Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 45 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische« 188». Herau»gkzkbeii von Dr. M. Achmer ta Magdeburg. ■*N»- Zn KüertzMmß L Kelehnnfir die itttMsche Fnülie. ,, Et«Moweataofaaha»«. Xll dem Rusfillten von ». Levta-Sigaa. (Schluß.) — Herzeadadel. Et« kujawischr Erzählung au» de» rUtlltUt! Aasang« unsere»Jahrhundert», von Johanna. (Fortsetzu»-.) — «llerlel für den Familienttsch. — Stiühselaofgaden «Uhselldsungm. ' a.iw ..i ki.< «>.». «Mut (Uudrfngter «achdrnck an» »tcftm Watte nutersugt.) Sine Mome»ta«f»ah«e. >u» dem Russischen von >. Levtn-Sagan. (Schluß.) vor einigen Logen ging ich über den Obuchowüki- Prosprkt. Ans dieser Arbeiterstraße begegnet man selten einem „beffern" Mensche», d. h. einem solchen, der nicht hastig einherginge, sauber aogezogeu wäre, einen satten, zufriedenen, etwa» zerstreute», etwa« gelangweiltrn Sefichtsansdrock zur Schau trüge. Dolche» „bessern" Menschen begegnet man wie schon gesagt, selten auf dieser Straße, sondern r« haftet »ud jaget daselbst — besonder« in de« Morgen» und Abendstunden — allerhand beschäftigte, mit ihrer Zeit geizende Nrdetterbevälkerung, in abgetragenen Mützen, in zerrissenen oder gestickten Armjak« (kameelhaareue Bauernrvcke) und Serwjaga« (Mäntel an« ungemein grobem Bauerntuch), zum große» Theil mit Handwerküzeug und in Papier gewickelten Speisruvorräthru unter dem Arm. Eine Eigeutüümlichkett dieser Straße find di« an jedem Margen darüber hrnwegzieheuden Leicheoprozesfivuen. Die armen, nicht pri- Rlegirteu Bewohner Peterüburg«, vollziehe» auf dieser Straß« ihr letzte« Salle» auf Erden. In diese Lategorie der Nicht» privilegirten und Arme» gehvreu auch die Petersburger Juden; fir dürfen die Reise »ach der Stätte der Ewigkeit »nr nach einer Marschronte wachen, die von der Polizei »örgeschriebeu ist und über diese Straß« hinwrgführt. Die Paffantr«, an dies« täglichen Prozesfionen schon gewähnt, entdlvßen mechanisch da« Haupt, machen mechanisch da« Zeichen de« Kreuz«« und eilen theiluahmlo« Beiter mit ihren Speisevorräthen unter de« Ar«. Nur selten wird der eine oder der andere Arbeiter seine« „Jrrthum«' gewahr, nnd di« Hand, die fich erhaben hatte, da« Zeichen de« Kreuze« £ mache», bleibt auf halbem Wege stehn, die haldgelüftete üde fällt jäh znrück, «ud verlrgen und achselzuckend schreitet der Passant aactitr. — Auch au jene« Morgen bewegte sich ei» trauriger Zug die Straß« entlaug. Zwei magere, mit sine« fuchäroth gewordenen Kamrlot bedeckt« Säule zogen an einem alten, klapprigen, au« den Fugen gehenden Leichenwagen; auf demselben stand ein nachlässig gezimmerter, mit Holländer-Schwarz bestrichener Sarg; Ziemlich weit entfernt Sa dem Sagen schritten auf de» Trottoir, fich in der enge oerlirreod, zwei Diener der Beerdigungüdrüdrrschast, und hinter de« Sage», in eine Salopp« und «in Tuch gehüllt, eine Frau — wie ich später erfuhr: Die vermietheriu don mäblirten Zimmer», bei welcher der verstorbene gewohnt — nnd drei Studenten der mrdico-chirurgischrn Akademie, die» nach de» schwarze», mit einem einzigen Sttrifen nur nerziertrn, Achselstücken zu urtheile», Zöglinge de« unterfteu Knrso«, nach ihrer Physiognomie und ihre« gedrückt-matten Sang« — Juden, noch dem Faktum, daß diese Anstalt seit zwei Jahre» keine Juden «ehr aunahm — gelauste Juden waren. Letztere« war übrigen« auch au dem eigeuthümlicheo, Bhaft-verlegenen Sefichtsaus druck leicht zu erkenne» — an rw charakteristischen Zug«, den da« beständig uageudr Erfühl der gezwungenen Apostasie ihrem Besicht« aufdrückt, so oft sie zufällig jüdisch-religtäsea Leremonien beiwohnen. An einen der Studenten wandte ich mich mit der Frage: „Wen bestatten fie hier?" „Einen Kollegen, Namen» Temke». Da» heißt, weniger einen Kollegen - - denn er war schon Zögling de» Abiturienten» Kursu« — ul» einen Londtmann: er entstammte derselben Stadt wie wir. Er war schon im fünften Kurs»«; noch eine kurze Zeit der Entbehrung und er war ein gemachter Mann ... E« hat nicht sollen sein! ... Er war einer von denen, deren e» nur wenige giedl in unserer Mitte — fuhr der Student leise, wie zu sich selber, fort — ein Mann, verfteh'n Sie mich wohl, mit festen Srundsätzen . . ." Und er schritt eiligst weiter, um den Zug, der fich etwa» entfernt hatte, einzuholen. Ich schloß mich an. um die letzte Ehre einem Manne zu erweisen, „deren e« nur wenige giebt in unserer Mitte: einem Manne von festen Srund» sähen . . .' Der Tod ist eine ganz gewöhnliche Erscheinung, wie etwa ein dürre« Blatt auf einem Baume, eine »iedergemähtr Aehre ans dem Felde: e« giebt deren mehrl wenn wir aber den Keim eine« künftigen Baume«, der mit seinen zarten «lättchrn kaum au» der Mutter Erde heroorgrlugt. abschneiden sehen, wird »nser Herz mit lebhaftem Bedauern erfüllt. Und rin solche« Sefühl de« Bedauern«, der Wehmuth. beschlich «ich, al« ich eioherschritt hinter der Bahre eine« jungen Manne«, der niedergemäht wurde von der Sichel de« Tode« zu einer Zeit, da der Kampf um die »xiften, fast beendet und die Zeit nahe war, wo man zu leben auf äugt. . . . I» den Sagorod«ki»Prospekt »iugebogen. kam au« einer Seiteugaffe ein anderer Zug daher, welcher auf der linken Seite der Sttaß« Schritt vor Schritt »eben un« hergiu^ Auch dort befanden fich Begleiter, aber nicht die einer Leiche, sonder« solche lebender Menschen: — Befangener. E« war die« eine eigenartige Sruppe. Bon Begleitmannschaften umzingelt, schritt eine Anzahl schmutziger, zerzauster und zerlumpter Menschen einher, verschmitzt, ja verächtlich-ironisch fast, die fie musternden Passanten «»glotzend. Dort... ei» junger Mensch mit einem zerdläuten Auge, den «inen Fuß in eine« alten Summischuh, de» andetn ganz entblößt »eben ihm, de» Stempel de« Laster« auf de« gelben, aufgedunseueu durchfurchten Besicht; — ein weder alte« »och junge« Weid mit entdlößun Waden, »« welche die kothigen Fransen der noch ganze« Hälfte ihrer Jubka schlotterten, gleichgültig an einem runden Brätchen kauend und von Zeit zu Zett übrrmüthig anfkreischend ob der llaiffe, die ihr Hintermann chr auslheilte: — ein langaufzeschofsener B»rsch, in einer geckenhaften Blouse, umfaßt von einer säubern Schürze, mit blitzblanken Stiefeln, aber sonderbarerweise ohne Mütze, die er wahrscheinlich i» irgend einer Schenke verloren oder versetzt harte. Dieser — nach seiner Tracht zu »rtheite«, ein Dreurr einer Fisch- oder Fleischhaudlung und wahrscheinlich wegen einer Schlägerei verhaftet — wurde ob seiner, für die offene Straße uvpaffeudeu Neckereien mit eine« Weibe zurechtgewieseu von einem Jndividium mit gebräunten, verwitterten, energischen Gefichtozügen und einem langen, „militärischgedrehten