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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 45 (1889) · p. Seite 176

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
45 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 176 (sequence 2)
Language
German
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Schrnrrbart. in einem abgetragenen Osfizier«-Frie«mann mit Knöpfen verschiedener Neffort». nnd einer Osstziers- Müs e mir einem zerriffenen Schirm. E« ist die» einer jenn »Edelmännn", die dich sehr, höflich ans der Straße anhelten nnd bitten: '«Die momentan bedrängte Lage eine« Edel nann« berücksichtigen nnd ihn mit eine« Zwanzig« Loprkmstück bedenken zn wollen!- In seiun Zurechtweisung schier der .Edelmann" dem Bnrschen einen traurig nnd in sich versunken neben ihm herxehenden Inden al» Muster vorg-führt zu haben, dem die ihn umgebende Gesellschaft oster dar ein SrSnel und der bemüht war. da« Gesicht hinter dem aufgeschlagenen Kragen seine« langen Kaftan« zn bergen. Der »Edelmann" würdigte ihn offenbar seiner speciellen Lheilnahme, denn er klopfte ihm wiederhott beifällig, begütigend auf die Schulter. — Dieser Jude, der durch sein gesetzte«, traurige« Wesen nnd seine saubere Tracht von settier zer» lnmirten und barfüßigen Umgebung scharf abftach. interesfirte mich lebhaft und ich betrachtete ihn mit einem therluahmvollen, anhaltenden Blicke. Der Jude sing meinen Blick auf und erwiederte ihn; und dieser stumme Blickeaustausch, der schon oft zwei Menschen einander näher gebracht, al« wärm sie seit einem Jahrhundert schon mtt einander bekannt, verarlaßte mich, nach der linken Sette der Straße zu gehn, um vom Trottoir au« eine Unterhaltung mit den Gefangenen auzv knüpfen. »Sie scheinen kein Hiesiger?" sagte ich im jüdischdeut chen Jargon. ,Ah, Sie find Jude!" rief der Unglückliche erftent au«. »Um Gotte« Barmherzigkeit willen, verrichten Sie ein zute« Werkl" »Alle«, wa« in meinem Kräften steht. Aber wofür find Sie da hineingerathen?" »Wofür? Für nicht«! Glauben Sie ja nicht.... bei Sott, für nicht« und wieder nicht«! Ich reiste von meiner Heiiiath in der Eile ohne Paß ab, ich wurde auf dem Bahnhof ^griffen, und nun bringt man mich in da« Transport«- Gefiiuguiß, um mich von dort per Schub nach meinem Heil.iath«orte zurückzubeföldern — da« ist Alle« . . .* »Da kann ich zu meinem Bedauern nicht« thun." »Weiß ich, aber meinen Sohn besuchen können Sie; er ist kraul, o Gott, er liegt im Sterben, ich bin zu ihm gereist . . . Besuchen Sie ihn, um de« Himmel« willen, und gebet Sie mir Nachricht im Gefängniß... Besuchen Sie ihn... Katkariueuhofer Prospett, Hau« Nr. 13, Student Ternke«..." »Temke«! Ist Ternke« Ihr Sohn? flüsterte ich, al« fürditete ich, der Sohn diese« Unglücklichen könnte die Nennung sein«« Namen« wahrnehmen und au« dem Sarge antworten. »W„r er Schüler de« fünften Kursn«?" »Ob er war?" rief der Alte verzweifelt an« und sprang zur nicht geringen Bestürzung der Begleitmannschaften, au« dem Karr« zu mir auf« Trottoir. »Wa«, wa« sagen Sie, spreheu Sie, wa« ist'«, wa« wiffen Sie?" »Nicht«, nicht«, ich versichere Sie, daß ich von nicht« aeiii. Nächsten«, wenn ich zu Ihnen komme, werde ich Ihren erzählen." »Nu, warum bist Du herau«gespruugeu? Willst etwa au«>ueifen?" schrie ihn einer der Polizisten an und stieß ihn hinein in da« Karr«. Mit euern Leuten jhat mau immer «ehe Schererei al« mit andern Menschen." Der Alte warf mir einen langen bittenden Blick zu und schleppte sich wetter dahin; ich nickte ihm zu, allein er sah e« nicht mehr; er war in düstere«, tiefe« Nachdenken versunken; er befand sich offenbar im Geiste an dem Krankenlager seine« Sohne», streichelte ihm da» Haupt und ftthete zu Gott, daß er ihm nicht raube da« theure, einzige Kind, den letzten Trost . . . Und neben ihm fuhr polternd der Armen-Leichenwagen einher und der ärmliche, schwarze Sarg barg die irdischen Rese seine« Sohne«; und im Kreise von Dieben und Säufern begleitete ihn, ohne e» selbst zu wiffen, der greise Bater Schritt vor Schritt, Schritt vor Schritt. ..... Herze«»avek. «tue kujawtsche »rzühlurg'«• bem >,sa,ge nnfrn« Jahrhundert». - Bon Johanna. |yj ... fWortfffriinQ) Die erste Flitterwoche war beendet. — Der Flitter verwandelt sich in echten Edelstein, wenn die Prüfung zweier Mevschenherzcu wie hier, in gckänterter Reinheit erscheint. — Ein Silberblick dieser Zett, leuchtet noch im späte» Atter al» Erinnerung, durch die nnauSbleiblichen Schatten de» Menschendasein«. Gleich nach dem Mittogeffen war Arnold in da» Lollege gegangen, e» war Freitag, der erste Tag seine» Berufäleben«, nach dem beglückenden Umschwünge fern« Dasein«. »Denke au heute Abend, Lieber! rief Esther chm zu, al» sie sich zärttich an der Treppe ttennten, wohin sie ihn begleitet hatte. »Ich komme so zeitig al« möglich, meine ftouune Hau», frau", eiwiederte er freudig. Alle« hatte sie festlich bereitet wie zu Hanse, dorthin zogen ihre Gedanken. Sie war zum ersten Male allein in chrern neuen Heim. Sie freute sich der gelungenen Vorbereitungen, die sie feierlich stimmten. Heute kamen auch Dr. Josef und seine Ella; Esther war neugierig, wie der Engländerin die auäländische Kü«he munden würde. Die Sonne sank immer tiefer im Westen; sie durchdrang mit ihren letzten Strahlen eine wogende Nebelmaffe ans den hohen Dächern, wo diese wie eine Art goldglänzenden Staube« ersthien; Thurmspitzen ragten sttahlend über Wolken mtt silberweiße» Saume hervor, die sich bald senden» bald gejagt wie fliehende Gestalten t» Nebel zerrannen. — Esther sehnte "ch hinan« in» Freie, da» Getreidefeld hinter ihre« Etternoonse hätte sie jetzt um ganz London vertauschen mögen. Ihr Herz war so beklommen. — Arno kam näht, e« war hohe Zeit, die Sabbathlichter anzuzünden. Die sechäröhrigen Armleuchter, da» liebe Hochzetsaeschenk der Eltern, hatte sie für den ersten Freitagabend mit Lichtern geschmückt, sie segnend, wie e« ihr die Mutter gelehrt, sie brannten so feierlich und hell, aber e» war gar so einsam nw sie her. Al« sie ihr Gebetbuch an» ihrem Schlakimmer Holm wolltt, überkam sie eine nicht zu besiegende Bangigkeit, sie blieb im dunkeln Zimmer, sich ermüdet in ihren Sessel niederlaffeud. Sie schloß die Augm nach chrer Gewohnheit, wenn sie besonder« erregt war. — Erinnerungen erwachten in ihr. au» ferner, ferner Zeit. »Bin ich denn schon so att, dachte sie, habe ich wirttich ein« so langen Lebenöweg hinter nur, so verschieden von dem heutigen?" War e» Traum oder Wirklichkeit, wa» sie am See in Saruowice erlebt? Eine leuchtende Gestalt, wie sie ihr einst vor langer Zeit, so schim e» ihr. in ihren Fieberphautastm vorgeschwebt, zog an ihr vorüber. Die Segenwatt war ihr entschwunden, leise klang eine Melodie an ihr Ohr: »Am blanm See, im Waldeischatten."-— Da Hütte sie Arno'« Stimme, er sang ftoh bewegt da» alte, liebe Lied: »Komm mein Fnund der Braut entgegen.* Au« schwerem Traume erwacht, den die liebe Stimme verschmcht hatte, eilte sie dem Freunde entgegen, er schloß sie in seine Arme, — die beglückende Gegmwart war Siegttin. — »Die Lichte sind bi» zur Hälfte niedergebrannt', sagte Arno bedauernd. »Arme« Weibchen, daß e» auch gnade am ersten Sadbath so kommen mußte! — Ich war nicht im Tempel, erwiederte er auf chre Frage ob et dort gebetet, sondern in dn Lehrerkoufereuz, mein Lieb, wo wir nngewühnlich laug aufgehalten wurden. E« ist al» sollte Dir sofort in voller Klarheit da« Sonst und Jetzt einleuchttn." Esther hatte nicht Zett zu antwottm, e» klopfte an die Thür, Josef und Bleu folgten Esch-r» freundlicher Einladung zum ersten, feinlichm Feste.

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