Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 12 (20.3.1890)
- Date
- 1890-03-20
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leipzig, 16. Stär). (Or.-Lorr.) Da« hiesige ,Lageblaltbrachte gestern eine Mittheiluag an» der »Kreuz« Zeitung* wonach die jüdischen Referendare Sachsen» eine Beschwerde gegen de« sächsischen Zustizminister an die Zweite Kammer gelangen ließen, in welcher demselben der Borwurf gemacht werde, daß die jüdischen Referendare nicht zum Richtereide zugelassen, ihnen die hier übliche Remuneration (von 1200 Mark p. a.) verweigert werde und endlich auch nicht szur richterlichen Lauf» bahn gelangten. In gewohnter jutzenfeindlicher Weise berichtet die »Neue Preußische* weiter, daß dieses Elaborat sämmtlichen freisinnigen und socia ldemokratischen Mitgliedern schriftlich mitgetheilt worden sei. AuS der heutigen Berichtigung des Herrn Rechtsauwalt Dr. Werthauer im »Leipziger Tageblatt* geht indeß hervor, daß die genannte Beschwerde jedem einzelnen Mitgliede der II. Kammer ohne Partriunterschied zugesandt worden sei. Derselbe Herr, welcher Urheber dieser Beschwerdeschrift ist, bemerkt dann zum Schlüße: »Ich verfolge die Angelegenheit nicht im Jnterrffe irgend einer politischen Partei, habe vielmehr zu jedem einzelnen Mitgliede der sächsischen Kammer das Bertrauen, daß eS Unrecht, von welcher Seite e» auch kommen mag, nicht dulden wird.* Dies charakterisirt aber auch den sehr rührigen, wockrrn und tüchtigen jungen RechtSgelehrten, der bekanntlich schon wiederholt Veranlassung genommen, gegen den Antisemitismus, wie und wo er sich auch äußerte — und die in Rede sichende Angelegenheit kann doch füglich auf Antisemitismus zurückgeführt werden — mit Energie Front zu machen. Da die Sache bereits in Form einer Interpellation von den socioldemokratischen Abgeordneten, bezeichnend genug, der Kammer vorliegt, so darf man aus deren Beantwortung Seiten» de» Herrn Justizmiuister» gespannt sein. Die von sämmtlichen sozialdemokratischen Abgeordneten Unterzeichnete Interpellation lautet: »Ist « wahr, daß seit der am Oktober 6ל8ז erfolgten ©n• ührung der neuen Gerichtsverfassung kein einziger Referendar jüdischer Konfession den Richtereid erhalten hat, und daß all« Referendare, welche beim Zuftizminiiterium um Gewährung de» Richtereides einkamen, trotz Befürwortung durch die zuständigen Dienst- Vorgesetzten immer erfolglos waren, ja sogar unbeantwortet blieben?" Ferner: ,Ist es wahr, daß ein jüdischer Referendar im Gegensatz zu den christlichen Referendaren nie eine Jakresremaneration erhält?" — l» Im bejahenden Falle ersuchen wir um varlegmig der Gründe, welchr di« Agl. Staatsregierung im Widerspruch mit den Reichsgesetzen und der Landes Verfassung zu einer solchen praxi» bestimmen." Wir kommen ln nächster Nr. auf die Beschwerde» schrift selbst, die an Deutlichkeit nicht» zu wünschen übrig läßt, und den Titel führt: »D ieBeh and lungderR rfe re ndare jüdischer Confessio» seiten» de» Kgl. Sächs. Justiz. Ministerium»* ausführlicher zurück. #« be« Großßerzogttzn« Kesse», 7. März. (Or.^Lorr.) Eia Artikel aus Schneidemühl in Rr. 4 dieser geschätzten Zeitschrift fordert insbesondere vom süddeutschen Standpunkte au« die entschiedenste Opposition heraus. Wenn dem D. I. G.-B. keine andere Brrsänmniß nachgewiesea werdm könnte, 1»־• daß er keinen Fonds für Synagogen» und Friedhofs» Anlage» sammelt, dann stände e» sehr gut um da» deutsch« Judenthum; und würde ihm. dem Grmeindebund, — wenn er nur alle übrigen Aufgaben für die gesummte Judrnheit erfüllte, — der Dank für seine Bestrebungen nicht vorruthalteu werden können. Wir haben wohl auch au» den dortigen Gegenden von dem Eioschlumpfea der jüdischen Gemeinden au kleineren Plätzen vernommen. Wenn e» jedoch in Schlesien und Posen in kleineren Gemeinden an Synagogen fehlen sollt«, so mögen sie nach Hessen und wohl auch nach Bayern, Baden und Württemberg kommm; sie werden da schöne, oft fast neue Synagogen zu Dutzenden, ja zu Hunderten finden, die man ihnen gerne überlassen würde, weil sie — leider t — durch« au» leer stehen; weil kein Jude, »der doh kein Minjan mehr in dem betreffenden Orte wohnt. Wir köunen ihnen Synagogen und Friedhöfe abtreten, weil nur «och der dkrf» tig« Schutz der Polizei ungebührlich« Verwüstungen verhütet; well di« RabbinatSbehörden aufgerufen werden, da man nicht weiß, wa» mit den »»erlassenen Gebäuden und den heiligen Gerätheu geschehen soll. ES sind mir Fälle bekannt, wo Besucher von Friedhöfen, die au» weiter Ferne kamen, um an den Gräbern Heimgegangener Lieben zu beten, die Thore verrammelt fanden und Insulten auSgesetzt waren, weil sät einer langen Reihe von Jahren kein Jude mehr im Orte wohnt. Wir kennen ganz schöne, fast neue Syaazogen, die vor kaum 20—2V Jahren erbaut wurden für Gemeinden mit 30 und mehr Familien, und jetzt ist die Synagoge verwüstet, di« Gemeinde verzogm und kaum eine Fensterscheibe mehr ganz. Da ist eine ganz neue Synagoge inmitten eine» schönen, großen Garten», mit schönem Schulhau» und einst schön ausgestattetem Fraumbade; — der letzte noch dort wohnende Jude hat vor kurzer Zell di« Sifte Thora'» und heiligen Geräthe einer benachbarten Synagoge zugeführt; — wer weiß, wie lange eS dauert, bi» sie auch da nicht mehr gebraucht werden? Da» stad That» sachea, die nicht zu leugnen sind. Ob sie dem Judenthume der Zukunft zum Heile obre zum Rachtheile sind, — wer vermag da» zu entscheiden? Es ist aber eine Thatsache; mit der wir rechnen müssen. Die Landgemeinden werden mehr und mehr zurückgehen, geben ihre jüdische Bevölkerung an die kleineren, und diese wieder geben sie an di« Groß» stützte ab. Die Existenzbedingungen fehlen in kleineren Orten für die jungen Männer, die einer höhnen Bildung theilhafttg geworden sind. I« diesm Städten mögen für di« hohen Festtag« Synagogen vielleicht eia schreiende- Bedürfniß sein. Aber diese Großgemeiaden wollen und brauchen keine auswärtige Hülfe, wenn sie dem Bedürfnisse zu entsprechen für gut finden. Langjährige Erfahrungen haben dem Schreiber diese» auch die Ueberzeugung gegebm, daß durch kostspielige »manu» mentale* Synagogendaueen das religiöse Äben selbst in größeren Gemeinden keineswegs gewinnt, sondern daß sie zumeist die Veranlassung zu Zwistigkeiten bieten. Da hat ein Vorsteher sich ein bleibende» Denkmal errichtm wollen uutz eine weit über da» Bedürfniß hinaus große und Herr« liche Synagoge gebaut. Die innere Ausstattung mußte ent» sprechend sein, — und da» kostete enorme Summen. Erst nach Vollendung de» Werke» fiadtt sich, daß die Schuldenlast wett über 1000 Mark für jede» Familieuhaupt beträgt und die Ab» gaben die Kräfte allzusehr in Anspruch nehmen. Jetzt wird man doch auch dafür sorgen, daß btt Gottesdienst entsprechend auSgestaÜet und die Beamten der Gemeinde so gestellt werden, daß sie mtt Lust und Lieb« ihre Aufgabe erfüllen uutz die innere Hebung durch GotteShau» und Religioa-uaterricht fördern? — Im Gegentheill Wa» man dort gedaukeulä» verschwendete, soll hier nun erspart werden; und denm es wirklich Ernst war um die Hebung de» Judenthum» und di« darum beim Baue mit Lieb« mitgewirkt haben, sehen mtt großem Schmerz nach kurzer Frist, daß dem EnthastaSmu» eine Abspannung folgt und daß die Uazuftiedenheit wächst, well dtt Lasten groß und größer werden. Und der Anttse» mitiSmu»? Hört, was die an einer solcheu Prachtsynagoge Vorübergehenden zu einander sagen: ״Nur die Juden könne» solche luxuriöse«.Gotteshäuser bauen; nur die Juden habe«'» Seldl* —Ach, wenn sie nur auch wüßten, wa» noch ״drauf steht* l Wir wissen mehrere Fälle, wo man sich nach dem Neubau der Synagoge de» Rabbiner» euttedigt« und dann Jahrelang da» Radbinat unbesetzt ließ, weil man mtt dem ersparte« Gehalte die Schulden, welche durch den Bau de» glänzenden GotteShause» entstanden warm, abttagen wollte. Darum bleiben auch ganz warmheuige Jadm kalt bei dem Weherus nach amen Synagoge«. Üad wir haltm e» für ein« großm Mißbrauch, wenn man dtt öffentlich« Wohl» thätigkett zu^eiäem solchen Zwecke in Anspruch nimmt; und