drr Erweiterung de« Zunft- und JnullugSweseu», in der Erneuerung »er früheren Ständeunterschiede, ia der erneuerte» Ausschließung uad Ausweisung der —Juden. Antisemitismus wie Sozialismus stad reoolutioaär*) und erstreben eine Aenderung uad Befferung der Lage durch gewaltsame Mittel; im Gegeathril eine allgemeine Erhöhung der Freiheit uad Gleichheit in Stellung uad Herkehr that noth. So nur wird die Verbefferuug eine friedliche uud rationelle. Arbeiten uad geuießea muß jeder; Arbeit ist für jeden Pflicht, genießen für. jeden ein Recht. Arbeit uud Entbehrung dürfen nicht ausschließlich auf drr einen, Besitz und Genuß uicht ausschließlich auf der andern Seite sich definden; wo Arbeit uad Verdienst, dorthiu gehören auch Besitz uud Genuß. •) »«ch der AavsewitiSwu« als ,Vorfrucht' der Sozialdewotmti» amnse-ea ist, geht schdst a»S der ^Kreuzzig" hervor, wea» sie schreibt: »daß ftthere «rUse» irische «tim»»» bei der letzte» »ahl »« ״Sattaldewatratie" üdergwaagea setea.- — »Für »aach» tletaiürgerüch, Schichte» wag t» »er »HM tat UatisewsttS»»« ei» D»rch-,»glPennt ,« Sozteleewetrarte sch»— bewerst HM s^iaUstisch^vwllvchttbl.' * hterpt