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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 44 (1889) · p. Seite 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
44 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 173 (sequence 3)
Language
German
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My houM m* oMtk! sagt der Engländer «tt Recht. Riem«» theilt tt ait de» Bewohnern. Ille« war bescheiden den verhältniffen de« Ehepaorr« angemrffen eingerichtet, ater Esthers Fuß zögerte die trppichbclegtr Treppe z» betrete», die ihr als ungewohnter Lop»« erschien. Der Lomfort de« «nglischeu Bürgerhauses unterschied fich damals »och viel schroffer als heute von dem deutscheu, um wievielmrhr aber van der einfachen Einrichtung in Esthers Elteruhause. Zwar hatte st« t» Sarnowicer Schlöffe vornehme Einrichtung kennen gelernt; aber unerreichbar wie die Stern« »nd ebenso fern von dem Künsche oder gar der Berechtigung, stand st« diese» Diugen gegenüber. Als fie die geschmackvolleu, bequemen Räume ihres neue» Heims betrat, blickte fie mit einer Irt Verschämtheit «« fich. »Hier bist Du Herrin, geliebte Frau", sagte Iru», ihre Stirn küssend. Dr. Heimanu und Miß Ellen hatten ihre Freud« an 'Esthers bescheidene Aenßervugen über das »für fie zu schön eingerichtete Haus." Für et« reichliche« Mittagsmahl hatte Ellen gesorgt, auch für eine erprobte Dienerin, die der mit den hiesige» Verhältniffen ganz unbekannten Hausfrau mit Rath und Thal zur Sette flehen würde. — Daun entfernten fich die Freunde, um die Angekommenen nicht zu stören, die setzt wirtlich des Alleinseins bedurften im still «mfriedeteu HÜm. Am audern Tage wurden dir Kisten ausgepackt, bald war jedes am ongeweffenen Ort« unter gebracht Aroo's Bücherschrank wurde zuerst derückfichtigt, er füllte ihn mit den ihm so werihr» Werken seines Vaters. Einen kleinen Schrank im Schlafzimmer benutzte Esther, Freuudschaftzeichru, von ihren lkinderjahren bis heute ihr lieb und »erth, dort zu ordnen; daun ihr Sebetduch, Schillers Kabale »ud Liebe, bas erste Geschenk Arno'«, und das Geschenk ihrer «»vergebliche» Frau Diniawska, dir Gedichte der so 'früh dahiogegangeueu vierjährigen Dichterin, Ursula v. Kochanowsk». — Ueber Arno's Bett hing jenes Bild der betenden Bäuerin, da» er Esther einst geschenkt. Als da« juuge Ehepaar am andern Morgen au ihrem Frühstückstische saß, wurde ein Blumentisch mit herrlichen blührudeu Pflanzen gebracht, rin Geschenk Ellens. Der Duft einer der Bluwea erweckte plötzlich das Gedächtniß an das Gewächshaus in S. Ein leises Beben zog durch das Herz der jungen Frau. — Arno halte dies« Bewegung nicht bemerkt. »Meine liebe Hausfrau, »sagte er, indem er fie an den Bücherschrank führte, hier findest Du gute Beschäftigung; richte einen recht übersichtlichen Lalalog der Bücher ein. Morgen beginnt der Unterricht im College, da wirst Du viel allein sein." — Sein glückstrahlendes Auge verdrängte unbewußt in ihr jenen Schauer der Erinnerung. »Ich stehe aber nicht dafür , erwiderte sie freundlich, daß mich mancher berühmte Schriftsteller zum Lesen verlocken wird." »Du bist ja h er Seldstherrscherin, Frauchen, ihn' was Dir beliebt. Mich freut es wieder in die geregelte Thätigkeit zu kommen. Du Haft mich iu eine Zauderwelt gezogen, Liebste, laß «ich los, laß mich los. Du Zaubert«." Er riß fich los au« dem Zaubrrkreise, sie blickte ihm aus de« Fenster grüßend nach. — <;onse»nng folgt.) Die Marrawe« von einst «nd jetzt. »t»r Lol-8lsr«-»rl»»rr»»i. (Schluß.) Ueber die Judenverfolgungen iu Rußland seit dem Tode Alexander EL ist in den Zeitungen vieles berichtet worden, doch scheinen dir Einzelheiten noch wenig bekaunt. Um fich über diese Ausnahwemaßregeln gegen die Juden klar zu »erden, muß mau zurrst iu Rußt nd selbst eine geographi- -Grenze ziehen. Diese Grenze theilt Rußland für die Juden zunächst in zwei Hanptgebirte. Zn de« «inen gehöre» alle Provinzen de» ehemalige» Polens,'dann öittaur», lkown«, vitebsk tt. s. ». Hier dürfe» alle Inden rnsfischer Rationalität wohnen, athwe», Häuser und Güter erwerbe». Hier fühle» fich auch recht wohl alle' jene Jude», die für ihr« geistigen Bedürfnisse fich an der Thora genügen, und von de» süßsauere» Früchten des Lulturbaumrs nichts wtffeu wolle». Dagegen empfinden hier die Jude», welche auf de» Bode» der modernen Lultnr stehe», den Druck der Ausnahmegesetze. durch welch« ihnen all« Lharge» im Militär, alle Bramtenstelleu. die Rotariatspraxis und neuesten« auch die Gymnafien und Uuiverfitäte» fast gänzlich verschloffen find. Da« hier Gesagte gilt blos in Bezug auf die russische» Jude» Polen», währeud die ausläadischeu Juden im verlaufe des letzten Jahres fast sämmtltch ausgewieseu wurden. Rur Wenige» gelang es durch allerhand Künste fich da« Patent als Lanfleute erster Gilde zu verschaffe» und im Land« wohubast zn bleibe». Die anderen aber, welch« nicht gehen wollten, wählten da« Schicksal der spanischen Ma.'ranrn — fie gingen zum Lhristenthum über. Luders als iu Pole» verhält es sich mit den Juden im eigentlichen Rußland. In den meisten Gouvernements dürfen Jude» wohnen, welche fich von früher her Bürgerrechte erworben hoben, ferner alle Männer der Wifleuschaft »ud Handwerker und alle die das Patent erster Gilde bezahle». Die viele» Tausende der andereu wohnen nur so nebenbei von der Gnade jedes Polizisten abhängig Eine besondere Kategorie bilden Kiew, Petersburg und das heilige Moskau. Hier giebt es fast gar keine eingebürgerte» Juden, und tt dürfen hier nur solche wohne», die Handwerker find, oder das Patent erster Gilde besitzen. In diesen Städte», besonders in Moskau, find dt« Maffeutaufen an der Tagesordnung. Die meisten laffen fich zum Uebertritt um so eher bewegen, weil der Begriff ihres Lhristenthum« ein sehr dehnbarer ist. Die Religion beruht auf zwri Faktoren, auf Liebe und Ueberzeugung. Da aber die Juden sehr lieblos behandelt werden, und da andererseits eine Ueberzeugung vou religiösen Wahrheiten btuueu 24 Stunden doch nicht gewounm werden kann, so wird von diese» Leuten nicht so sehr der Erweis ihres Lhristenthum«, als vielmehr der Schein der Religion gefordert. Einen solchen Schein, ein religiöses kaooo-xartoav, trägt nun jeder Jude in der Tasche, was ihm aber uicht hindert, in der ander» Tasche die Tefillin zu trage». Der Jude nimmt sich heute in Rußland einen Taufscheiu, ungefähr wie er neben der religiösen Ehe die Livilehe beim Standesamte eiugeht. Das beste Geschäft macht der Pastor der englischen Kirche, weil hier die wenigste« reltgtdsen Förmlichkeiten gefordert werden. Da da« Gewissen dieser »Aoussim" jetzt viel ängstlicher ist, als früher, so besuchen diese Juden, alias Lhristeu, die Synagoge viel häufiger, als ehedem. Die Synagogen in den Hauptstädten Rußland» find an Sabbathen, besonder« aber am »Sabbath der Sabbathe" drückend »oll, wobei diese neue» Marianen da« größte Kontingent stellen. Mit welchen Gefühlen mögen diese nun das Lol-dliär« deren I Dabet fällt mir eine alte Sage «in. Ja einer Synagoge Polens oder Rußland« — so erzählt eine fromme Sage — waren die Räume an einem Bersöhuuogsadend drückend voll, die Zahl der Anwesenden schien die Anzahl der Gemetodeglirder bei weitem zu übersteigen. Ei» unheimliche» Gefühl bemächtigte sich der Gemeind«, und man fragte den Rabbi, was dieses zu bedeuten hätte. Der weise Man» hatte mit einem Blicke die. grauenhafte Gäste erkannt, und mit klugem Geiste gab er den Befehl: »Alle Taleaim (Gedetmäntel) abnehmen l" Und seltsam! Wie durch ein Wunder war es geräumig worden, die Zahl der Beter schien plötzlich auf die Hälfte rebocirt. Die Leute aber sahen fich jetzt mit geheimnißoolle» Blicke» au. sie wußten uua, i» welcher unheimlichen Gesellschaft fie fich befunden hatten. Es waren die üloiooirn (Tobten), welche am Beginn de« Bersöhnnugsfrstes iu die Syuagoge zum Gebete gekommen waren. Da diese nun

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