Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 4 (23.1.1890)
- Date
- 1890-01-23
- Page
- Seite 28 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492344-5935074-5956690--0038-5373670- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
stchcn, bciwrgcn sind die Juden oppositionell. Wenn die Regierungen einmal da» „Wagnißunternehmen würden, mit dcn Anschauungen deS Mittelalter» zu brechen, wenn sie rückhaltlos di« uns garantirte Gleichberechtigung verwirklichen würden — sie gewännen tausende von aufrichtigen und befähigten Anhängern, dnen sie doch in der heutigen, von sozialen Stürmen so bewegten Zeit mehr als je bedürfen. Die Regierungen verschmähen aber diesen Versuch. Was bleibt uns dann übrig, al» auf Seiten derer zu treten, die für die Sache de« Rechts und der Gerechtigkeit in unerschüttrrlicher Ueberzeugung beharrlich kämpfen „als der gegenwärtigen Regierung.allrrgetreuste Opposition"? (Man vergl. auch die Corrrsp. „Aus Oberschlesienin dieser Nr. Red.) G. P. Wie sich die deutsch-freifinnige Partei zur Antisemitenbeweguug verhält, ist klar ersichtlich aus der „Nation", erner Wochenschrift, die den deutschen Freisinn streng wissenschastlich'vertritt und die hervorragendsten Gelehrten, Parlamentarier und Schriftsteller zu ihren Mitarbeitern zählt» sie schreibt in der ersten Nr. (14) dieses Jahrgangs am Schluffe ihrer .Politischen Neujahrsbetrachtungen" vom Herausgeber, Dr. Th. Barth, wie folgt darüber: .Noch rin anderer Neujahrswunsch mag hier seine» Ausdruck finden. Er betrifft die Judenhetze. Sie gehSrt zn den widerlichsten Erscheinungen der Gegenwart und es ist seldstoerstSudlich. daß ei« Freisinniger derselben fern bleibt. Aber eine» solchen schimpfliche» Unfug gegenüber genügt die bloße Neutralität nicht. Der Fall kommt »och immer nicht selten vor, daß z. B. bei der Antwahl eine« Reichstagskaudidaten von einer an sich vortrefflich gerigueten Persönlichkeit abgesehen wird, weil dieselbe israelitischer Eonfesfiou ist, und man sich fürchtet, durch die Herausforderung antisemitischer vorurtheile die Wahlchancen zu vermindern. Häufig sind gerade dir jüdischen Wähler in dieser Beziehung am ängstlichsten Eine derartige Eonzesfio» an den AulisemitiSmus ist ebenso gefährlich, »ie der kleine Finger, den man dem Teufel gibt. Hier kann uur der rutschiedrufte Radikalismus helfen. So lange für die politische Beurtheiluug eines Mensche» seine Zugehörigkeit zum Juteochum nicht ebenso gleichgültig erscheint, «ie dir Farbe seiner Haare, wird man de« Antisemitismus auch nicht Herr grworden sein-. Alberti Herostratulus. »i» jüdischer ««tffewit. Offene Antwort an Herrn Conttb Alberti von 0. I. in vreslon. (Fortsetzung st. Schlug.) Si« meinen ferner: „Die Vorschriften des Gesetzes find thrils in Fleisch und Blut der modrruen Lultur übergegangen, find aber nicht jüdisches Soudereigenthnm; sie müssen sich, sagen Sie, einfach aus einer bestimmten Eulturstuse bei jede« Volke herausbildenl- Sie müssen — so und vorn«? Beweise, Herr Alberti, Beweise, kein« leeren Behauptungen. Finden Sie die Vorschriften des Gesetzes bei« alte» Germaoenthum? Nt in, sondern erst beim christianifirten. Das Ehristenthum aber brachte dem Germanenthum die Zehugedote ans dem Jubenthume; das ist eine Thatjache, die von Christen nie gelänguet wird, nm jüdisch« Antisemlte» könne» sie entstellen. — Wenn Sie ferner sagen, di« Vorschriften sind thrils durch die moderne Wissenschaft auf festere Grundlage gestellt, so thut das de« Judentqume keinen Abbruch, erweist ih» im GegentheU eine Lohtthat. indem es dadnrch «ine Weiterbildung, geistig verjuagnng, Nenerstarknng ersähet; denn die Wissenschaft bestätigt dann nur die Lehren des Judeachums, giebt ihnen uur eine neue Begründung. — Der Grundgedanke der Descendenztheorir, Herr Alberti, ist, wie Sir wissen sollten, schon im graue» Alterthume ausgestellt worden, aber ohne feste Basis, erst di« moderne Wissenschaft verlieh ihr eine solche; verliere« aber deswegen jene großen Denker an Bedentnag und Werth, weil die Beweiskraft ihrer Lchrrn noch ungenügend war? Große Gedanken bleiben groß und ihre Väter desgleichen, mag auch die Begründung im Wechsel der Zeit sich wandeln. .Schädlich wirkt da« Judenthum in politisch er Hinsicht als ein ultrareactionärcs und ultraradicalet Element. Es baut Barrikaden, wirft Bomben und Dhnamitpatronea» wo es kann.' Wie schrecklich! Salt lief es mir über den Rücken, al« ich die« las; da« schreckliche Judenthum! Ich erwartete Beweise für diese kühne Behauptung. Ich lebte nämlich, Herr Alberti, in dem optimistischen Glauben, wer vor da« Volk hintritt al« so gewichtiger Ankläger mit so großen Beschuldigungen, der wird die genügenden Beweise in der Tasche haben. Ich glaubte nicht, daß rin Mensch so dreist sein könnte, die schwersten Beleidigungen auszuftoßen, ohne eine Spur von Beweis zu erbringen. — „Dieser Widerspruch, sagen Sie, hat sich nicht durch die Verhältnisse historisch entwickelt, er liegt im Wesen des Judenthums, das schon zur Zeit Mose«, der Könige, der Propheten, des Herode« neuerungssüchtig wie verbohrt war.- Ist da« der Beweis? Hat da« Judeuthum in seiner Neueruugssncht zu den damaligen Zeiten schon mit Dhnamitpatronea geworfen? Davon weiß die Geschichte nichts. Sie am allerwenigsten, Herr Alberti. Sie erinnern sich doch der Attentate auf Kaiser Wilhelm I., der Mineuleguug am Niederwald-Denkmal rc. waren da Inden betheiltgt, warf da wirllich das ultraradicalr Judenthum Dyuamitpatronen? Ja Rußland allerdings finden sich unter den Nihilisten anch einige jüd. Namen; aber Sie werden doch nicht da« ganze Judeuthum für diese wenige anklazeu. Daß anno 48 auch Jaden Barrikaden bauten, wird niemand läuguen, am allerwenigsten die Barrikadenkämpfer selbst, sie hielten es mit Tausenden von Ehrifte» für eine Ehrensache, durch offene Revolution für die Rechte de« Volkes einzutreten! Mein Herr! woher nehmen Sie nur alle Ihre Behauptungen her? Wohl nirgend« ander« al« aus der reinen Luft. Dir Geschichte ' der Vergangenheit, die Thalsachen der Gegenwart strafen Sie Lügen. Nennen Sie koch die Anzahl der Juden, die sich unter den Anarchisten, diesen einzig wahrm Dhnamitheldeu, anffindeu lassen, wo hat sich jemals das Judenthu« als solches durch Werfe« von Dhuamitpatroueu comprowittirt? Daß das Judenthu« auch revolutionäre Söhue geboren, ist wahr; sind Ihnen aber keine christliche Revolutiouärt bekannt? Sie sollten doch etwas von Geschichte wisse», wenn Ihnen anch «in tieferes verstäudniß derselben nicht aufgegange«. Ihnen kommt es jedoch gar nicht darauf au, Wahrh«>t zu suche» uud z» predige», souderu Ihrer Gehässigkeit Luft zu machen. — Ferner sprechen Sie, Herr Alberti. de« Jubenthume alle religiösen, ethischen, chemischen Raffenmrrkmole ab. Sie nrgireu die ideal« Zusammengehörigkeit, die Familienliebe. Nach Ihnen ist es uur eine Ktique, eine social« Gemeinschaft. Wenn aber das Judenthu« keine nnterschetdbare» Momente «ehr besitzt, worin liegt daun sein wesentlicher Unterschieb vom Nicht judeuthum? Ist es uur eine sociale Gemeinschaft, daun untersteht es denselbe» Lebeusbedingnugen, denen die anderen socialen Gemeinschaften, »ie angeblich vorhanden, daun find seine Fehler uud Schwäche« keine speeisischen, sondern sie sind allgemein menschlicher Natur. Diese Eoujequenz scheinen Sie erkannt zu haben, denn Sie sprechen davon, wie überall die Mehrzahl von „Lumpengeblldet »Kd. Ihre Wahrheitsliebe verhindert Sie aber, diese» Gedanke« sestzuhalten uud weiter fortzuführen; erfüllt von niedriger Gehässigkeit schwäche» Sie diese» Gedanke» ab nnd dichte» dem Judenthu«« specifische Kehler au, die es doch uur dem» -- haben konnte, wenn zwischen Juden nnd Richtjnden ethische nnd rthoische Differenzen beständen. Letzter, leugnen Sir, .