Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 13 (27.3.1890)
- Date
- 1890-03-27
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 — »Der Vorschlag ist all zeitgemäß zu empfehlen. Bei jeder Gelegenheit wird durch gewissenlose Agitatoren diese Lüge de» Blutgebrauchs wieder au» Licht gebracht, um durch sie die Leidenschaften der leichtgläubigen Menge aufzustacheln und zu erspähen, welchen Bortheil die schmutzigen Wasser de» Aufruhr» und der Verhetzung für die Agitatoren wohl auswerfen werten. Die römisch-katholische Hierarchie weiß diese» ebensogut, als die Juden selbst, und der Papst schuldet e» der Lerche, deren erhabene» Oberhaupt er ist, der wider« licheu Schlange, welche dir schmutzige Lache der Uuwifsen« heit crzrugt, den Kops zu zertreten Nicht die Rabbiner Deutschland« allein, sondern bieder ganzen civilisirtenWrlt sollten sich dieser Petition anschliesen und wir sind überzeugt, daß sie rücksichtsvolle Aufnahme und gebührende Würdigung finden wird. Wir sind ferner überzeugt, daß Tausende aufrichtiger und gelehltcr Theologen der katholischen Kirche der ganzen Welt diese Petition unterstützen werden; und so wird es der Lüge endlich unmöglich werden, zur Schande de» EhristcnthumS und der Civilisation sich immer wieder au» ihrem Grabe erheben zu können." (Man denkt also im freien Amerika doch anders über unfern Vorschlag, als im Berliner und Mainzer! Orthodoxen-Kreise.)! Magdeturg. Die vergangene Woche brachte wiederj die betrübende Nachricht von zwei Pistolen-Duellen zwischen! christlichen und jüdischen Studenten: in beiden Fällen entschied diesmal die Kngel gegen die nichtjüdtschen Duellanten. Ueber den einen Fall lautet der Bericht: ' Der 5tu-, jur. v. Semmern au» Schmatzdvrs (Kreis wer-; nigerode) gerietmit dem Studenten Lehmann (Sohn de» Land-; tagsabgeordneten Rechtsanwalt Lehmann in Dresden) in Streit und führte derselbe zu einem Pistolenduell, welches am (8. d. M. im benachbarten Knauthayn stattfand, hierbei erhielt der Korpsstudent v■ ' Semmefn einen Schuß in den Unterleib und ist derselbe in Folge dessen auch heute noch nicht vernehmungsfähig. Sein Duellgegner hat sich gestern freiwillig der.Behörde gestellt. Heber die! Ursache des Streites ist zur Zeit noch nichts zu erfahren. j Ueber da» andere Duell lautet dos Telearamm: Kürzburg. 22. ML^. In einem Pistolenduell erschoß der! Studiosus Paul KSnigsfeld aus Kodier (Schlesien) den Studenten > Paul Freuer ausRacktt in Pommern. Ueber die Veranlassung I wirb hier bekannt, daß .der erschossene Freu er das Duell durch ein feinem Gegner gegenüber gebrauchtes ant isemiti sches Schimpfwort provozirte. Wahrhaft traurig« Zustände! Die jüngsten Stvcker'schen Hetzreden weiden die Verbitterung der Gemüthcr und Er- Atzung der Köpfe in den Studentenkreism nicht abschwächen» sondern eher steigern. AerK». Herr Hofprediger Stöcker bat bekanntlich in der Sitzung vom 21. März al» ein Beispiel, wie man über die Inden reden solle, die ersten Kapitel der Offenbarung St. Johanne» angeführt, geschrieben von einem Manne, den man «inen »Jünger der Liebe" nenne. Dieser sage von den Juden in zwei von sieben Städten Kletnasien»: »Sie sagen, sie sind Juden, aber sie sind de» Teufel- Synagoge." Dagegen schreibt der Bremer Domprediger Dr. Schwalb: ,Herr Stöcker hat gewiß, um Hofprediger zu werden, und seitdem er es ist, die Bibel gelesen. Daran zweifelt Niemand. Doch haben schon manche bibelkundige Männer Bibelworte schlecht verstanden und arg gemißbraucht. Jedenfalls kann und wird man hoffentlich die Ihatsache nicht leugnen, daß er selbst, Hofprediger Stöcker, indem er in der Versammlung der Abgeordneten, die Bibel ritirend, vom Judenthum, als von der ,Synagoge Satans" sprach, in einen mannigfachen Jrrthum gerathen und fich wohl in bester, frömmster Abficht eines argen Mißbrauch» des Schriftwortes schuldig gemacht hat. Lin Jrrthum ist es vielleicht, daß Herr Stöcker das fragliche, jedenfalls sehr unlieben»- würdige und nicht aus dem Geiste der Liebe hervorgegangene Wort, fve weitcrcs als ein Bibelwort angeführt hat. Ls steht allerdings in unserer Bibel geschrieben, aber in einem Lheile derselben, von dem Luther im Jahre (»r! und manche andere fromme Christen vor und nach ihm gesagt haben, daß es der heiligen Schrift nicht würdig sei, nämlich in der Vffenbarung Johannis. Gb dieses Buch vom Apostel Johannes, vom Lieblingsjünger Jesu, wie wir sagen, oder von einem viel späteren Schriftsteller, der fich mit dem Namen Johannes schmückte, geschrieben sei, ist sehr fraglich. Sicher ist, wenigstens für jeden unbefangenen Bibelleser, daß -er verfaffer der Vffenbarung mit dem Lvangelisten Johannes nicht identisch ist. weil aber Herr Stöcker den Lvangelisten gewiß von dem Apostel nicht unterscheidet, so hätte er fich hüten sollen, den verfaffer der Vffenbarung mit Johannes, mit dem Manne, der in der Lhristenheit, gleichviel ob mit Recht oder Unrecht, für eine Personifikation der christlichen Liebe gilt, zu verwechseln. Dean Thatsache ist, daß im Buche der Vffenbarung von christlicher Liebe, ja von Humanität sehr wenig, von Haß und wuth schrecklich viel zu finden ist. war der verfaffer dieses Buches wirklich ein Jünger Jesu, so war er des Meisters kaum würdiger als Judas Jschariot. Uedrigens war er, als er sein Buch schrieb, bei aller Ihristlichkcit, bei allem Glauben an den Mesfias Jesus, deffen Wiederkehr er in vier Jahren erwartete, ein echter treuer Jode, wenigstens hielt er fich für einen solchen und als er an zwei Stellen seines Buches (ll., 8 und HL, 9) von einer ,Synagoge Satans" sprach meinte er — dies geht aus diesen Stellen selbst und noch deutlicher aus dem ganzen Zusammenhang seinesBuches sonnenklar hervor — nicht das Judenthum, das für ihn' die allein wahre und göttliche Religion war, auch nicht das jüdische Volk, das für ihn das auserwählte Gottesvolk war, sondern eine heidenchristliche, vom Judenthum emanripirte und doch jüdisch fich nennende Partei. Den Führer dieser Partei nennt er, wohl mit einem allegorischen Namen — Nikolaos oder Bileam, auf deutsch: ,Volksverderber", vielleicht war dieser ״Volksoerderber", der Prophet des Thieres, der sammt dem Lhiere und Satan in den Schwefelpfuhl der Hölle geworfen wird, der Mann, ״der zwei Hörner hatte, wie ein Widder und doch redete wie ein Drache", der kein Geringerer, als der Apostel Paulus. Jedenfalls hat der verfaffer der Vffenbarung außer den zwölf Aposteln Jesu keinem dreh zehnten die Lhre dieses hohen Titels zuerkannt, so daß er Paulus schon deshalb verabscheuen mußte, weil dieser den Titel mit so großer Lntschiedenheit für fich beanspruchte. Gleichviel aber, welchem Führer die Leute der fraglichen Partei, der ״Synagoge Satans" folgten, es waren, dies sagt der verfaffer in den zwei angeführten Stellen mit dürren Worten ״keine Juden". ״Sie logen", der verfaffer sagt es, ״indem fie sagten, fie seien Juden." »Wenn Herr Stöcker, so schließt Herr Domvrediqer Schwalb, »seinen vielen und aufregenden Beschäfti1»nqen ein Stündchen abgrwinnen kann, um in der Stille seine» Kämmerlein» vor seinem Gott und seinem Heilande, der bekanntlich ein Jude war und zunächst für dir Juden gestorben ist» diese Tkatsachen fich zu vergegenwärtigen, so wird er wohl sich selbst eingektehin müffrn, daß er, indem e» da» sragliche Eitat sich erlaubte, weder al« ein Prediger d:r Wahrheit, noch al» eia Prediger der Liebe gesprochen hat." Ja ähnlicher Weise wird Herrn Stöcker im Börsen- Tourir heimgrleuchtet. Der sarkastisch« Leitartikel (deffen Hers, ein durch seine genaue Kenntniß nicht nur de» alten auch de» neuen Testaments unser« Lesern wohlbekannter gesch. Mitarbeiter uns. Bl. ist) schließt mit den Worten: ״In seiner Rede vom Freitag hat Herr Stöcker gesagt, daß es sein Beruf nicht sei, blos ein Prediger der Liebe, sondern auch ein Prediger der Wahrheit zu sein. Ist Herr Stöcker am Freitag, da er an seiner vergangenhett die große Wäsche vornahm, ein Prediger der Liebe gewesen? Nein l Ist er ein Prediger der Wahrheit gewesen? Neinl verläumdung hat er gesprochen und falsches Zeugniß abgelegt. Lr hat bewiesen, daß er heute noch derselbe Mann ist, für den er seit zwölf Jahren gegolten: die Verkörperung der Unwahr- Hastigkeit.» ") wer denkt hierbei nicht an jenes bekannte Beispiel eines ciicalns ritioeas: ״wenn ein Kretenfer sagt: Alle Kretenser lüge« — lügt er da, oder sagt er die Wahrheit?" — wenn Stickest^sagh ich bin ein Prediger der wahr heit, u. s. w. Nun, er ist ein eben solcher Prediger der Wahrheit, wie er ein Prediger der Liebe ist.