Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 10 (6.3.1890)
- Date
- 1890-03-06
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S 74 äußersleu Flügel derIDemokratie getrieben durch di« «ine Logik de« Hoffe«, den er in seinem Blute gegen die moderue Gesellschaft trage. Da« sei dieselbe Logik, die den Marquis von MorSr dnzu geführt habe, sich in der Versammlung von Rerilltz ol« einen Demokraten vorzustrllrn. So habe du Antisemitismus dem Sozialismus die Hand gereicht, und das Buch ״La France jaive“ mit seiner Anklage gegen die moderne Gesellschaft sei eine gute Varbereitung auf die ״Revue Sooialiate“. Daß übrigens BarräS mit seiner Behauptung, der Antisrmilismus jci mehr antikapitalistisch als antijüdisch, nicht u>-recht hat. da« zeigt auch ein Ausspruch, den Lurelien Scholl belauscht und im ״Matin" erzählt hat. Ein Bummler sagt zu dem andern: ,Weißt Du schon, laß der Herzog von Montpensier zweihundert Millionen hinterlaffen hat?" — Wirklich? oh, diese Juden!" war die Antwort. Diese Ausführungen dürften auch in Deutschland Beachtung finden, da sie für dieses manches Zutreffende enthalten; sie haben bei der Wahlbewrgung ihre volle Be» stätigung gefunden. Die Antisemiten Böcke l'scher Couleur fahre» bereit« im sozialdemokratische», die Stö ckerianer bekannt« lich im christlich-sozialen Fahrwasser. (Siehe die folgende Lorrespondenz ״Berlin".) Wir knüpfen hieran die Uelersetzung eine-Artikels, den der ehemalige Minister JuleS Simon in der gelegentlich de- 50 jährigen Jubiläums der ״Archive« iaraAlitee" erschienen Jubelschrist (la Garbe, — vergl. unter ״Paris״) über ״Unduldsamkeit" veröffentlicht hat. Tr hat manche Berührungspunkt« mit dem Vorstehenden. Der berühmt« frauzvfisch« Schriftsteller und Senator schreibt: ״Ich bi« kei« Jude, aber da« girbt mir »och mehr Recht von de« Handlungen der Unduldsamkeit zu reden, denen die Jwdeu in der letzten Zeit auSgrsetzt find. E« haben in einem Winkel Rußland« und auf der Balkanhalbiusel wirkliche Judeuverfolguugeu stattgefuuden; diese beschräokru fich ander«, wo auf Bücher uud Broschüren. Ich erhalte täglich Zeitung«- artikel, in welche« mau zum Haffe und zur Aechtuug der »de» aufhetzt: Welche« ist der Beweggrund diese« Feldzuge«? st e« die Religion? Oder ist eS da« ungeheure Ber« möge» gewisser Juden? Oder die Art, wodurch fie diese« erwerbe»? Wenn die Chrifteu de« elfte» Jahrhundert« die Jude» verabscheuten, weil sie Jesu« Christ»« verurtheilt habe», so täuschten fie fich i» der Thatsache, weil Poutiu« Pilatus, ei» Spanier (?) in seinem Rechte war, uud weil e« unsinnig ist, eine Raffe für ein 12 Jahrhunderte vorher begangene« Berbrechen zu strafen. Aber diese« Betragen kann» wenn auch nicht entschuldigt, doch durch den Fanatismus erklärt werden. Die Christen, die wir kenne«, würden fich unsterblich lächrrlich machen, wenn fie fich voruShmen, eine» ReligiouSkrteg zu beginnen. Sie denken nicht daran, sie werfen den Juden nur ihren«Reichthum und ihre Unredlichkeit vor. S« gibt sehr reiche Jude», aber t* gibt auch sehr arme. Der Reichthu« ist kein B erbrechen, ausgenommen vielleicht in de» Luge« der Sozialisten, welche sich übrigen« de» christlichen Reichen um kein Haar nachfichtiger uud brüderlicher zeige». Die Unredlichkeit ist eine andere Sache, man muß dieselbe mittel« ber bestehenden Gesetzgebung unterdrücke». Diese besetze müssen, wollte mau nicht bi« franzöfisch« Revolution verleugne«, allgemeiner.Natur sein und fich auf alle Bürger ohne Unterschieb de« aultuS beziehen. Iss e« de»» aber wahr, daß die Unredlichkeit häufiger bei de» Inden als bei be» Christen augetroffen ist? Ich glaub« t» nicht. Ich glaub«, baß der Mische Baukier tu Nicht« ve» dem christliche» Bankier verschiede» ist. Ich wünscht», daß Jemand käme uud mir bewiese, daß mein Freund Goudchaux, Finauzmiutüer im Jahre 1848, nicht da« Muster der gv> nauesten Redlichkeit gewesen. E« giebt unter ihnen, wie unter uu«, Schurken, die zu bestrafe», und Chreumänuer, dt« zu achten find. Man macht einen Feldzug gegen die Inden. Wohlan, wie weit will mau gehen? Will man gegen fie einen Aufruhr der franzvstsche» Bauer» Hervorrufen oder eine neue Auflage der Dragonaden? oder will man einfach Ausnahmegesetze? Mau sage e«: man hat die Wahl zwischen Niedermetzelung uud Inquisition. Der Krieg ist sehr lebhaft gegen die Juden, wie er e« anderwärt« gegen die Papisten ist. von Zeit z« Zeit erhebt man fich in England gegen die Papisten. Die jüdische Raffe hat einen persönlichen Feind in Berlin, welcher gege» fie di« Jugend in den Schulen aufhetzt. Der Papist schräkt öfter« über Berfolguog, und er hat vielleicht nicht Unrecht. Der Kampf, der vor zehn Jahren in Frankreich gegen de« ClerikaliSmu« auSbrach, war ein Kampf gegen da« Papstthu». Die Menschen find in Wahrheit die Schmiede aller ihrer Uebel. Man muß wirklich Mitleid empfinde», wen» mau fie so »erpicht steht, um Leiden zu machen. L« ist viel süßer und. ich füge ganz leise hinzu, bequemer, zu liebe» und geliebt zu werden, al« zu Haffen «ad gehaßt zu werde». Ich frage mich, ob diese« ein religiöser Streit im 19. Jahrhundert ist. O, ihr gleichgültigen, o ihr steplischen Geschäft«- Männer, ihr pofiliven Menschen, die ihr mit so vieler Sorgfall euern Geist in euer Portemonnaie einschließt, habet wenigsten« die Wohlthateu eure« Zustande«, da Ihr ja sonst nur da« Unglück davon habet." AuS dem Sftsrre»ch»fche« Reichsrath. HL So wohlthätig sich da» neue Gesetz für die bestehenden gröberen Gemeinden erweisen wird, eine so große Umwälzuag, aber wird e« in den vielen bisher nur grduldetea oder in den au» großen Gemeinden zusammengeschmolzrnen kleine« Gemeinden oder CultuSvereinen Hervorbringen. Bisher frffteten diese in Dörfern und kleinen Ortschaften befindliche Gemeinden so gut. oder vielmehr so schlecht e« ging, ihr Dasein. Eine Betstube war bald hrrgerichtet und ein Beamter, der Lehrer, Ehasan, Schochet und SchammeS zugleich war, sich auch gelegentlich Rabbiner titulireu ließ, war bald gefunden. Die Anstellung geschah gewöhnlich ״vom Sman bi« zum Sman", also auf ein ganze» halbe«Jahr. Ueber diese« Elend ist viel geklagt und geschrieben worden. Da« neue Gesetz schreibt nun vor, das) rin« CultuSgemeiud« nur dann al« solch« anerkannt, wird, wenn hinreichend« Mittel nachgcwiesen werde«, den Bestand der «öthige» golteSdienstlichen Anstalten und Einrichtungen die Erhaltung der Rrligionsdieuer und die Ertheiluag eine« geregelten Religion«- unterricht zu sichern, vor Allem aber sst da« unentbehvliche Requisit einer Cultutgemeinde, rin den geschlichen Anfoxderungen ($ 10 und 11) entsprechender Rabbiner. E« werden nun den kleinen Gemeinden zwei Weg« offen stehe». Entweder werde« sie sich der nächsten Großgemeinde an« schließen oder, eine Anzahl keiner Gemeinden wird sich zu einem verbände einigen müssen, der im Stande ist, de» gesetzlichen Anforderungen zu genügen. Um endlich de« voraussichtlich sehr fühlbaren Mangel an geeignete« Rabbinern zu begegnen, ist die Regierungsvorlage dahin abgeändert worden, daß ausnahmsweise mit Genehmigung de« Enltu»minffter« ein gemeinsamer Rabbiner für zwei oder mehrere Gemeinden mit Festsetzung seine« Wohnsitze« bestallt werde« kann. Die Ausnahme wrrd aller Voraussicht »ach sehr lang« die Regel sei«. E» war daher auch sehr äuge- «essen, daß für die im Verordnung«» ege durchbusührruve Eintheilung der CuUuSgemeindespreugel im Hiablick auf die offenbar zu arwärtigeuven Einsprüche «ad Beschwerden gege» die Einvnletvung in diese oder jme Gemeind« ei» Zeitraum von S Jahren festgestellt wurde. Hoffentlich werden Ne