Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 2 (9.1.1890)
- Date
- 1890-01-09
- Page
- Seite 10 (sequence 2)
- Language
- German
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- 10 — Geste« Nachmittag 2 Uhr bcfana mit tiatt ArierUchfrit ha Trauerhause die vrerdigungscrremmie. Rn der Spitz« der irr oorpora erschienen« Semeindeverfretnng sprach der erste Borsteher der hiefi^u ShNagogmgemeinde. Herr «obert Soldschmidt. Worte der Auerkenunug «ld der Trauer um den Verblichen«; hat doch Bonn ihn nicht nur als Mdplird her Semeiude durch 28 Jahre zu den Seinen gezählt, sondern ihn auch lange Zeit als ersten Borsteher an seiner Spitze gesehen! Den gleichen Befühlen gab im Ramm de» Repräsentavtenkollegiums uad als persönlicher Freund de» verstorbenen, Herr Siegmuud Latz, Ausdruck. Nicht nur dm Scheidegruß der großen Nachbargrmeinde Köln hatte der dortige Rabbiner Dr. Frank zu übrrbring«; indem er vielmehr im Ramm und Aufträge der Alliance iSraälitr universelle sprach, legte er den Tribut de» Danket an der Bahre des groben Toten nieder, den das gesammte Judenthum dem Boikämpfec für GlaubenSftriheit. für Recht und Wahrheit zolle.*) Herr De Jung-Köln sprach al» Abgesandter de» deutschen Grmrindebunde», und Herr Rabbiner Dr. Cohn-Polskam, ein Schwiegersohn d7» Verstorbenen, gab in tiefbewegten Worten in längerer Rede ein dmh nur kurze» Bild dieses ardeit- und thateareichen?rben». Nunmehr — es war */4 3 geworden — bewegte sich das Traucrgefolge dem jüdischen Friedhöfe zu. Hinter de» Bahre fdritten im Ornat die Herren Rabbiner Dr. Frank- Köln, Dr. Eohn-PotSdam, Dr. Cohn-Bonn: ihnen folgtm die männlichen Angehörigen der hochangesehenm Familie, die drei Söhne: Alfred Phil'ppson, in hochwissrnschastlichen Kreis« trotz seiner Jugmd schon bekannt durch e,ne geographische Forschungsreise nach Griechenland, Martin Philippson, Professor der Geschichte an der Universität Brüstet und Banquier Philippson, die Schwiegersöhne u. A. Dann folgtm die obengenannten Abgesandten, Vertreter von Rachbargemeind«, Lehrer aus Rah und Fern, sowie der größte Theil der Mitglieder der hiesigm Gemeinde. Eine stattliche Zahl von Equipagen beschloß den Zug, der weniger sich auszeichnete durch Länge, als durch die Würde der Körperschaften, die in ihm vertreten waren. Manchem mag aufgrfolltn sein, daß staatliche und städtische Behörden nicht erschienen warm; man muß jedoch bedenken, daß Philippson hier in aller Zurückgezogmheit seinen Lebensabend verbracht und in so hohem Alter keine Zeit gesunden hat. städtischen und stoatlichm Ausgaben seine ArbeitSkrast zu widmen; daß man aber in christlichen Kreisen Verdienste um daS Judenthum zu ehrm Gelegenheit nehmen sollte, war ja gar nicht zu rrwartm. Man hat in riesen Kreisen auch wohl kaum da» rechte Bewußtsein von der Bedeutung des Mannes g>- hobt, den man hier zu Grabe trug. Gegm '/,4 Uhr langte der Leicl enkondvkt vor dem Friedhose au. Am Eingang desselben nahm Herr Rabbiner Dr. Cohn von hier da» Wort, um in Anlehnung an den entsprechenden Bibelver» de» lausenden Wochenabschnitt» noch einmal es hervorzuheben: Auch dich, du edler Berblichmer, werden die Nochkomm« preism; unvergänglich wird dein Name sein in deinen Werken! Auch du bist gcstorbm, damit du lebest! — Warme TrosteSworte rief er dm tlrfgebmgtm Hinterbliebenen zu. — Ihren Empfindungen verlieh am osten« Grab« der Schwiegersohn, des ebmfalls erschimenm Rabbiner» Dr. Kayserling-Pest, Herr Rabbiner Dr. Neumann au» Groß-Kanischa (Ungarn), einm beredten Ausdruck. „Run soll uns nicht mehr lächeln dein liebes Besicht, nicht soll uns mehr llingm dein gutes Wort. Du warst die Sonne, an der wir uns erwärmt«, das Licht, an dem unsere Begeisterung fich entfachte." So klang es wehmuths« voll au» tiefster Seele kommend; Rührung mußte auch den *) Die Gkmerabe Magdeburg, in welcher der Verstorben« 89 Jahre das Amt des Seelsorgers «Neidet hatte, hatte ihren Mabbtner als Depntirten angemeldet, doch war derselbe, wie telegraphisch hierher «meldet wurde, in letzter Stunde durch «in plötzliche» heftiges Unwohlsein verhindert, die weit« Reise,n unternehmen. Fernstehenden ergreifen, dm zwirfachm Schwerz z» srhm, n» dm trmen Freund und «« dm groß« Man». Der »orgrschriebme Bottesdimst im Trauerhause beschloß di« würdige Feier. Unerwartet, chm selbst «ad dmm, die chm nahe gestand«, .ist Philippson dahiugegangea. Wohl warm ihm manchmal Todesahnung« gekomwm; eiu chronischer Katarrh nöthigte ihn schon seit Jahr« zu großer Borsicht in Bezug ans sein« körperlich« Zustand; nur bei mildem und hellerem Wetter ging er hinaus, geführt von sein« Lieben, die mft zärtlicher Sorgfalt über sein Befind« wachtm, wie er für chr Wohl und Wehe. Fast gänzlich erblindet, sehnte er sich nicht mehr nach einer ander« Freude, als die ist, Andere > glücklich und ftoh zu sehen. Trotzdem ihm durch Jahrzehnte \ lang daS Röthigsie fehlte zum Verkehr mit der Außenwelt, l das Auge, stand er doch mitten ia ihr; täglich 4—5 Stund« | ließ er sich vorles«, verständnißvoll sorgt« die Seinen! dafür, daß ihm kein neue« Erzeugnis geistiger Arbeit, sei e» - auf jüdisch-theologischem, sei r» auf allgemein wifsenschastlichem und litterarisch« Gebiete entging. Die übrige Zell de» Tages diktierte er — den größten Theil de» Johatt» der »Allgemeinen Zeitung des JndenthumS* hat er bi» an fein Ende selbst verfaßt — »der er saß, o« Blick nach innen gekehrt, und arbeitete — oder er empfing Frmnde, Fremde, dle sein« Rath wünschten. Die reichste Lebenserfahrung hatte ihn gelehrt, seine Wo»te zu wäg«; keiner ging von ihm ohne Nutz«. Ein schöner Genuß war eS, ihn ou» dem Schatz seiner Erlrbnisie irgcnd eine Erinnerung auffrischen zu hören; sein große» Auge schi« auszulmchtm, seine Sprache wurde begeistert. So auch, wenn er sich au» sein« eigenen Werk«, au» Jugendarbeit« vorles« ließ, und irgmd ein Passus, ein Vergleich ihn selbst wieder ergriff. Manchmal aber kam e» über ihn, wie eiu verhaltmer Schmerz; bittere Gedanken, doch ohne Haß, brachen fich iu wmig Wort«, iu einer kurzen Bemerkung Bahn, wenn er sah, daß Rückschritt trat au Stelle freiheitlicher Entwicklung, Unterdrückung an Stelle de» Recht», oder »enu trübe Srfahrungen, an denen sein Leben wohl überreich gewes« sein muß, über ihn kamen. Er war z« rückfichtSvoll gegm seine Umgebung, um sich solch« Empfindung« länger hinzugebe». — So war« Ludwig Philippson'» letzte Erdeatage. Philippson war glücklich in seinem Hause und iu seinem Berufe. Noch späte Geschlechter in J»rarl werd« mft Dank uad Verehrung sein« Ramm nennen. Wir rüf« ihm da» Wort, da» »ach einer Deutung unserer Weis« dem „fr«« Diener Botte»« zugernfen ward, al» Scheidegruß nach: :mr> tut xitös nam ,nsr na-n „Du hast »iel dich gemüht, hast viel gearbeitet, ruhe au» iu Frieden! Briefe a«s Sirstzlarrd. Ein giftgeschwolleuer Artikel im „Grasdaniu", an» der Feder de» bekannt« AaUsemiteu Fürst Meszezerski, der sogar telegraphisch an die „Rrpublique" nach Pari» figuaüsirt wurde, sei zur Signalifirung der un» drohmd« Befahr hier mttgrtheUt; er lautet: