Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 4 (23.1.1890)
- Date
- 1890-01-23
- Page
- Seite 29 (sequence 3)
- Language
- German
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27 «jib mit Recht — wa» soll aber dann die Juden zu einer besandern sociale» Gemeinschaft zusammenführe«? Gefühl der Znsamweugehörigkeit giebt es nicht, religiöse Momente wirken auch nicht mehr, was also ist da« Bindemittel zwischen den einzelnen Gliedern de« Judenthum«? Sie sagen, die Juden leitet da« materielle Interesse. Und dir Ehr iften nicht? Sie selbst sagen ja, daß Jude wie Ehrist an der Au«beutung und Bedrückung der arbeiteudru Klassen gleicher Weise betheiligt seien. Da« materielle Jutereffe ist also auf beiden Geilen gleich stark wirksam und doch soll e« wieder die Juden zu einer besondere» socialen Gemeinschaft führen! Herr Albert! I Collegium logicum wäre für Sie sehr heilsame Medici« I — Sie beschuldigen weiterda« Judenthum der Versumpfung und Eorruption aller Berhitttniffe. Nach Ihnen ist eine Lharaktereigenschaft der Juden da« Bestreben, Worte zu prodvziren, ohne Aufwendung von Arbeit unter Zuhllfruahme von Schwindel, Börsenmauöver rc. Da« heißt doch nicht« andere«, al« daß die Juden vorzüglich da« AuSbcute» syflrm betreiben, und doch erklären Sie, die Juden ständen in Bezug auf Au«beutung de« Arbeiter«, auf Herabdrückung de« Lohne« nicht einen Zoll tiefer, al« die Ehristen. Ob der Jude durch Börsenschwindel, der Ehrift durch Lohn, drückerei die Arbeit entwerthrt. ist doch, weither Herr, ganz einerlei; wenn beide auf Kotten der «urbeutung Anderer leben, find beide gleich verwerflich, de« Modu«, wie sie ihr saubere« Handweit betreiben, ist gleichgültig. — Weiter sagen Sie, die >..oderne Kunst, besouder« da» Theater, find durch die Juden corruwptrt und zum Beweise erwähnen Sie die Namen Blumenthal, Lautenburg, Adolf Ernst, von dem Sir sagen, er sei freiwillig zum Judrnthume üdergetreten. Worin erblicken Sie die Eorruption der Bühne durch Blumrnthal, etwa darin, daß er eine Zeit lang mit onerkönnt glänzender Feder Kritiken für da« Theater schrieb, oder darin, daß er jetzt al« Thraterdirektor gewiffen Kreisen die Ader de verkürzen HUft? Ist e« ferner so verwerflich, daß Lautenburg, der Leiter de« Refideuztheater», durch den weltstädtischen Eharacter Berlin« und seinen grandiosen Beikehr bewogen, al« Specialgediet da« französische Theater cultioirt, «der corrumpirte er da« Publikum, indem er auf seiner Bühne Ibsen« »Wildentein deukbar glänzendster Darstellung »orführte? Herr Ernst ist ja kein Volljude und trotzdem soll er corrumpiren? Weiter: Die ganze gebildete Welt ist darin einig, daß im »dentscheN Theaterdir Aufführungen von Don Larlo«, Kabale »nd Liebe, Götz, Hermannsschlacht, Heinrich IV., Romeo und Julia, Stützen der Gesellschaft rc. zu den glä«. xndften gehören, die je über eiue deutsche Bühne gegangen. Wer find die Leiter? Die Inden L'Arronge uud Frirdmaun. Weiter, verehrter Herr! Ich, der Jude, bin milder al« Sie, der Apostat. Sie glaubte«, Herrn Blumenthal bei seiner X Theaterzrit »egen seiner Frhler hernntrrkanzeln zu , ich glaube, Herrn Baruay trotz der eminente» Vorzüge sei»«» Theater« bei der kurzen Existenz deffrlbrn noch nicht Ute» ,« dürfen. Der »Geldprotz- Barnay hat für denkbar billigst» Preise e« möglich gemacht, hinzukommen und zu sehe», weuu man sehen kann und will. Gehen Sie also hin uud sehr» Sie nach, wir Herr Barnay corrnmpirt. — Soll ich Ihnen noch jene stattliche Anzahl erlauchter Künstler värsühren, um vt« wieder Lügen zu strafen hinsichtlich Ihrer dreiste« Behauptung von der Eorruption der Bühne b«ch Jaden? Sind Ihnen nicht dir Namen Sonnenthal, Dr. Pohl bekannt, haben Sie nicht« von Dessotr, Dawison flchön, sin» Jhaen die Namen Robinson, Lola Breth, noch ui« zu Gehör gekommen? Ich übergeh« die große Anzahl »er anderen namhaften Mischen Künstler, ich eile zum Schluß^ gedenke« ifcte nur noch eine« J«raeliten, eine« Hof. kapekuteisirr« Lrwy. Gir kennen i«, di« bekontr Fabel vom Lächeln de« Monde«' beim Gebell de« Mopse«. Jene Küastler würden die Rolle de« Auge» Moude« spiele»! So lange noch ka« deutsch« voll aubacht«»»ll de» «haben« Schöpfungen der großen Elasstker lauscht, solang« noch Shakespeare'sche Dramen den Hörer mächtig ergreifen, srüange noch tiefer Ttnst über da« Publikum sich breitet, wenn die inhaltsschwere« Werke der nordischen Dichter oder der tüchtigen jüngeren Deutschen, wie dir eine« Fttger, Boß. Jnoamann, über die Bühne gehen, solonze haben Sie kein Recht von einer Eorruption der Bühne zu sprechen. Kurzlebig ist da» Schlechte, unsterblich das Gute, wa» Schlechte» an Dichtung in die Welt gesetzt wird, e» vergcht mit dem Tage, der e» geboren; die alten echten Kunstwerke verlieren ihren Zauber nicht, sie wirken auch heute noch und erheben die Herzen der Hörer. (Schluß folgt.) Gerichte tmfe Correlpendrmerr. Deutschland. Magdeburg, 20. Januar. E» wird unsere Leser int«» resfiren zu hören, daß Ludwig Geiger jetzt befreundete Gelehrte um ihre Zustimmung zu seinen Ansichten ersucht, die er in dem in unserem Bl. vielbesprochenen Aussatze: *3»! Kritik der neuesten jüdischen Geschichtschreibungvor» gebracht hat. Bisher hat sich nur eine Stimme öffentlich («n der Nationalzeitung) für ihn ausgesprochen. Es ist die drs getauften Juden Ellinger. Ein Lob von dieser Sette ist indessen schlimmer, als ein- Becurtheiluag. Er ist ja nur natürlich, daß in einer wissenschaftlichen Fehde der rinen wie der anderen Partei Zustimmungen zukommca, daß man aber um solche förmlich hausiren geht, ist doch ungewöhnlich und seltsam. Jedenfall» zeigt diese» Verfahren, daß Geiger denn doch seiner eigenen Meinung nicht so sicher ist, wie er in seiner perfid.» Replik .In eigener Sachezu sein sich den Anschein giebt. Auch in seiner neuesten Schrift .Vorträge und Versucherichtet sich Geiger gegen die jüd. Geschichtschreibung. .Die Geschichtschreiber der Juden-, sagt er. »haben die Unart, Völker, Könige, Gesetzgeber, Schriftsteller zu beurtheilen nach der Art, wie sie di« Inden behandelt oder geschätzt haben, d. h. sie zu verdammen, sobald sie sich den Juden ungünstig erwiesen, sie hochzuprrisen, sobald sie sich al» Judrngönncr gezeigt haben-. G. redet, wie man sieht, sich immermehr in eine gehässige Auffassung hinein, welche gewiß nicht« weniger al» objecliv ist und bereit» dem Standpunkte des Antisemiten sehr nahe kommt. Nicht bloß die birherigeu historiogrophischen Leistungen der Juden, sondern die ganze Sinnesart und Denkweise der Juden i widerlegen dir Geiger'sche Behauptung. Schiller wurde in den jüdischen Jrschibot mit stimmender Begeisterung gelesen und aut wendig gelernt trotz seiner .Sendung Mosil", aber daß ihm da« Berständniß de» jüdischen Geiste« und die kenntniß der jüdischen Geschichte abging, muß doch wohl auch Geiger zugeben. Andererseits darf man fragen: warum soll denn die Zurücksetzung, Benachtheiligung und Verfolgung der Juden Seitens eines Königs oder Gesetzgeber» n cht eine» Schatten aus da» LebrnSbi d desjelbcu werfen? Warum soll der jüdffche Geschichtschreiber diesen Schatten auf dem Bild« nicht auftragen dürfen? Er wird es um so mehr nicht bloß dürfen, sondern müssen, at» j r für. viele, ander«» gläubige Historiker diese Schattenseite eine Lichtseite bildet. Zunz schrieb einmal an Abraham Geiger: »Da» Geschre« gegen Talmud ist deren» die Stellung de» Apostaten-. Ich glaube, Ludwig Geiger geräch mit seinem Geschrei gegen die jüdische Geschichtschreibung in dieselbe Stellung. Interessant tst übrigen», daß die obenerwähnte Bemerkung über die .Unartder »Geschichtschreiber der Judenin einem .Anhangsich befindet, den G. seinem au» der .Zettschiift für die Geschichte der Judenentnomvrenen Aussatz ^Goethe und die Judenin seiaenr neuesten Buche zugescht hat. Warum hat er den .Anhangnicht auch in der .Zeitschriftabgedruckt? Oder ist er für diese doch ein bischen zu gewagt? Am End« fegt sich G. al» Rrdacteur der Zetychrrst noch eine gewisse' Reserve auf l Im persönlichen Verkehre thut er r» nicht, wie auch ei» emstigrr Hörer der ehemaligen Hochschule und jetzigen Lehranstalt für die Wissenschaft de»