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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 51 (1889) · p. Seite 200

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
51 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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ft«nb »nfttc beteiligt »erbe» In »eine» 27. Sichre »er. iwb» ich ben Posten eine« elften Disponenten in eine» bet gcrMtiogcnbpen Gefchäft«HLuser bet Residenz unb jetzt ftonb mir alle« zu »einem vermeintlichen Mücke offen. Mein nener Lhef war zufällig Ehr ist nnb ich trug bafür Sorge, baß er nur nicht merkte, ich sei Jude, denn ich schämte »ich bereit« meiner Abstammung. Da bei ber ersten Berührnug mit der Welt da« Formale nnb Mechanische weichen mußte nnb ich für Sonstige« kein «erstänbniß hatte, warf ich alle« als mmützen, hiubernben Ballast über Borb nnb nahm e« al« ein Zeichen meiner Bildung, meiner enropäischen Livilisation hin, wenn ich jebe« religiöse Befühl mit Lynttmu« verhähnte, denn da diese Gebanken mir im Laufe ber Zeit anstanchten» in welcher ich mir meine sogenannte Bildung erwarb, nahm ich meinen religiösen Lyniämn« al« einen natürlichen >n«flnß meiner erlangten „SuftlSrung". Meine Mittel gestatteten mir jetzt, auf großem Fuße zu leben, ich suchte „feine* Gesellschaften auf und eine reiche Herrath sollte mir dazu verhelfen» mich selbstständig zn etobliren. Ich weiß nicht, oh e« Zufall war, ober mtt Absicht geschah, ich bewegte mich beinahe auöschließlich in christlichen Streifen nnb n» mich für einen ebenbürtigen Heiralhscanbidalen geeignet zn machen, war ich so prakttsch, mich bei Zeiten mit einem Taufscheine zn »ersehe» Ich hatte nur einige Monate nüthig, auf Kreierfüßen zn wanbeln, unb ich führte die Tochter eine« Lommerzienrarhe« heim. Fünfzigtansend Thaler »änderten al« Mitgift in meine Tasche, obendrein warb ich Lffociä meine« Schwiegervater« nnb da« mir vorgestreckte Ziel war erreicht. Ich hatte weinen eigmeu nnb dazu warmen Herb, war Mttinhaber eine« der größien Geschäfte, war eine angesehene Persönlichkeit, nicht« fthlte zu meinem Glücke nnb in meiner Verblendung wäre ich im Stande gewese» allen himmlischen Mächten den Fehdehandschuh hinznwerfen. Zehn 2»™ verstrichen mir in ungestörter Zufriedenheit, mein vermögen hatte sich mehr al« verdreifacht, der Familiensegen, zwei Mädchen und drei Knaben entwickelten sich schlank und kräftig wie die Ledern auf dem Libanon und ich stans am Zenith meiner Macht. Inzwischen ward ich Selbstinhaber de« Geschäfte«, und von meiner socialen Höhe warf ich keinen Blick auf den Weg, den ich znrückgelegt. Die Vergangenheit war in Lethe ertränkt, ich lebte nnr der Gegegenwart, genoß da« Leben mit vollen Zügen, ich hatte beinahe selbst daran vergessen, daß meine Wiege im Weichsel, lande stand und daß ich einem andern Stamme entsprösse» Ader »ein schier an«gestordene« Gewissen und GefühlSvermö.en sollten auf eine furchtbare Weise geweckt werben, um nach jahrelanger cynischer Apathie wiederum ihre Functionen zu beginne» Ein schrecklicher Schicksal«schlag sollte mich aufrütteln, meine eingeschläferten guten Geister wachrnfen und mich zur Selbsterkenutniß bringen. Der Schlag kam so jäh. so unvermittelt, wie ei» Blitz an« heiterm Himmel und indem er in mein Han« ex.ichlng, entwurzelte er meine ganze Familienexistenz, schlug uiie« in Trümmer, daß ich, wie von einem Wirbel erfaßt, im leeren Rannte schwebte, ohne einen Halt zu finden. Meine Frau wurde nämlich von einem heftigen Typhu» aus» «tankenlager geworfen, meine Linder ebenfall» von dieser tückischen Lrankhett befallen, in weniger, al« vier Wochen hatte ich Weid und Linder begraben und ich selbst rang mit dem Tode. Al« ich endlich an« meinen Fieberträumen zum Br. wußtsein erwachte, war e« öde unb leer um mich, die Meinigen ruhten in kühler Erde unb eine furchtbare, melancholische Wehmuth zog in mein Innere« ein. Wohl stand meine Firma aufrecht, in meiner Wertheimer Lassa lagen,die Bank, unten aufgestapelt, ober wa« konnten mir diese jetzt bieten? Ich ließ die Geschäfte von meinem Personale besorgen und zog die Bilanz meine» Leben«. Die Wett hatte für mich jeden Reiz verloren und ent» nüchtert begann ich Umschau zu hatten. In meinen schlaf. lose» «ächten stellte ich Betrachtungen an. eine innere SUmn» begann mir znznstüstern, daß ich rnchlo« da« AllerheiligM mtt Füßen getreten habe, baß ich ohne Scrnpel, ja ohne nur uachgedacht zu haben, da«, wo« de» gebilbeten Menschen eben nnantvMir sein soll, da« Gewissen schnöbe verschachert hübe. Ja. da« furchtbare Unglück brachte mich zur Selbst, erkeuntniß. meine Handlnng«»eise schien mir in ihre» rechten Lichte, denn ist e« denn nicht bie größte Infamie, den Glauben seiner Väter zn verleugnen, an seine» Volke gm Kenegeten gn werden, um sich eine soziale, glänzende Stellung zn verschaffen? Ja. hätte ich wenigsten« auS Ueberzeugnug gehandelt, bann wäre sie wenn auch eine irrige, so doch entschuldbar. Aber so, nur de« Gelbe« wegen, da« war haarsträubend. Und mit niederdrückender Wucht überkam e» mich, daß ich verzweifelt meine Hände tang. Wie spitze Pfeile drangen die Lrallen der Rene und «ewissenbbisse in mein Herz ein, daß ich mich, mle von Furien gepeitscht, herntnwälzte, und in meinen eigenen Augen war ich der ehrloseste der Menschen. Unter diesen fortwährenden inneren Kämpfen litt meine Gesnndhett, bi« sie schlieplich ganz untergraben wurde. Ich zog mich ganz vom Geschälte znück, innerlich war ich längst wieder Jude, und auch formell lttß ich mich in den Bund bdi Jndenthnm« wieder anfnehme» Ich, der ich den Umgang meiner Stammeägenoffen beinahe gemieden hatte, suchte jetzt ihre Gesellschaft auf, und dort im Gespräche mtt wahrhaft gebildeten, auf der Höhe de« Zeitgeiste« stehenden Juden, lernte ich den wirklich strahlenden, der Aufklärung geneigten, für die ganze Menschheit berechneten Geist de« Jndenthnm« kenne» Und eine nnan«sprechliche Rührung bemächtigte sich meiner und unwillkürlich kam mir mein arme« Gebnrtölan» in den Sin» Wtt kommt e», fragte ich mich, daß ich, der ich mich doch di« zu meinem 18. Jahre «»schließlich mtt den heiligen Büchern dieser Religion beschäfttgt hatte, der ich eine Erziehung genoß, die sich nur um den Glauben wie n» eine Achse drehte, wie kommt e», fragte ich mich, daß ich von ihrem wahren Wesen keine Ahnung hatte und daß ich ihr verächtlich lächelnd den Rücken wandte? Und warn» find ihre Bekenner im fernen Polenlanbe geistig so verkommen, warn» jede» Fortschritte so abhold? Und ich gelangte zu der Schlußfolgerung, baß daran die falschen An«leger nnb Priester Sqnlb haben müssen, der Aderglande, der die reine Religion wie eine Jsolirungäschicht nmgiebt, die Wnnberrabdi'«, welche dem ObfcurantUmu» Vorschub leisten nnb da« Cheder, welche« all diese nur in mittelalterlicher Finsterniß gedeihenden Giftpflanzen groß« zieht. Und ich kam zu dem Schluffe, daß nur der Segen eine« modernen Schulwesen« im Stande sei, die galizischen verhättuiffe zu verdeffern, den finsteren Mächten den Boden zu entziehen, denselben für die Saat einer wahren nnb religiösen Ansvärnng urbar zu machen und eine ethische Gesittung aufkeimen zu laffe» Meine Gesundheit verschlimmert sich von Tag zu Tag, ich habe e» nicht nüthig, daß der Arzt sage : meine Tage find ~ gezählt, denn ich spüre e« selbst unb der Tod wird mich nur von einem mir zur Qual geworbenen Leben befreien. Wenn-, wenigsten« meine späte Reue Andern zur Lehre dienen könnte? Wenn die gewiflenlosen Streber von meine» Schlage, die . Gewissen«difse, welche ich jetzt empfinde, al« Warnung hinnehmen möchten, nicht in meine Fußtapfen zu treten, dann hätte doch »riti verfehlte« Leben irgend einen Zweck gehabt . nnb wäre nicht ganz für die Menschheit verloren. Meine schwachen Kräfte will ich dazu verwenden, da« geistige Elend meiner Glaubensgenossen und Landttute zu lindern, und mein ' Scherfiein dazu beitragen, auf daß wenigsten« in meine».., Vaterstadt bie lichtspendende Neuschule eine Stätte finde, daß - ihre Strahlen allmählich die Nacht verscheuche» i Ich bin überzeugt, damit da« geistige und leibliche Lßvtzt i meiner hinter dem Zettgeifte so wett zurückgebliebenen 9tlbcr y A -1^ i. -'

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