Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 10 (6.3.1890)
- Date
- 1890-03-06
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
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und großen Gemeinde unerläßlich; und dir leitenden Per»! sänlichkeiten derselbe« sollten bei der Wahl und Anstellung ihrer Eantoren sorglich darauf Bedacht nehmen, wenn ste ihrer heiligen Pflicht der Religion und der Gemeinde gegenüber genügen wollten. Tritt hier die wünschenswerthej Wandlung in durchgreifender Weise ein, so wird dabei die! Synagoge ebenso gewinnen, wie die deutschen Eantoren selbst! in ihrer bedeutungsvollen Stellung als EultuSbeamte an! Achtung und Schätzung gewinnen werden. — | Berichte und Gorrelpoudrnze«. ' j Deutschland. MagSeSnrg, 3. März. In der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses brachte der deutsch-freisinnigeAbgeordnete Zelle folgende uns Juden interessirrnde Angelegenheit zur »ffcntlichen Sprache: i »Ich «Achte eine nach mei...r Ansicht rnberechtigte Eigeathümj Uchkeit bei der Anwendung der Gerichts versaffung in Schlesien hervorheben, die sich aus die Auswahl der Grjchw-rencn bezieht. Rach dem ] GerichtsversasinagSgesetz find gewifie Personen unfähig zmi Geschworenendienpe, vor allem die Verbrecher; aber keinevsallß sollen ganze Klassen ״n Staatsbürgern grundsä-lich als nicht geeignet zu diese« Ehrenamt aagesehen werden. Run hat aber der OberlandeSgerichiSprisident von Schlesien eine Bersügung erlassen, wonach nach Möglichkeit vermieden werde» soll, Juden zu Geschworene» zu wählen. Diese Maßregel hat di« Empfindung ungerechter Zurüekwrisung erregt. Sie verftäßt auch gegen die Gesetz« und zwar »icht bloß gegen dar BerichtSversaffungSgefetz, sondern auch gegen die Artikil 2 und 12 der Verfassung und gege» da» Gesetz vom 3. Juli 1363. Ich meine, je Häher jemand in I der Justizverwaltung sieht, um so genauer sollte er die Gesetze kennen | u»b beobachten. Darum bin ich weit entfernt, an de» Herrn Justiz-! minister die Krage zu richten, ob er diest Verfügung billigt, sonder» bitte ihn nur, von der Sach« Kenntnis zu nehmen n,d die Maßnahme, ' di« nur demüthigend wirken und die scho» genug verbretteie Unzu- : friedenheil im Lande »ur noch vermehren kann, sobald wie »-glich au» 1 der Welt zu schaffe». Der Justlzminister v. S chellivg «ntgeguele: Mir ist nicht Var, wie der OderlandeSgerichtSprSfident in VrrSlau tu der Lag« sei» kann, auf die Aulwahl der Geschworrneagerichre eivzuwirkeu, da diese doch in der Hand eine» Ausschuss« liegt. Ich bejweifle daher, daß überhaupt ein« solch« Verfügung «rlaffea ist. Legt jedoch der Aba. dahi» Zeugniß ab, so werde ich die entsprechend« Anfrage an de» OberlendeSgerlcht». Präsidenten richte». Rach meiner Ansicht wäre «i»e solch« Bersügung allerdttrg» »icht zu billige».» Ob ein solcher Erlaß in aller Form existirt oder nicht, mag — bis Herr Zelle den Beweis der Existenz desselben führt — dahingestellt bleiben; Thatsache aber ist e», daß in qar vielen Orten seit einigen Jahren die Praxis vorwaltet, Juden nicht zu Geschworenen zu wählen. Herr Aba. Zelle hat sich darum recht verdient gemacht, daß er diese ,unberechtigte Eigenthümlichkeitaufgedeckt hat. Die Antwort des JustizministerS kann nicht anders al« »korrektbezeichnet »erden. — Kerl!«, 28. Februar. Der Antisemitismus, der bisher im Reichstage nur durch «inen Abgeordneten vertreten war, hat diesmal bereits zwei Bertreter erhalten und es ist nicht ausgeschlossen. daß dieselben bei den Stichu. Nachwahlen noch Zuwachs (von 2) erhallen. Bezeichnend ist, daß auch diese auS den Göhrungen der letzten Jahre hervorgegangrne Partei sich bereitin zwei Richtungen gespaltet hat. Dl« eine, als deren Führer Böckel angesehen werden darf, hat mehr uud «ehrein socialdemokratisch eS Gepräge angenommen, und daS war vorauSzasthen. BSckel selbst hatte zwar seinen Sitz auf der äußersten Rechttn im Reichstage eingenommen, aber von dem AlttisemitiSmu« abgesehen, hatte er iu seinen polüischeu Anschauungen wohl nur wenig mit der Rechten gemeinsam. Auch seine ganz im Stile eines öden socialdemokratischen AgttaiorenthumS gehaltenen Reden hätten ihn «ach einer anderen Seite de- Hause» verweise» müssen. Die andere Richtung, die jetzt in Liebermanu v. Sonnenberg eiueu Wortführer in den deutschen Reichstag entsendet, hak die Fühlung mit der christlich.sozialen Part«, der Mutter des AntflemitiSmuS in Deuflchlaud, noch nicht ganz verloren. Diese letzter, Gruppe, di« aus »deutsch-uatioaatm- Gründen des Jndenthu« befeindet, hat im Uedritzgu ihre» conservatlven Eharaktrr beibehalten und «S wird begreiflich erscheinen, wenn ste mit der von BSckel geleitete« Bewegung mehr und mchr in Streit gerathen ist. E« sind die ehemals hessischen LandeStheile, die sich da« zweifelhafte Verdienst erwarben, Antisemiten in de« Reichstag zn entsenden. Als Grund für diese Erscheinung wurde von konservativer und anlisemltischer Seit« stet» hervorgehoben, daß grade i»Hessen der von Juden in ländlichen, wie iu städtischen Bezirken betriebene Wucher. Nochstände hervorgemfen habe, au» denea man einen Ausweg nur io der Bestallung von Abgeordneten erblicken könne; die sich die Bekämpfung de» JudeathunS zur Aufgabe stelle». Nun wird aber der ,tkreuzzeitung, die gewiß nicht in dem Verdacht der Judenfreundlichkeit steht, au» Hessen Folgendes geschrieben: ״Der Ansicht, welche die Eoaservatioen de» Ostens und Sachsens veranlaßt«, un» Hessen den Antisemiten als Versuchsfeld anzuratheu, müssen wir widersprechen. Unser Laad ist keineswegs so arg verjudet, die Antisemiten haben nur in solchen LandeStheilen Boden gefunden, wo eine von jüdischem Einflüsse wenig berührt«Bevölkerung wohat; im . . keine Spur." Diese Mittheiluug ist gewiß nicht ohne Interesse, iu so fern als die Nichttgkeit uud Hohlheit der bisher von couservativer Seile für die Erscheinungen iu Hessen angeführten Erklärungen damit erwiesen wird. Als,Versuchsfeldhatten dir Louservativeu de» Osten» und Dachsen« da» Heffealaud »augeratheu-, uud sie müssen nun sehe«, daß auch eine sozialdemokrattsche Spielart de« LotisemitiSmu» — auch in Frankreich ist ja vielfach Sozialismus uud TotisemitiSverknüpft — die Früchte erntet, die fie gesäet. Der Sozialde.mokratie wird überall daS.Feld bestellt, wo Unzufriedenheit geschürt wird. Da« sehen die Eonservativeu jetzt in Heflen »nd über laug oder kurz wird e» auch der UltramantaniSmu» sehen. Keibekberg, 28. Februar. Ich bin Jhurn recht dankbar dafür, daß Sie den Abdruck eine» auf mich bezüglichen Artikel» der ,Neuen Bad. LandeSzeilung" mir der Redaktionsbewerkuug versahen: ,Wir möchten das Ganze bezweifeln.- — Den ס er« schieden«» gehässigen Artikeln jener Zeituug gegenüber habe ich bi» jetzt nicht« untern ommeu; die Darstellung in Ihre« geschätzten Blatte aber möchte ich sofort berichtigen. Unter den in hiefiger Stadt obwallenden Berhältniffeu, vermöge denen der Rabbiner mitten in der Gesellschaft steht und in allen Stücken wie der erst« protestantische und erste katholische Stadtpfarrer behandelt wird, kann er, wenn letztere ihre polllische Anschauung offen büennen. auf Ansuchen mit der setnigen nicht zurückhalten, obgleich nach «einem Gefühl alle Geistlichen »ou politischen Wahlaugelegeaheiteu ferableiben sollten. Bi» zur gegeuwärtigen RÜchStagSwahl gab e» in Baden nur zwei große Parteieu, die uatioualliberale uu» di« ultramootane. Eine dritte Nein« Partei» die demokratische, deren Orgau da» obengenannte Blatt ist, hatte in Heidelberg keinen Boden. Uusre Regierung ist nationalliberal, — wir haben bei dieser Gesinnung einen evaug., «inen kath. und eines israel. Minister —, dir Stadt Heidelberg ist «esentlich »ationalliberal, die hirfigen Israeliten gehörten bisher meine» Wissen« dieser Partei an, uud ich selbst bin seit »eine» Hiersein immer aufs Neue tu de« »eitere» Aurschuß derselbe» gewählt worden, welcher tu dem Jhuen zur Einsicht beiliegende» ,AufrufdieWahl de« konservativenxartellkandidaten zu uattrstützen beschlossen hat. Letzterer wohnt iu nächster Nähe Heidelberg», uud «au hat von autisemittsche« Tendenzen deffelbeo nicht« wahrgeuommen. Mit der Bildung eine» deutsch-freifiuuigen WahlvereiuS hierorts zur gegeuwSrtigen Reichstagswahl trat »ach de« Erscheinen de» uatioualliberaleu Ausruf« die Behauptung auf, der Kartellkaudtdat Eonsnl Menzer sei Antisemit. Obschau ich «ich abgesehen van der Uuterzeichnuug de» Aufrufs in der ganzen Wahlfache tzffentlich nnd privatim der PcSßten Zurückhaltung defltffen habe, hielt ich es für grbatrn. den Sandidaten direkt n» »ufschech