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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 50 (1889) · p. Seite 196

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
50 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 196 (sequence 2)
Language
German
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.Wen» diese Blätter ihr versteck in Schretdpnlte verlassen «erde«, wirb wein Sörper bereit« i« Schoo ßr der kühlen -rde r»h«n und mei« Seel« im SckaUeureich« weile». Mei» irdische Lebensbahn »aht flch mit Riesenschritte» ihre» «»de »nd «ei» Name »ird in« Meer der ver^ffe». heit fi»k«o. Mein kurzer Lebenslauf hinterläßt keine Spur, nicht« wird an meine gewesene unglücklich« Existenz erinnern, mit meinem Lörper «ird auch wein Name und mriu Andenken ringescharrt werden. Umsonst warmein jahrelange« Ringe», vergeben« der Kampf, de« Grabe« Pforte» schließ» sich und mein Name ist erloschen. Fremde Häude werden mir «eine Augen schließen, mein Todr«seufjrr wird unbemerkt verhallen, und niemand wird ahne», was diese« mei» Herz ausgefochten hat, ehr e» für immer zvm Schweigen gebracht wurde. vergeblich werde ich in meiner letzten Stund« meine Hände -»«strecken, keine befreundete Seele wird sich meinem Sterbeoslager nähern und mriu brechende« Auge «ird auf fremde theiluahm«lose Gestalte» fallen. Einsam und «erlassen wir in meinen letzten 8eben«jahren werde ich meinen letzten Weg antreten, keine Thränr wird mir nochgrwrint werden, hastig wird mau mein Grab zuschaufelu, auf daß die Miethlinge wie am schnellsten meiner lo« werde« Aber du, «ein arme« Herz, poche nicht so hastig; bald ist alle« au«, meine Seele wird im Elystum «ander» und meine Gebeine in der Erde modern. Stille, ruhig, schwergeprüfte« Herz, bald wirst du Ruhe finden. Mein Leib ist i>ur noch ein wandernder Leichnam und meine schwer geprüfte Seele trifft bereit« Anstalt, ihren irdischen Behälter zu »erlasseu, um nach der Urstätte nach den Lichtsphären jurückzukehren. Sie wirft all die Schlacken, welch« mein süudenhaste« Wesen umgeben, von fich und in ihrer Ursprünglichen seraphischen Reinheit entschwebt fie nach de» himmlischen Regionen, lndeß die Materie, de« fie belebenden göttlichen Fuaktti« beraubt, der Natur ihren Tribut entrichtet und in Nicht« zerfällt. Und filbst mein physische« Ich scheint «inen Läuterungsprozeß durchzumocheu, denn die Stimme der Leidenschaft verstummt, jede« egoistische Gelüste ist mir schon fremd, ein unbestimmte« strahlende« Etwa« zieht in weine« Buse« ein und, wie der Erde bereit« entrückt, habe ich für meine , Vergangenheit, welche nur dem Genuss« «nd der Jagd nach dem schnöden Mammon gewidmet war, ei» mitleidige« Bedauern. Am Scheidewege angelangt, überblicke ich die zurückgelegte Bahn undjetzt erst gewahre ich, wie eitel und vrrgänglich da« Jagen und Hasten der Menschen sei. Bor meinem geistigen Auge laffe ich mei» Vorleben Revue pasfiren, meine winzigen TtDten und zahlreichen Uathate» und eine una»«- sprechliche Wehmuth. eine uoneunbare Reu« zieht in mei» Inneres ein. Ach, du wein arme«, verfehlte« Leben I Wenn ich mit meine» jetzigen Erfahrungen, »ach diese» harten aber verdienten Schicksal«schlägeu, dasselbe noch einmal vo» vorne beginnen könnte, wie ander« würde fich dasselbe gestalte». E« wäre der au«schließlichen heiliceu Mission gewidmet, meine armen, unglückliche» Glaubensgenosse» in meiner alten polnischen Heimath auszuklären und gegen die zelotische Finsterniß anzukämpseu, den» dieser Zeloti«mu« hat schon so manche Existenz geknickt und dieser Obscurantismu« trägt auch daran die Schuld, daß ich auf Abwege gerieth. Ach, meine unglückliche, im Dnnst und Nebel de« Hader« verbrach', Jugend I Du, ja du allein hast den Keim zu meiner späiern emjüdischte» Lebensweise sprieße« laffe», so paradox die« klinge» mag. Du hast metoeu Körper verkrüppelt, meinen Geist verknöchert, für die hohen Zwecke der Menschheit abgestumpft, und dein trockener schabloaenmäßiger Formalismus har die meine später» Jahre vergiftende Pflanze de« Uuglauben« großgezoge«. Die chasfidisch« Umgebnug hat mir de» strahlend«, Glaube» mit dem Dunst« einer abrrgtäubischeu mysteriösen Wunderwelt verhüllt »nd al« der Schleier unter de« weltliche» Hauch« riß, gewahrte ich eine furchtbare Leere. Ich hatte keinen moralische» Halt, der entstellte chasfidisch« Lultn« entlockte mir ein verächtliche« Lächeln, die kabbalistischen Mysterien empörten «ich. ich »ah» die Ausgeburt der Fauatllrr für de« Inhalt der jüdisch» Religion «ab i» meiuem erwachende« Eyntsmu« konnte ich in der corrumpirte» Schal« de» reinen, gesunde» Krr» nicht erblicke». .War ich doch an ei» systematische« Deuke» »ich» gewöhnt, vo» meine» Kiudlsdeinen war ich dazu angrhalten worden, Alle« mechanisch uachzo'.ffe», zum selbstthätigeu Prüfen zu eine« Kritern», war keine Grundlage gelegt wordtn. unter Spreu konnte ich kein Korn herausfinden u»d, da die Außenseite mich nicht mehr beftiedigte, stürzte da» ganze, fundameatlos« Gebäude wie ein Kartenhaus zusammen. Wäre ich in meiner Heimath Sebliebea, hält« ich es wahrscheinlich zu einem regelrechten choßid gebracht; ich wäre schrecklich .fromm" geworden und mein Lebe» würde zwischen .Stübel" und .Methbecher" in .gehobener" Stimmung dahingeflosseu sein. In dem vor jeder weltliche» Berührung hermetisch abgeschloffeneu Ghetto hätte ich wahrscheinlich keine Anregung gehabt, vergleiche auzastellen, meine chasfidisch« Jüdtschkeit wäre keiner versachung ansgesrtzt «nd ich würbe auch um kein Jota von den «inengenden, beklewmenden, jeder Vernunft Hohn sprechenden, geholt- und flnnloseu Satzungen abgewichru sein. E« sollte aber ander« kommen. Al« 18jährig«r Jüngling verließ ich meine ftomme Geburtsstadt und meine Ehedrr- und Stübel-Erziehung ging, bei dem ersten Zusammeupralle mit der Welt, in di« Brüche. Ja, ich konnte dt« drückende Atmosphäre nicht ertragen, die Armuth meiner Eltern lastete auf «emem Gemüthe wie ein Alp. die Sucht nach Geld, »ach Reichthümern lag mir i« Kopfe, ich sagt« meinem Eltrrnhavse Valet und mit eine» kleine« Bündel und einer mikroskopischen Baarschaft zog ich hiuau«, da« goldene Bließ zu erringen. Ich legte mir vmr meinem Unternehmen keine Rechenschaft ab, denn sonst müßte« mich doch all die Hindrrutffe abschreckea, da ich fie aber nicht kannte, so rxistirtrn fie anch nicht für mich. De« Lese»« und Schreiben« unkundig, nicht einmal eine Enltursprach« verstehend, unr de» Jargon radebrechend, keine geographisch« Grenze kennend, ohne im Stand« zu fein, mir eine« wenn auch falschen, Begriff von der Welt zu machen, trat ich ' meine abenteuerlichen Odyssee und al« ich da« erste Dorf > erreichte, riß ich «eine Auge» wett aus. Ich war p»m erste» Male auf dem Laude, und die im vollsten Flor prangende Ratnr übte auf mich «tue» mächtigen Eindruck. Janchzeud reckte ich «eine Glieder, zog di« balsamisch« Lust in vollen Züge» tu mein« uoeut wickelte Brust ein, in che« unermeßlich«» Weltall vergaß ich beinahe mein iniserable« winzige« Ich »nd wie berauscht gab ich- «ich den momentane» Einflüssen hi», daß meiu Retsezweck mir nur in ganz verschwommeue» Umriffe» »orschwebte. Nach dreitägiger Wanderung fand ich bet einem Glaube»»- geuoffen, der eiue Schänke in Pacht hielt, al« Meutor seiner Snaben Aufnahme und der biedere, schlichte Landmann, war von meiner .frommen Gelehrsamkeit" entzückt. Ich verbrachte einige Mouat« in meiner neuen Stellung, unter dem Einfluss« der gesunden, reinen Luft und einer uahrhafteu Kost entwickelte fich mein Körper, daß die schädliche« Folgen de« Ghettolebeu« beinahe verschwanden. Die Gegend war — für mich wenigstens — eine reizende. Waldige Hügelketten begrenzten eine fruchtbare Ebene, ich war nur einige Stunde» de» Tage« in Anspruch genommen, «nternahm wette Fußtouren und schwelgte vor Wonne. Ich macht« dort di, Bekanntschaft de« Dorfslehrer» und hinter dem Rücke» «eine« Brotgebers machte ich mich mit dem verpönte» profane» Alphabet bekannt. Ich genoß in »olle» Zügen meine Freiheit und diese Spann« Zeit war di« glücklichste meine« Leben«. Bald aber fand ich die Monotonie de« Landleben« langwellig, mei» innerer Drang erwacht« und ei» Etwa« trieb «ich a», dt« so rnytge Stätte zn verlasse», und in die wett« Welt hiuausjllpürmen.

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