Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 44 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Herzensadel. «ine otnffite CrjfiWisnfl an« tan Anfang« un|«it* J„hrt,undert». Von Johanna. *] - 24. Kapitel. Ter Sturm war zum Orkane herangewachsen, die Abfahrt de« Schiffe« war unmöglich. Tauner und Blitz, Regen uud Schlaffe» hatte» die Nacht über getobt, aber da die Schlafzimmer de« Hotel« der Seeseiie abgewaadt läge», weckte da« Unwetter Diejenigen nicht, die von Anstrengung überwältigt im festen Schlafe lagen. Unter diese» befanden fich unsre Freunde; al« sie erwachten, war ihnen witgetheilt, daß da« Schiff erst morgen in Se: steche. Stach dem Frühstücke eilten sie an die See — nur kurze Zeit vermochten sie dort dem Sturme Widerstand zu leisten Sie benutzten den letzten freien Tag auf festem Lande, den Eltern zu schreiben: lasten wir die Sinder zu ihren Eltern sprechen, ihre Herze '«stimmen gehören diesen, nur den Eindruck, dcn Esther von tem Sturme zu schildern versucht, möchten wir kennen. .Wäret Ihr doch hier, geliebte Eltern, selche ganz fremd: Naturerscheinung hätte Euch die See geboten. Ich! schreibe sech« Uhr Morgen«, unser erster Schritt war au! die See. Die Majestät derselben vermag ich nicht za: schildern, ihre wilde Pracht im Sturme ist überwältigend. So weit da« Aoge reicht, nicht« al« weiße Schaumgebille, die wildaufzischend fich bi« an die Wolken zu heb n scheinen. Rur auf Momente erblickt man zwischen den weißen, breiten Wogen einen grünen Streifen Seewoffer. Wie versunken ist olle« wa» sie gestern belebte, man erhält hier einen Begriff der unendlichen Einsamkeit auf Seereisen. Sein Boot, kein Schiff» keine« jener Wcrnung«zeiche», die ich gestein bemerkt; der Leuchtthurm scheint von den Wogen umri igt dem Untergänge nahe, während die uns gestern fichtbare Strandgegend ganz in Nebel gehüllt, verschwunden zu fein scheint. Man war unfähig hinau«zublickeu; scharfer Sani, wehte am Strande in hohen, schrägen Bogen von der See her, — ihr Toben betäubt. Ein feiner Sprühregen, von wildm Seewinde gejagt, zwang uo« schräge vorwürt« zu gehen, wollten wir den Wald erreichen. Die Bäume neigte» ihre Wipfel bi« zur Erde, meine Kleider schlugen um die Stämme, baß ich nur mit Arno'« Hilfe sie davoa abzulösen vera schte. Ich schreibe, während da« Brausen und Rausche» draußen, die schwüle, drückende Luft ermüdend auf wich wirken, mir ist al« diklire mir ein Andrer, e« ist doch wohl mein Herz, da« liebend Eurer gedenkt! Ich kann nicht weiter, im Sopfe wirbelt e« mir, wie Alle« «n der Natur." Arno fügte beruhigende Worte hinzu, daß da« Schiff nur bei günstigem Winde abgehe nad wie muthig und fest ein geliebte« Weib auf Gott und ihn vertraue. Am Morgen ertönte da« Schiff«fignal. Die See lag da uhig wie ein Spiegel, die sanft rauschenden W:llen er» gläi.zten in unnennbarem Farbenwechsel. Leicht schaukelnde Borte holten die Paffa.iere nach der Rhede, wo von dem Sckiffe die Strickleitern herabgelaffeu waren, kräftige Mctrosenarme streckte» fich den Ankommenden hilfreich entgegnt, bald sah man diese obea am Borde de« Schiffe« erscheinen. Furchllo« und geschickt hatte auch Esther deu schwankenden Steg benutzt, so, daß der hilfreiche Matrose ihr da« Lob ertheilte, sie sei muthiger wie viele andere Weiber, sie sei gottlob die einzige an Bord. Arno batte die beste Kajüte bestellt, und nachdem Esther fich wie ein Kind der anscheinend unendliche» Wasserfläche uni» der Fahrt erfreute, folgte sie ihm in den zierlichen, sarberu Schiffsraum. Eden im Begriff ein Gla« Madeira an die Lispen zu setzer, blickte sie erbleichend auf Arno, unfähig sich aufrecht zu halten. Er erkannte die U'sache schnell; da« anästhetische, qualvolle, da« Ebenbild Satte« zur Karrikatur entstellende Seeübel trat ein. Er half der Arme» sich auf da« Sofa zu legen; kan« aber war e« geschehen, al« er sich auf da« verdeck flüchtete» in der Hoffnung der ihn drohende« Niederlage za entfliehe», vergeben«! Man führte ihn »ach der Kajüte, «»fähig der Leidenden irgendwie beizuftrhen. Die allgemein eiugeführte» Maßregeln für solche Fälle waren getroffen, im Uebrtge» war Jeder seinem Naturell überlaffea. Im ersten Anfall bedauerten sie, einander nicht beistehen zu können, allmählich wurden sie so apathisch, daß sie einander fast gleichgiltig betrachtete» —; sie waren plötzlich allein und einsam, wie in einem Tranmlande. Ermattung schloß ihnen die Auge», neckische. boahafte Seegeister weckten sie, den stolze» Menschenkindern höhnend ihre Machtlosigkeit zu zeigen. Die von den Unholde« verschont gebliebene« Reisenden sorgten für die Kranken, bi« »och 48 Stunden Arno lächelnd neben Esther saß, beide von dem überstandeven Elend befrei». Sie neckten einander bei dem wohlschmeckenden Frühstück; wie wenig sie gleich bei der erster Prüfung gehalten, wa« sie versprochen, einander beizustehen in guten uud schlimmen Tagen. -- „Weißt Du, sagte Esther, Du flößtest mir kaum Mitleid ein; Du erschienst mir in manche« Augenblicken gar lächerlich, ganz fremd, ich sah Dich wie in nebelhafter Ferne." „Ich wußte überhaupt nicht, daß Du tu meiner Nähe bist antwortete er. Neptun hat also tu seinem Reiche größere Macht al« Eupido! seine Pfeile werden stumpf vor dem triefenden geschwungenen Dreizack de« greisen Meergotte«. — Komm auf da« verdeck, schau in die blaue Fluth und verhöhne ihn." — „Alle« wa« Du von der Schönheit und Sloßartigkeit de« Meere« geschrieben, mein Arno, ist nicht« gegen die Wirklichkeit", sagte Esther, al« sie die See in einer Hellen Mondnacht erblickte. „NaturschUderungen können Ute die Natur in ihrer Herrlichkeit bezeichne», selbst der Psalmist hat fie nur in großen, herrlichen Bildern charakterisier. Wer wird die Wirkung der mannigfache» Lichte und Schatten der Luftströmungen, der Ruhe uud der Bewegung der Athmoßphäre richtig bezeichnen?" erwiderte er. „Da» Meer erscheint mir al» da« unbesiegbarste Schöpsung«werk. Die Erde wird durchwühlt von Menschenkraft. Berge werden gesprengt, da« Meer bleibt daffelbe seit der Schöpfung, unverändert, unbesiegt von Menschenwitz," sagte Esther. Die Kajüte war unser» Freunden nnr der Ruheplatz, sie verloren keine Stunde de« herrlichen Genuffe«, indem sie förmlich auf dem verdecke wohnten. Windstille hatte die Reise um zwei Tage verzögert. Bei der Abreise von Hause war man vorbereitet, den ersten Sonnabend tu London zu feiern, da« geschah nun auf der See. „Jetzt kommt der Bater au« dem Tempel", sagte Esther wehmüthig, „die Mutter wird ihm statt meiner zustimmen, wenn er singen wird: „Willkommen in Frieden, der Brant entgegen." Und fast unbewußt saugen Beide da« herzige erhebende Lied der Sabbathfeier. — Esther segnete tu ihrer Kajüte zum ersteumale zwei Lichter ein zur Ehre de» Sabbath» und in ihrem Gebetduche fand fie am Morgen die Psalmen für de» Sabbath, die Sötte« Stöße in der Natur preisen. Da« Schiff lief endlich spät Nacht« in den Hafen von London ein. Die Passagiere übernachteten auf demselben und al« fie am Bormittage von dem Schiffe an« Land befördert wurden, fanden unsere sehnltchst Erwarteten Herrn Dr. Heimaun und seine Frau bereit, fie in da«- von ihnen nach Arno'« Anordnung neu eingerichtete Hei«, der NeuoermähUeu einzuführen.