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Israelitische Wochenschrift · 1890-04-04 · 14 (4.4.1890) · p. Seite 107

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
14 (4.4.1890)
Date
1890-04-04
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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107 redliche« praktische« Erfvlg sich -«»zeichne«, die s««ach etve» mächtigen Rückhalt haden an der grvßea Masse der anft&nbigtn Bürger aller Parteien. Die sind ge- «eint, die sallra getroffen werden, wenn ans die Juden geschölte« wird. Und die Schaar der Widersacher ist nicht schwach, da da» seit Jahrlaoseodrn genährte Boruriheil ihr zu Hilfe kommt, vor ungefähr zwei Jahrzehode« war r» t» vielen Gebieten de» deutschen Reiche» in da» Belieben der deutschen Städte gestellt, die Juden aofzuaehmen oder e» bei dem alte» Unrecht, daß ihnen den Aufenthalt versagt wurde, zu lasten; hat in einer Stadt die Gerechtigkeit fich stark gezeigt, da» alte Unrecht an» eigenem Antrieb aufzuheben? Nein, überall hat erst da» allgemeine deutsche Recht, da» vom Staate au-ging, Wandel geschaffen. Wen« die Inden in Städten, i» welchen ste fich aufhalte» durften, vor Zeiten au» dem Ghetto hin- ««»strebten, hat die Bürgerschaft fie gehindert, und nur der Staat fie gefördert. So tief« Wurzeln hat die Feindschaft gegen nn», fie ist ein Stück Mittelalter, da», wie so viel: andere mitiealterlichea Reste, in die Gegenwart hineinragt und vom. Neide noch besonder« gepslegt wird. E» wäre Lhorheit, diesen Feind zu unterschätzen, der auf Alle, und auf die Besten am schärfsten zielt. Wa» uu» helfen kann, ist nächst Gott, de« Hüter Järael», der nicht schläft und nicht schlummert, 27« rVEX ,eia Bund der Demüthigen", wenn wir Alle zusammenhalten und wenn wir Alle schlicht und harmlos unsere Schuldigkeit thun. Da» wäre unser Untergang, wenn wir da» Baud lockerten, da« un» zusammenhält; aber freilich wir «ollen den Feind auch nicht überschätzen. Israel, da» vor dreiundeinhalb Jahrtausenden an» Ägypten gezogen ist, da» so viel mächtige Reiche überlebt hat, hat keinen Grund zu banger Furcht; wohl thut Gott heute keine Wunder mehr, wie fie un» vom Auszug au» Egypten gemeldet »erden; aber schon der Prophet lehrt uu» Gott erkennen al» den Mächtigen, der im verborgenen wirkt, und der auch in seinem »erhüllten Walten fich al» der Helfer Israel» erweist. Gott der einst zum Meeresgrund gesprochen: versiege, und der die Ströme getrocknet hat. um seinem Volk de» Weg zu bahnen, er wird auch wieder die Fluth de» Haffe« verfiegen kaffen, deren Wellen noch in unser« Zeiten über Israel» Haupt zusammenschlagen. Wie Gott die Saat auflebeu läßt durch den Thautropfeu, in dem die Sonne sich spiegelt, s» läßt er Israel aofleben, durch die Leuchte seiner Wahrhett, durch den Thau seine» Trostes. Er hat durch den Propheten gesprochen: Dich Israel, habe ich mir zum Knechte geschaffen, und niemals wirst du von mir »ergeffen werden. — . «wd Soziali-muvon Rabbiner vr. Rothschild. Es ist nicht zu leugne«, daß der AntisemstismuS Fortschritte im Bolke gemacht ha'; man erkennt die» deutlich an dem Au-fall der oieSmaligen deutschen ReichStagSwahlm, an der Zahl der für die Antisemiten abgegebenen Stimmen. Auch außerhalb Dentschland» hat der Anttsemiti«mu» Fortschritte gemacht, auch in anderen Ländern und Völkern hat er angefangen heimisch zu werden. Darin sind jedoch alle einig, daß der Grund dafür nicht ln der jüdischen Religion liegt und der Kampf nicht gegen die Religio« der Inden gerichtet ist. Nur einzelne christlich.otthodoxe Heißsporn« benutz-n diese Beweguna, um auch gleichzeitig di« Religio« de» Judenthum» zu bekämpfen, aber diese Richtung ist «bm• säckltch, die Hauptbewezung hat eine andere Richtung. Dmn der religiöse Jndifferentismu» unserer Zeit ist viel zu groß und allgemr-n, als daß die Masse de» Volke« zu einem Kampf« gegen die Juden im Jntereffe der Kirche begeistert werde« könnte. Man giebt vielmehr an. tyc Bewegung sei gegen die Juden al» Angehöngr einer fremden Rasse ge» richtet, welchsich in den deutschen Rationalkürper eingekeilt hob; mm nenne die Bewegung absichtlich eiue antisemitisch« nicht autijüdische, um nicht glauben zu machen, daß ste gegen d e jüdische Religion gerichtet sei. Aber abgesehen davon, daß außer deu Ju^ea auch noch andere BolkSstämme zu den Semiten zählen, sind selbst die Juden schon längst keine reine Semiten mehr, sondern mit arischem, romanischem und anderm Blute seit Jahrhunderten und Jahrtausenden gemischt; ferner sind die Juden nicht der einzige fremde Valksftamm in Deutschland, sie sind sogar länger auf deutschem Bode» heimisch, al» di« Germanen (Arier), welche nicht die Ilreinwohner Deutschlands, sondern sogar hier später eingewandett find, al» die Juden, welche sogar auch aus dem Orient kamen, wie die Juden, aber direkt, während die Juden den Orient schon seit Jahrhunderten verlaffen hatten und au» occidentalischen Ländern de» Süden» nördlich nach Deutschland zogen und verpflanzt wurden. Uebrigen» ist diese pronon» cirte He.Vorkehrung de» Nationalismus ein allgem.'.ner Fehler der Neuzeit geworden, der die Völker particularistisch trennt und chauvinistisch gegen einander hetzt, statt die Völker friedlich zu verbinden und die Menschheit brüderlich zu vereiam. Damit hängt denn auch der gesteigette Militarismus zusammen, welcher nicht nur Kriege führt, sondern auch schürt, und weit entfernt den Frieden auf der breiten Basis allgemeiner Zufriedenheit und gegenseitiger Freundschaft zu sichern, ihn auf die schwankende Spitze de» Degen» stellt und somit gefährdet. Waaber ist da» Wesen de» Antisemitismus, und wie erklärt sich die antisemitische Bewegung gegen die Juden gerade in unserer Zeit? Die antisemitische Bewegung ist m t der socialistischen verwandt, und beide sind gerade iu unsrer Z׳it sehr stark geworden. Beide g׳h:n au» dec Unzufrieden heit eine» Theil» der Menscken mit ihren Leben»« Verhältnissen hervor, die man zu verbessern sucht; eS ist hier wie dort die Unzufriedenheit der Besitzlosen und Entbehrenden, welche in ihrer Bestrebung und Bewegung die Der« schuldung ihrer Lage auf die Schultern der Besitzenden und Genießenden wälzen, diese zur Verantwortung ziehen und dadurch zur Verbesserung ihres Looses verpflichten und zwingen wollen, daß sie Besitz und Genuß mit ihnen theilen, oder gar ihren Besitz und Genuß aufgeben und denen übergeben, welche ihn bisher entbehrt haben. Man will^womöglich die Besitzenden verjagen und sich an deren Stelle setzen, die sie vernteintlich so lange Zeit mit Unrecht angenommen hätten. Die» ist indrß keine Verbesserung der Lage, sondern nur eine vorübergehende Vertauschung der Rollen. Die bisher Besitzlosen würden die Besitzenden und die bisher Besitzenden die Besitzlosen werden; nach kurzer Zeit würde die Bewegung der Unzufriedenen von neuem Beginnen, nur die Personen und Gesellschafts-Klassen würden wechseln. Der Antisemitismus unterscheidte sich nur darin von SocialismuS, daß bei diesen die sogen. Enterbten, die stets besitzlos gewesen sind, di« Arbeiter und Entbehrenden betheiligt sind, beim Antisemitismus aber diejenigen, welche früher die Besitzenden gewesen, die Grobgrund- und Güter- Besitzer, die Adeligen und Junker, welche durch ihre Presserei und Verschwendung Einkommen und Vermöge« geschmäht, Geld und Besitz eingebüßt und verloren haben, deren Gelder und Güter dadurch in andere Hände gekommen sind, in die fände der Kapitcüisten, deren verschuldeter Gütercomplex urch diese unter den Hammer gebracht und zerschlagen

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