Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 13 (27.3.1890)
- Date
- 1890-03-27
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 r 24. März. Der Jnftizmiaister von Abecke« lchntr heul: die Beantwortung der Anfrage Bebel«, ob es Vahr sei, daß seit Einführung der neuen Gerichtsverfassung kein einziger jüdischer Referendar zum Richtereide zugelafsen sei und rin jüdischer Referendar nie eine Jahresvergütuag erhalte, ab, weil über die Zulassung zum Richtereid« und dir Gewährung einer Vergütung von der Justizverwaltung «ach ihrem Ermessen verfügt werde; auch seien die Gründe für die Erfüllung oder Ablehnung der betreffenden Besuch« nicht einmal k «eignet. dm Bittstellern selbst eröffnet zu werden, geschweige denn, daß sie öffentlich mitarthrilt werdm könnten. — Liebknecht avifirte eine Wiederholung der Interpellation i« Reichstag, wo der sächsische Rrgierungsvrrtreter wohl antworten werde. (Wenn die Göttin der Gerechtigkeit auch mit einer Binde vrrsrhm ist, so geschieht ja da« nur, um symbolisch ihre Unparteilichkeit auszudrücken, aber nicht darum, weil sie etwa da» Licht der Sonne zu scheum hätte.) W. Zn» de« Aa«»s»ersche», 18. März. (Or.-Lor.) E« wird di« Leser Ihrer grsch. Zeitschrift vielleicht tuteresfiren, Nähere« über die Wahl de« antisemitischm Redakteur« Werner au« Kassel, dessen Wahlkreis Hofgeismar-Fritzlar, unmittelbar an die hiesige Gegend grmzt, zu vrmehmeo. Besagtrr Herr hat schon geraume Zeit vorher die hiesige Gegend bereift und in Aufhetzung der Juden das Möglichste geleistet. Unter Anderem führte er eine gedruckte Liste jüdischer (?) Güterschlächter mit den Namen der »durch sie vom Erbe ihrer Väter" vertriebenen Landleute mit. Auf dem Flugblattr war »in Bauer mit einem Pfluge abgebtldet, auf welchem drei Juden der Eine in der Hand «ine 1 Wechsel, der Andere eine Hypothek, der Dritte ein Dokument. Darunter stand: »Dieser Pflug wär nicht so schwer, wenn Aron, Jona«, Hirsch nicht wär'." In 8tppöld«berge im Hessischen hielt Werner auch «ium Vortrag, doch trat der christliche Lehrer seinen Ausführuugen entgegen, indem er sie kurzweg als Bürger dezeichnete. Auch in U«lau war besagter Herr, doch wurde die Wirkung seiner Rede wesentlich durch die anwesenden Sozialdemokratm beeinträchtigt. Der Antisemit wurde aber besonders von dem Bürgermeister Rüggeberg protrgirt, einem Herrn von dem man bisher wohl annahm, daß er gut »atioualliberal, nicht aber, daß er antisemitisch sei. Er hat nun de« Beweis geliefert, daß sich beide« sehr wohl vereinigen läßt. Die hiesigen Antisemiten und (es gibt deren in Uslar und auch hier) find einigermaßen in Verlegenheit, was sie de» Juden nachsageu sollen. E« geht ihue», wie den Männern, dt« de» Daniel stürzen wollten, und nicht« gegen ihn vorbringe« kooatru. Ergötzlich ist. daß die Begünstiger der antisemitische» Agitation im hiesigen Wahlkreise ihre Rech׳ »uag doch nicht gefunden haben. In Uslar hat mau die antisemitische Agitation als Vorspann für den Nationalltberalen Dr. Eckel« benutzen wollen. Aber dir Bevölkerung ist im Allgemeinen hier der antisrmt« tische« Agitation wenig zugänglich; noch größer ist ihr Widerwille gegen die Natioualliberalen. Droh aller äuge- »andten Mühe ist daher der Welfe durchgedrungeo. E« ist ei» wahre« Glück, daß die hohen Herrschaften tnne «erden, daß sie bei Begünstigung de« Autisemitismu« sich in ihr eigene« Fletsch schneiden und daß gar Mancher von ihnen i« dt« Grub« fällt, die er Anderen gegraben. #«* Hstpreutze», 18. März. (Or. - Cor.) Al« erfrenltche« Zeichen, daß die de« Zeitgeist und aller Brruuuft Hohn sprechende» autisewitische« Strömungen, al« deren Folge auch die Richtauslosung von Bekenner» jüdischen Glauben« zu« Geschworrurnawle zu betrachten ist, nicht «ach überallhin ihren Abfluß finbeu, möge die Nachricht dienen, daß der Kaufmann Herr A. F. (Jude) io La bi au als Geschworener für die demnächstigr Schwurgericht-Periode zu Königsberg ausgelost wurde. Leider fehlt diesem Lichtpuutt die Schattenseite nicht. Der betreffende Glaubens- «euoffe hat sich nämlich gemüßigt gesehen, seinen in 8. die ״Schule besuchenden Sohn taufen zu lassen, worüber arad« sei« christlichen Freunde viel swuukeln und ihn, wie sie sich gelinde ausdrücke», solcher ungeschetdten, durch nicht« «vtivirteu Handlung und Preisgabe seine« eigenen Glauben« nicht fähig zu halten glaubten. — 8» fehlt gar vielen Jude» an religiösem Selbstbewoßtsein und Seibstachtuug, sie glauben dadurch, daß sie ihre Religion wie rin Modrgewand wechseln und fahnenflüchtig zur herrschenden Religion übertreten, au Achtung bei den neuen Glaubensgeuaffrn zu gewinnen, während sie doch nur Verachtung bet diesen ernten, denn da« bischen Taufwasser ist nicht im Stande, da» Judenthu« ihnen au» dem Geficht hinweg,uspülen. E« bestätigen sich dabei die Worte des Psalmisten: »Und sie mischten sich unter die Völker, und lernten ihr Thun und sie dienten ihren Götzen und sie wurde« ihue» zu» Fallstrick — sie vergossen unschuldig Blut, da« Blut ihrer Söhne u. s. ».״, denn ein Vater, der seinen noch die Schule besuchenden Sohn aus freien Stücken taufen läßt, mordet ihn moralisch, dieser kennt weder seiue angeboren« »och dir angetaufte Religion, e« ist «ine Taufe au« Ignoranz, eia Schacher mit dem Heiligsten und ist nur Wasser auf die Mühle der Antisemiten, die verächtlich — und mit Recht — ausiufen: Seht, den Schacherjuden ist nicht« heilig, fir verkaufen selbst ihre Religion, wenn'« ihnen oder ihren Kindern einen Profit bringt. Zn» de« Eraßserzagthu« Kesse». (Or.-Lor. — Schluß.) Und darum bleibt für uns immer und immer da« Eine, wa« Roth thut: Die Sorge kür den Religionsunterrichtl Nicht mit Phrasen, sonderu mit Thateni Wir müssen al« Juden sorgen, daß ein tüchtiger Lehrerstand herangebildet werde, — der seine Aufgabe kennt und durch seine Ausbildung auch zu dem Charakter kommt, sie mit Hingebung, mit Aufbietung der ganzen Kraft zu erfüllen. Und soll der Lehrer dies, so muß auch seine Lebensstellung eine solche sein, daß sie ihn befriedigt: so daß man jungen Leuten mit guten Anlagen mit ruhigem Gewissen die Ergreifung de« Lehrerberufes empfehlen kann. Man muß den Lehrer achten, ehren und— ernähren. Man darf ihn nicht dazu verdämmen, von vornherein auf rin einigermaßen befriedigende« Familienleben zu vrrzichteo, «der gar zeitleben« mit den Seinigen am Huagertuche zu nagen. Ein wohlbestallter Lehrer, «in guter Religivnsunterricht ist ein größere« Heil und eine größere Ehre für eine Gemeinde, al« der herrlichste Prachtbau einer Synagoge, die i« Jahre kaum ein halbe» Dutzend mal gefüllt ist. — Unter allen Umständen liegt e»ferner in der Natur der Sach«, daß der größere Thetl der Lehrer, wie der Rabbiner (und auch andere Beamtenkatraorien), nicht für die Zukunft seiner Familie — für sein Alter und di« Zeit seiner Lienstunfähigkeit, für seiue Hinterbliebenen genügend Sorg« tragen kan«. Darum ist«» auch «ine unabweisbare moralisch«Pflicht, »ohlthätigeAnstalten zu unterstützen, diedieserAufgäbe zu genügen streben. Also. Anstalten rur Unterstützung der armen Jünglinge, die sich dem Lehrberufe widmen »ollen, an«rmeffeue Besoldung der Gemeinde» und Reliaionsbeamtrn und — lMst bat not the Uat — angemessene Unterstützung der Anstalten für die Dirnstunsähtgen und deren Wittwen und Waisen. Da e« aber mit dem Religionsunterrichte der einzelnen Kinder nicht jo ist, wie mit dem Gottesdienste in der Syna- . . eine ׳Sammlung veranstaltet. Wir hören, daß dieselbe 12,vvü Mark ergeben hat! Zwölftausend Mart für einen Zweck, zu dessen Erfüllung hunderttansrnde kaum nvthdürftig ««»reichen würden; zu eine« Zwecke, bei dem die Gefahr der Verzögerung groß ist; der alsbald und mit ganzer Kraft in Angriff zu nehmen wäre. W« bleibt hier-? Wir überlassen dem. Leser dies« Satz zu vollenden..