Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 50 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der November Mt aa^tx^t«, der Bode» Mn frnrt- »ährende« Stegen «nfgeweicht und schlannntg, dt» Benwrn« Hütte» ragten s« schmutzig und verlaff» in die grau», naßkalte Lnfe hinein, dir ganze Landschaft bat salch einen tränrigen trostlosen Anblick, daß ich «ich schirr nach de« Ghetto znrücksehnte. Ich hatte mir «einen ganzen Gehalt erspart, nnd verfügt« setzt über ein« Barschaft, di« «ir beinah« unerschöpflich vorkam. da ich noch nie so einen so großen Betrag «ein Eigen genannt hatte. Ich nah« von «eine« gutmüthigen Brotherrn Abschied nn» verließ die erste Etappe «einer Wanderung, nach welcher ich «ich in späteren Jahren, wenn der Schmerz mein« Ein- »«weide zerfleischte, wie nach einer Oase znrücksehnte. Der brave Propinator schickte mich mit seinem Wagen zur nächsten, einige Meilen entfernten Bahnstation und zn« ersten Male in meinem Leben sostte ich da» feuerspeiende Ungethüm erblicken. Im Ghetto wurde über diese» noch wenig bekannte, in dieser Gegend erst im Entstehen begriffene Wunder, Berschiedene» gemunkelt, die Augen fromm verdreht, daß ich mit einer gewiffen Scheu daran ging, diese» mir damal» unerklärliche Werk von Angeficht zu Angrficht zu schauen. Die Bahnstation eine ziemlich bedeutend« Stadt kam «ir furchtbar groß vor, hier blieb ich zwei. Lage, mobernifirtr «ein Aentzere», bestieg da» Dampfroß, welche» mich «einem, an ortgt«llen Eigenthümlichkeiten so reich gesegneten Geburt»lande entführte. Im Lonpt saß ich kleinlaut, ich war von dem herrschenden Gewühl und Lreiben ganz ringrschüchtert und ich schloß di« Augen, um nicht die tanzenden Bäume und hüpfenden Wächterhän»chen zu schauen. Allmählich aber gewöhnte ich mich in da» neue Element hinein, ich kam mir in «eine« kurzen Rocke uud steifen Halskragrn meinen Genoffen au» dem Ghetto überlegen vor und ein Etwa» wie ein verächtliche» Lächeln spielt um meinen Mund. Die bärtige» Gestalten und die langen staftan» wurden immer seltener, ich hörte nur mir beinahe fremoe Laute an «ein Ohr schlagen und ich sagte mir, daß ich bereit« die Grenze der :i»tltfir1en Welt überschritten habe, obzwar ich die« damil« nicht so präci» an»zndrücken gewußt hätte. — (8«rts»tz»ng folgt.) Die MLrztige de» Jahre» 1848 «, die S«de». Bon E. O. in Be. Juden und Ausländer haben die »Ement«- im Jahre 1848 hervorgerufen, Juden und Au»länder haben da» »loyale- Berlin aufgereizt gegen den edlen, frommen Monarchen Friedrich Wilhelm IV., Inden und Au«länder haben die Leitung der »Revolutionin Händen gehabt —Iso und ähnlich lauten die Phrasen, die von reaktionär-antisemitischer Seite zur Vertuschung der Lhatsachen in« Feld geführt »erben. Diesen perfiden Beschuldigungen gegenüber lohnt e« sich wohl, an der Hand von Blättern der damaligen Zeit zn untersuchen, ob und inwiefern die Inden einen so großen Einfluß auf die Bewegung der Märztage gehabt haben. Wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß die Berliner Juden fich den »revolutionären- Bestrebungen nicht feindlich gegenüberstellten, so ist e« doch krwiesen, daß in keiner Leise irgend rin Jude hervorragenderen Antheil an der »Revolutiongenommen hat. Wie alle anderen Bürger, s» mußten auch die Jaden freudig den Ta, begrüßen, an de« endlich alle Schranken, die S,stengeist und Unduldsamkeit errichtet hatten, fallen sollten. Mehr wollten und konnten fie nicht erreichen. verfolgen wir zunächst die Lhatsachen, wie fie ein Extrablatt der »Bosfischen Zeitungvom 20. März 1848 un» »ittheilt. Ll» die wilden Rotten der empörten Bürger dt« Straßen durchzogen, al« auf Schritt und Tritt blutige Scenea fich abspielttn, al» alle Band« der Ordnung und de» Recht» sich gelöst hatten, da begab sich tint Deputation «an Aöutg — Männer, die Vermittler sein wallten zwischen Volk und Regierung. »Brav, ihr Frieden«stifter, schrie die Menge, dringt un» den Frieden!- «er waren aber diese Friedensstifter? E» waren, neben drei christlichen Stadtverordneten, di« jüdischen Doktoren Löwe und Gumbinnerl Ferner, al« auf da» Han« der .Zeitungshallevon den wüthenden Soldaten ein Angriff gemacht, und al» in »schneidigster- Weise mehrere ganz unschuldige »Bürgercanatüenuiedergemetzrlt waren, richteten viele angesehene Bürger ein« drohende Adrefle an den General von Pfnel, in der fie fich über die Bewalthaten de» Militär» bitter beschwerten. Die Adrefle, mit einigen 80 Unterschriften bedeckt, weist nur fünf jüdische Namen auf, nämlich Meyer, Aschhei«, Dr. Lohn, Prtng«hrtm und Samelsohn, dagegen finden fich Namen, dir den »Edelsten der Edeln" angehvren, wie Graf v. Ltppe-Biesterfeld, Lieutenant de la Eheoallerie, ». Stockmar, v. Hazebrouk und 50 andere! Freilich haben di« letztgenannten Herren »der ihre Nachkommen längst nicht mehr die »illoyale- Gesinnung, nein, in höchst anrrkeanensweriher Ueberzrugung»treue find fie schon längst wieder echt loyal-Ionservattv geworden. So wurde z. v. der sogenannte »Vater der Revolution-, Dr. Wo«niger, wie un» A. Streckfuß in seinen »Erinnerungen an» dem Jahre 1840mittheilt, später rin stramm konsrrvattver Herr. Und da die Herren Dtvckertaner noch immer nicht überzeugt sein «erden, daß alle Berliner, und nicht nur die Juden, rrbelltrt haben, so laffe ich hier noch ein paar Sätze au» der »Zettnngshallefolgen, die zur Genüge wein« Behauptung bestätigen. Rach einer glänzenden Beschreibung der Ereigniffe de» 18. und 19. März fährt nämlich da» Blatt fort: »Volk! o du edle» deutsche» Volk, dein Sieg ist groß und herrlich und du hast dich nicht nur al» ein Heldenmüthtge». sondern, wa« nicht minder schön, al» ein hochherzige» Volk bewährt!- Dann heißt r« weiter: »Organisatton! Aufbau! Ordnung! Gemeinsame Arbeit zur Lösung der großen Lebensfragen zum Wähle aller unsrer Mitbürger — da» sei unsre Losungl- Ja. e» waren ander« Zeiten, die Zeiten von 48! Zeiten, in denen e» noch keinen Raffenhaß gab, Zeiten, in denen der »große Adolfsofort, und nicht erst nach Jahren, kläglich Fiasko gemacht hätte! — 8«m Rr»bi«steiu»J>bttä«m. DieTag-«preffe brschäfttgt fich jetzt vielfach «tt dem großen Llavier-Virtuoseu, in keinem der Referate find indeß Andentnugen über de» Meister» verhältniffe zum Jubenthum enthalten. E» dürfte daher den Lesern nicht unwillkommen sein, wenn »ir den Inhalt eine« Briefe«, den ein alter Herr au» Bwditschew an den ,Wo«chodrichtet, kurz wie>>ergrben. Der Großvater de» Jabilar» Rubin Rubinstein, w!.r Gutspächter bei dem ehemaligen Gutsherrn von Berditschew, dem Fürsten Radziwile; er nahm eine geachtete Stellung innerhalb seiner Glaubensgemeinschaft ein, denn er galt für eiueu klugen Mann und einen guten Talmudisten. Er machte ein große» Hau» und wurde daher für enorm reich gehalten; de« war aber nicht so, denn die Folgen lehrten, daß er bei f«i«m großen Bedarf, seinen vornehmen, »herrschaftlichen- Allären, Retchthümer nicht zu sammeln vermochte, so daß er fast zu gleicher Zeit mit seine« Gönner Radztwill ruinirt war. Ehrsüchtig, «ie er war, konnte er den Druck nicht ertragen, nnttr welchem seine Glaubensgenossen lebten, und ttat mit allen seinen Aindern uno Enktln und jetuem Theil seiner Dienerschaft — einen taubstummen Wasser« träger nicht ausgenommen — zu Lhrtstenthnm über. An»