Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 5 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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85 ' Rechtsanwalt» Wolf, der einer der Haupt» Heide» der Berliner antisemitischen Radauver» sammlunae« gewesen ist. Dagegen protestirten wir. Kein Jnde wird fich soweit entwürdigen, um etwa für d»» Herrn von Hammersteia zu stimmen, der im Reichstag «»anschelt hat, dessen Blatt, die Kreuzzeituna, nahezu täg- Uch in der giftigsten Weise gegen die Juden schreibt: Stöcker, der die Inden und den konfessionellen Frieden so heiß liebt, kann natürlich nie der Kandidat eine« Joden sein; daß ist selbstverständlich. •) L» ist ein altjüdische» Sprichwort: wenn ei» Weiser irr», so int er sogleich gründlich, danach wäre r» zu verstehen, daß so hervonagende Menschen wie Gold schmidt-LozaruS so schwer sich verirren konnten; ober für un» schlichten Leute bedarf e« keiner langen Erö.terung, »» e» un» klar zu machen: einen Antisemiten wählen wir nicht. Wetterhinou» jedoch ist kein Jude durch sein religiöse» . Brkenatnih oder durch die Gestaltung unsere» öffentlichen Leben» zu irgend einer Porteistrlluog verpflichtet.*") Wäre nicht da» Gegentheil so oft und mit soviel Pathos ausgesprachen worden, so verlohnte e« sich kaum einen so einfachen Eatz noch zu kegründrn. . E« ist rin Gebot der Klugheit und der Gerechtigkeit, die Gegensätze de»,politischen Kampfe» nicht in unser religiöse» Leben hinrinzutragrn. D«r Jude wähle, wie e» ihm seine politisch« Uebrrzeugurg eingiebt. Da» Judenthum hat mir de» Reich»:ag»wahl en absolut gar nicht« zu s ch'fsen. _ Alberti Herostratulua. (Um indischer »nttsemit. BCII.«. Antwvrt m tzerr» Ikonrad Alberti von O. I. In Breslau > (Vchlub-1 Sie werfen Wetter den Juden Mangel an Kunstsinn vor, weil sie zu kritische „Deleetirer" seien und «einen. Aus» »ahmen wie Heine, Rahel beweise,: nicht». Ich will Sie nicht «inladeu, mit mir einen Gang in di« Vergangenheit zu machen und die jüdischen Dichter, echte Künstlernaturen anftnsncheo. Die Perlen, die wir da finden würden, wären zu schade, vor Sie hingeworfen zu »erden. Sie kennen also »laß Heine und Rahel, haben nie etwa» von eine« Auerbach rmd Mendelssohn gehört? Wissen Sie, di« Welt muß ewig dem Jndenthum schon allein dafür dankbar sein, weil e» ihr diese» Heine geschenkt, vielleicht den größten Lyriker, wie chm ein Mommsrn, Fechnrr, Schere, genannt haben. Würde da» Judenthum so jeglichen Kunstsinne» entbehren, »t wäre chm unmöglich gewesen, einen Heine hervorgeheu zu Ilafsr». Die Leiden de» modernen Eulturmenschen hat keiner > } sa vollendetem Ansdruck gebracht, wie gerade Heine, und 1« konnte die« am besten, weil er ein Sohn de» verfolgten, MploÄen, mißhandelten Judenthum» war, «eil ihm schon van Geburt rin Herz mit Gefühl für Leid und Weh gegeben war; und der Verfolgte hat ja da» tieffte Berständniß und Mitgefühl für die Leiden der Anderen. Und wa» Mendel»- > skchu anlangt, so sollten Sie doch wissen, daß er eine Künstlernatur im besten Sinne war, daß sich un» in seinen Schöpfungen eine unendliche Gemülhstiese, eine reiche Ge» ftihlRvelt austhut. Ein großer, christlicher Kritiker meint fagar, da» kleinste Li d von Mendelssohn sei unendlich mehr Werth, al» die graßen Opern Wagner». Ich halte da» llrtheil für übertrieben, aber Sie schrn, wie Christen über Künstlernatur de» Juden urtherlen. Dean Sie werden nicht sagen wollen, daß erst in den getauften Mendel«» die Künstlernatur hineiagetrochm sei, die dem Juden *) Da»» aber ist «» «b.-lls» selbstverständlich, daß «I» Jude UN» solchen bi« Stimme geben kann, die ,»ne» ausgesprochenen tnde» zu eine« Sitz« imReichttage zu verhelfen bestrebt sind. (Med.) ) Wtr gehe» n»r t» eine« Punkt« weiter: dag wir nicht »nr »»«tsemite», sonder» auch keinen VS hier von Antisemiten kl»»«n »ad bas find ja di« »»etsten Kartelliftrn. (Red) Mendelssohn fremd war. Uebrigen» gab e» auch einen gewissen Meyerbeer, Herr Alberti, und man sagt, er hätte auch ein klein wenig von Künstlernatur besessen. — Sie sprecheil dem Judeachum« den Idealismus der Humanität, selbstlose Hingabe an ein« Idee ab. Herr, der Sie keine Ahnung von der Geschichte de» Judenthum» haben, nur Sie können in Ihrer tiefen Ignoranz also sprechen. Ist da» kein Idealismus, den die Juden durch Jahrtausend« bewiesen haben? Ist e» kein Jdealitmu», allen Verfolgungen zum Trotz, aller Schmach und Bitteraiß ungekümmert, aller Peinigung und Verstoßung entgegen, trotz alledem und alledem die Fahne de» Judenthum« emporzuhalten? Da» Judenthum vertrat nicht mit der Waffe in der Hand seine Idee, seine Fahnen tiiefea nicht vom Blute Andersgläubiger, aber mit dem Schwerte de« Geiste» focht es, der Jdeali»mu» ließ ihm einen Panzer werden, an dem alle Geschosse abprallten. Weiter — die Juden, die ihr vlut in den großen Kämpfen für da» Vaterland verspritzten, standen nicht auf der Höh« de» Idealismus? Der Selbsterhaltungstrieb bewog sie, ihre Brust dem tückischen Blei darzubieten. Herr Alberti, Sie sind ein Schwätzer l Die ehrwürdigen Namen eine» Movtefiore der Vergangenheit und eine» Baron Hirsch au» der unmittelbarsten Gegenwart, — die sollten Ihren Mund für immer zum Schweigen bringe». Wenn bas Judmthum fähig ist, solche Männer, solche anerkannte Wohlthäter der Menschheit hervorzubringen, dann zerstieben Ihre dreisten Behauptungen wie eine Seifenblase. — Sie sagen, eine der gefährlichsten, specifisch jüdischen Eigenschaftea ist die brutale, geradezu barbarische Unduldsamkeit. Der Jude sucht seinen Gegner auf geistigem Gebiete zu vernichten, indem er seine bürgerliche Existenz untergräbt. Die niederträchtigste aller Kampfarten, da» Todtschweigeu, »st specifisch jüdisch. So sagt Alberti, und Alberti ist — ein rhrenwerther Schwätzer. Sie erkühnen sich, al» Schriftsteller aufzustehen. Romane anzuferligen, um da» Volk zu belehren — aber Sie selber sollten sich erst belehren laffen. Sie sollten lernen, wa» in der Welt vorgrgangen ist und noch vorgeht, Sie sollten aber vor allen Dingen — allerdings da» schwierigste — lernen, die Wahrheit aufzusuchen und zu sprechen. — Soll ich erst in die Vergangenheit hinabsteigeu, um Ihnen zu zeigen, wie «»duldsam da» Lhristenthum gegen Andersgläubige war? Schlagen Sir sich doch einmal in der Geschichte jene Kapitel auf, in welchen die Christianiflrung der Völker geschildert wird, lesen Sie nur nach, wie sanft die Religion der Liebe den lieblosen Heiden gebracht wurde. Ward da wirllich, wie Sie sagen» nur der Geist wider den Geist in die Schranken gerufen? Lesen Sie weiter nach da» Kapitel der Religionskriege, Ketzerverbrennungen und die anderen Kämpfe auf rein geistigem Gebiete; man verfuhr '.wirklich höchst uobel mit der Zelt und man ruinirte — ganz wie e» (nach Ihnen) die Juden thu» — ihre bürgerliche Existenz, dafür beförderte »an St im Gegensätze zu den Juden in da« beffere Jenseits» öchst edel, gar nicht brutal intolerant! Nun und in der Neuzeit? Sie sollten doch eiumol etwa« von den Schriften Earl Bogt», Moieschott», Häckel's, Büchner» gelesen haben? Genu nicht, lesen Sie dieselben baldigst zu Ihrer Belehrung, aber bitte mit etwa» Aufmerksamkeit. Sie werden darin manch feine» Geschichtchen von der lieben Toleranz der Christen zu hören bekommen, jene Männer gedenken mit hoher Anerkennung de» edlen Geiste», den man wider sie tu die Schranken rief. Da liegt mir grade «in Buch von dem bekannten Prof. Dodel-Port vor, der also sprich:: »Ja seiner Herzensuoth greift dieser Fähadrtch (er meint einen chr. Geistlichen) statt zum blanken, honetten Schwerte de» Geiste« — zur Giftspritze gemeiner Persönlichkeiten. Solcher Art stad mauch« Zionswächter, Pfarrer Albrecht ist ein Typus." So spricht rin Richtjude über die nichtjüdische Kampfesart, die den Gegner (nach den Worten de» Juden Alberti) nur auf rein geistigem Gebiete ««greift. Es ist ganz selbstverständlich, daß sich auch unter den Juden manche