Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 5 (30.1.1890)
- Date
- 1890-01-30
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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da» Wirken dieses BolkStribune» ist überhaupt u. E. ein großer Segen für das ganze Laub, bis tief hinein in die konservativen Parteien wird eS angenehm empfunden, daß Jemand da ist, der dm Muth hat, Uebelstände offen zu rügen, jedenfalls die Kehrseite der Medaille zu zeigen, und dessen Vaterlandsliebe im Ernste nicht besmttm werden kann; seine Charakterfestigkeit, seine Schlagfertigkeit, seine umfassenden Kenntnisse machen ihn zu einer Zierde unserer Volksvertretung; mancher seiner Sffmtlichen Gegner würde wohl, wenn er die geheimsten Gedanken seines HerzmS beichten sollte, eingestehen müssen: e» ist doch gut, daß Richter im Reichstag ist; wenn Richter für die Lehrer, für dir Uoterbeomtm, für die Judm eintritt, so mag ja vielleicht ein klein wenig der Wunsch »itwirkm, alle diese Kreise für die Fortschrittspartei zu gewinnm; aber in der Hauptsache wird der treffliche und unermüdlich« Man» von dem Bestreben geleitet, den Unterdrückt« zu ihre« Rechte zu ver« »-«lfm, Uebelstände zu heben, dm Rechtsstaat zu einer Wahrheit zu machen. Gesetzt, Richter selbst würde zur Entscheidung angerufm. ob ein Zude ihm und der Partei au» Dankbarkeit da» Opfer seiner Ueberzeuguugeu und seinepolitischen EharacterS bringen solle, er würde zweifellos diesrS in seinem innerstm Kerne unsitrllchr Opfer zurückweism. Und eS ist auch gar nicht wahr, daß die Hoffnungen der deutschen Juden nur auf die Deutschfreisinnigen gerichtet sind. Di« Partei ist gering an Zahl, sie ist ohne Einfluß auf dm Reichskanzler, ja e« ist aozunehmen, daß eS Keinen» beim Fürsten BiSmark zur Empfehlung und zur Förderung gereicht, wmn die Partei Richter-Rickert ihn auf den Schild hebt. Die Regierung aber Hot im Wesentlichen die Rechte der Judm unangetastet gelassen; e» ist richtig, seitdem MoUk« sich von der Leitung de« Gmeralstab» zurückgezogen hat und Waldersee Anfang» der Achtziger Jahre an die Spitze der Armee getreten ist, ist kein Jude mehr Reserve-Lieutenant gewordm; jedoch wenn er aus diese doch immerhm geringwerthige Ehre verzichten muß, so wird er fort und fort zum wuhtigsteu Amte» zum Richteramt. berufen; selbst bi» in die neuest« Zeit find Judm in'» dmtsch« Reichsgericht berufm wordm; die ehrenvollst« Körperschaften, die Akademie«» und die Smote der Hochschulen öffne» sich jüdischem Berdimste; man kann höchst«« der Regierung Vorhalten, daß sie hin und wieder eine zu weitgrhmde RücksichtSnahme auf veraltete antijüdisch« Bor« urtheile nimmt, aber baß sie grundsätzlich un« ausschließt, dieser Borwurf kann nicht erhoben werden. Die Antisemit« sind eine Mmte, vor der mau sich an einflußreicher Stelle rinigm Nutzen verspricht, die loSgüassm und zurückgepstffm wird, je nachdem r« paffend erscheint; wir find im letzt« Jahrzehnt nicht vorwärts gekommen, aber die StaatSleitnng hat offiziell nicht» WefmllicheS gethan um un« zurückzubringeu. Auch die politischen Parteien haben sich nicht gegen die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen; wir kmnm sogar etnstrge Deklaranten, Leute, die rm Jahre 1876 gegm BiSmark lür die »Kreuzzeitung* öffentlich sich auSgefprochm Hab« und die dmnoch gegen Zulaffung von Juden zu öffentlichen Aemtrrn nicht« einzuwmdm habm. Magnat«, hochgestellte Staatsbeamte und Mllitärs schenken jüdischen Anwältm volle» Vertrauen in dm wichtigstm Angäegenheüen; auch in denen, die den Juden nicht leiden mögm, ist da» RechtSaesühl meist stark genug, um sich gegm die Aufhebung der Judenemancipation aufzulrhnm; die Antisemiten sind gar Uiae politische Partei, denn e» ist geradezu blöde, die mannigfach« und gewaltigen Aufgabm, die an daS deutsch« StaatSwesm herantretm, und die je nach der Verschiedenheit der Parteistrllung verschieden bmrthellt »erden können, nur nach dem Maßstab« entscheid« zu wollm: bist du für oder gegseu di« Judm. Wir leugnm nicht, daß der Antisemitismus w gewissen Kreisen populär ist; er ist sicherlich der populärste Punkt im Programme der Kreuzzeitunz, und nur darum wirft bof^l Junkerblatt diese Lockspeise so oft au», um mit ihr auch fftr jj die anderen Zwecke der feudal« Partei die Leute einzufanae«.'- Wer für unsere Sünde ein« Ander« zu« Sündrubock ' macht, wird stet» auf dm Beifall der schwach« köpfe und " der schwach« Charaktere zählen köunm. Darauf beruhe» die £ Erfolge der Antisemiten; vor Jahchuuderten behauptet« sie: wir vergiftm die Bmnuen, heute behauptm sie: wir ver» /; giftm den Geist, da« geschäftliche und öffentliche Leb«, und < der Pöbel johlt ihn« hmt wie damals zu. Aber die Antisemiten sind nicht da» Deutsche Bolk, - noch bäum wir Judm unsere Zukunft auf da» Rechtöbe» :-i wußtseia der deutschen Fürstm und de» deutschen Bolke»; »och; sind wir nicht soweü zurückgedräugt, daß wir im deutsch« Reichstag keinen andern Berlaß hätten, als eine Partei, die wie die Dmtschfteifinnigm kaum dm zehnt« Theil de» . Reichstage» bildet und ihre Wahl grüßtentheil« unter schwere« Kämpf« und durch Kompromisse durchgesetzt ha». Wollten die Judm sich wirkllch, wie von einig« Seitm ihnen angerathen, unbekümmert um ihre sonstige« politischen Ueberzmgungen, au» übelaugebrachter Dankbar- Kit gegm die Anwälte unsere» Rechte», sich der Fortschrittspartei anschließen und da» Häuflein Eugen Richters vermehren helfen, so wäre die», um mit ThierS zu rede», noch mehr al» ein Berbrrchm, e» wäre ein verhängnißvoller Fehler. - Dmn die Dmtschsieiflnnigm Hab« für die Gegenwart und; eine absehbare Zukunst keine Aussicht zur Macht zu gelang«. Gerade dämm schätz« wir Eug« Richter so hoch, , wett daS natürliche Bestreb« jede» Parteiführer» und Staat»- manne«, an« Regiment zu kommen, für thu so gar keine Chane« de» Erfolges hat und weil er dmnoch mannhaft für fei« Ucberzmguageu kämpft. In dm sechziger Jahr« war der j preußische KrriSrichter fortschrittlich; heute ist der uuabhängige Beamteustaud in seiner Mehrheit nationalliberal; di« Sozialdemokratie war damals in ihr« Anfäag« und ihr« Führer warm de» verrätherischeu EtuoerständuiffeS mtt der Regtemug verdächtig; die LolkSmaff« der großm Städte warm fortschrittlich; heut« find fl« vielfach foziattfttfch; di« .. Regierung hatte damals mit d« Erinnerungen au Olnrütz zu kämpf«; hmte steh« ihr di« glorreichen Erinnerung» glänzmder Siege und weiser FrirdenSschlüffe, heut steht ihr der Dank für nun bald zwei Jahrzehend« de» Frieden» mächttg bei; der Wohlstand hat sich trotz der hoh« Stenern aehobea; da» sehen wir an der Schloßlotterie, wo da» Volk für ein Glücksspiel in einig« Stuudm vierzig Million« bereit gestellt hat. Fürst BiSmark wird lebend und anch »och Jahrzrheudr »ach feinem Tod« eine Autorität sein, geg« dt« fich schwer aukämpfm läßt. Der Deutsch freist»» km» vielleicht in ftatUicherrr Zahl in dm neu« Reichstag etnkehrm, aber er wird allein nicht» mtscheidea köunm; nach wie vor wird der Reichskanzler da» Heft in Händ« Hab»; J und da sollten die Juden sich mtt der Ohnmacht verbinden? Judeß, könnte un» vielleicht Jemand entgegeuhalten» al» bet dm letzten ReichStagSwahl«. wo da» Septmnat der Schlachruf war, die Professoren Goldschmidt »nd Lazaru» sich für da» Kartell erhitzten, da erhob sich lebhafter Widerspruch von allen Seit« au» dem jüdisch« Lager. Sollte, wa« damal« Recht war, jetzt Unrecht gewordm setul Der Bersaffer dieser Zeilen bekennt, damals selbst nach seiner schwach« Kraft gegen die Parole dieser sonst so hochverehrt« Männer sich auSgefprochm zu haben. Aber .diese sonst so klar« und klug« Köpfe ließen fich in der Hitze de» Parteikampfes dazu hinreißm, denJudendieWahlvouoffeubaren Antisemiten zuzumuthen. DaßJude» eine« Antisemit« in den Sattel helfe» sollen, damit er dau» «ft den Hufen seine» Roffe« un» zertrete, da» schien nu» eiu Uebermaß de» patriotischen Opfermuthe». Der Standpmckt . dieser Herr« ist un» auch heut noch viel zu erhabm; so; hoch küanm wir un» nicht aufschwing«; Goldschmid t und Lazaru» empfahlen damals die Wahl eine» /