Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 52 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492351-8722856-5956685--1285-5373635- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einem stillen: „Allerding», Herr Dtorfttieutnrat.* — Der Oberstlieutnaut ließ Dcrmran ooctrcUn und sprach kurz: .Ich ernenne Dich zum Gefreiten.- — Unerschrecken mit flammendem Blick antwortete Bermauu; „Herr Oberstlieutnmtt, ich danke für di« Auszeichnung, aber ich habe »ich zu heschweren!" — „„Segen wen boui?"* — deu Herrn Hanplman» hier", und er zeigte, eineu Schritt vorwärt» gegen den Haupt»ann tretend, mit auSgrftrecktem Arm auf ihn. — „Schweig', Bermauu". donnerte der Oberstlieutnaut ihm zu, „ba* ist Subordinations-Verletzung. Wenn Du Dich zu beschweren hast, mußt Du deu Herrn Hauptmaun bitten. Dich zum Regimentsrapport zu führen — ich entschuldige Dich diesmal ausnahmsweise — weil Du zu kurz noch Soldat bist — und versetze Dich in eine andere Kompagnie." Seitdem war Bermann nicht nur bei sich selbst, sondern auch in den Augen seiner Kameraden in Achtung gestiegen. Der ihm bisher vollständig unbekannte Trieb de« Ehrgeize« wurde ihm zur Leidenschaft fast. Wie er einst die Nächte hindurch den Talmud studirte, s» lernte er jetzt da» Reglement mit allen Nebenparagraphen bi« in'» Kleinste durch und in zweifelhaften Fragen wandten sich oft die Kameraden an ihn. — Bei einem Manöver gelang e» ihm mit seiner Patrcille al« Erster einen feinolichen Brückenkopf zu erstürmen und er wurde sofort — Korporal. — Gegen Niemand war Bermann strenger, als gegen seine untergebenen" Glaubensgenossen, wenn ihn diese vertraulich mit .Jankele" anrcdetcn. Das kam dann zum zweiten Male nicht vor. E« vergingen noch keine 1'/, Jahre als bei Bermann am Kragen drei Sterne aufstiegen und er Zugführer wurde. Freilich prolegirte ihn gewissermaßen der Herr Oberstlieutnaut, der ihn al« kernige« Material — das man nur zu biegen und poliren verstehen muß — den unmittelbar Vorgesetzten empfahl. Dafür erkühnte sich Bermann, dem Oderftlieutnant zum Geburtstage eine Ode in hebräischer schöner Laurent- Schrift, wo dessen Name die Anfangsbuchstaben bildeten — mit der Übersetzung in« Deutsche zu überreichen, die freundlich angenommen wurde. — Bermann war, überhaupt stet« bereit, sich für den Oderftlieutnant in Stücke hauen zu lassen und als dieser einmal deu Fuß verrenkte, machte Bermann Dienst bei ihm mit aufopfernder Hingebung. So wurde Bermann vor Ablauf seiner dreijährigen activen Dienstpflicht Feldwebel «nd al« solcher nach Krakau zum Rejerve- Kommando versetzt. Al« er in seiner schmucken Uniform — als fescher Soldat mit gewichstem Schnurrbart — inmitten der Srinigen trat, halte die Verwunderung keine Grenze. Die ganze Nachbarschaft und auch der alte Red Jizchek kam herbei und als Letzterer ihn mit den Worten begrüßte: „Jankele: Wa» ist au« Dir geworden?"—schlug Bermann auf den Tisch und rief „Kreuzhimmrldonnerwetterschockschwerenoth, ich bin k. k. österreichischer wirklicher Feldwebel und, »er mich an der Charge nicht kennt, der soll'» mit mir zu thun haben!" — Dann fiel er in da» sanfteste Moll ein: „Damit Ihr, meine Theuren, seht, daß ich Nicht» vergessen habe, lasstt mich unser heutige« Fest beginnen und Chanuta benschen k" — Alle hatten um ihn einen Kreis gebildet — mit klaugvoller kräftiger Stimme sang er da» Gebet, indem er die Lichtlrin anzündete und seine blinckende Uniform im vollen Glanze erstrahlen ließ. — Dann wurden einige Flaschen Wein geholt und unter den frohesten Erzählungen und Spielen bi» Mitternacht zugedracht. — Bermann trat kurz daraus au« dem octivrn Dienst und ist ein kräftiger» gediegener Kaufmann geworden. — Au» einem Bochur(Talmudjünger) kann man Alle» machen — sagt da« Sprüchwort. — Vsr-änge int jüdischen Senvertiten-Hei«. Herr C. E. Schardt in London erzählt in der „Franks. Zeit." unterm 29. Nvrmber Folgende«: Der Zufall »acht« mich vor rinigen Tage» zu» Zeugen eine» Austritte», der in weite« Kreise», besonder» in Deutschland bekannt zu werden verdient. Meldung wurde »tr, daß km jüdische» Kouoertüeu-Het» in Beth«»al-Greeu ein Anfstaub der Insassen stattgefnnde« hatte. Bei »einer Ankunft in Palästina-Street fand ich etwa zehn junge, gut und anständig gekleidete »nd zumeist intelligwtt auSsehende jung« Männer in ber Straße, vor der Anftaift^ damit beschäftigt, -ihr Gepäck fortzuschasfen. Auf «eine Frage» erhielt Ich über die Ereignisse. welche z» diesem neue» „Exodus an»Egypten" führten, folgende A«»ku«st. In der Anstalt, welche mit der chrift. lichrn Propaganda unter den Juden im Ostend« in Berbin« düng steht, werden zehn bi» zwölf junge Leute, die zu« Lhristenthum übergetreten find, in verschiedenen Handwerken, al» da find Buchbinderei, Schriftsetzeu und Buchdrucke» unterrichtet; sie verpflichten fick, zwei Jahre zu bleibe», erhalten während ihre« Aufenthalt» Kost, Logt« und religiösen Unterricht grati«, aber außer einem Schilling Taschengeld keine Löhnung, da ihr Verdienst ihnen in einer Bank gutgeschrieben und am Ende ihrer Lehrzeit ausbezahlt wird: r» mag sich dann der Betrag auf etliche Lft. 30 (600 Mk.) belaufen. Seit geraumer Zeit scheint unter den Zöglingen der Ariftalt große Unzuftiedenheit zu herrschen. Wenn mau ihren Aussagen Glauben schenken darf, so ist die Kost sehr sehr schlecht, die Behandlung wo möglich noch schlechter; da» Innere de» Gebäude-, wo die Zöglinge Hausen, sieht allerdings weit elender au«, al» ein städtische« Armenhaus. Für Spälkommrn in der Kirche wird ein Schilling abgezogen. Die ArbeitSzeie ist von Morgen» 8 bi» Abend« 7; Mahlzeiten abgerechnet. Am letzten Montag nun wurde einer »er , Insasse«, Bernhard Schwarz mit Namen, von dem Werkj führer hart angelaffen und er beklagte sich beim Borsteher, dem! Ehwürden Ernst, einem Neffen de» Bischof» von Bedford, i über die ihm angethaue Beleidigung. Dieter Ehrwürde«! erhält für seinen Posten 250 öst. und freie Kost uns Wohnung! im besseren Flügel der Anstalt. Er ergriff dir Partei de» > Werkführers, worauf der junge Konvertit seinen Austritt au» > der Anstalt und die Herausgabe seine» Berdienste«, etwa! 3 Lft. (60 Mark), verlangte. Die« wurde ihm verweigert, > sein Bett weggenommen und verbrannt und man bedeutet« ihm, daß er entlasse« sei und nicht mehr bei den Mahlzeiten! erscheinen dürfe. Die übrigen Insassen begaben sich darauf zu dem Borsteher und verlangten, daß dem AuStretendeu seine Ersparnisse auSgehändigt und der Betrag ihnen »»» ihrem kollektiven Guthaben abgezogen werde. Die» wurde ihnen kurzweg abgeschlagen. Der Ehrwürden sah sogar de» von ihnen gethaaen Schritt als Insubordination an und ließ sie deu Tag über ohne Mahlzeiten. Zu gleicher Zeit meldete er ihnen seine Absicht, fie sLmmtlich an die Luft zu setze«; ihre Betten wurden au« den Schlafzimmern entfernt und der Thürhüter erhielt den Auftrag, sie hinauSzuschmeißeu. Die jungen Leute weigerten sich zu gehe«. Der Weikführer wurde geholt und im Handgemenge verletzt. Der Borsteher ließ die Polizei holen, allein die srch» Konstabler» welche auf dem Platz erschient», weigerten sich einzuschrefteu. Die Sache wurde in der Nachbarschaft, wo mehrere sogenannte christliche Konvertften wohnen, ruchbar, und dieselben sammelte» Geld und schickten den Insassen LebenSmtttcl: den» sogar Salz soll ihnen vom Borsteher verweigert worden seiuk — Draußen in der Straße hielt die Polizei Wach«, während die Zöglinge in ihrem Thetl der Anstalt auf den Fußböden und Bänken schliefen, so gut e« eben ging. Sie wurden von ihren Freunde» wie in einem belagerten Fort mit Lebensmitteln versorgt. Dieser Kriegszustand führte nun nach einigen Tagen zu einer Krisis. Während in der Kirche unten in der Straße Gottesdienst gehalten wurde, ertönte» au» der belagerten Anstalt Ruf«: „Mord, Polizei!" Die Konstabler bliesen in ihre Pfeifen und bald war ein beträchtliche» Detachement vor der Anstalt versammelt, au» der bje Zöglinge, einige blutend und mit blaogeschlagenen Gesichter» rausliefe». Sie haben mir selbst ihre Wunden vorgewiefe», daß r» sich hier nicht «m Uebertretbnngen Handel» kan». Der Vorfall, ber tu bieser Szene gipftlte, wirb von bei Zöglinge» folgendermaßen geschildert. Der Vorsteher der