Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 44 (1889) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
44 (1889)
Date
1889-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/6492351-8722856-5956676--1242-5373600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Silbische» Herau»gegrbni »an Dr. M. Vahwrr tu SRagbtburg. Av Kütthtüuß «. -riehn»s str die israMsche Ftmlie. Inhalt St« Momentnnfnahw». An« de« Rnsfiichen von A. Lovin-Saian. — HerjenSadel. rin« knsawifch« Erzühlnug an« de» » Anfänge nnstre» gehrhnnbert». von Johanna. — Di« Marranen von ein« und ,«p. Oinc Kol-Nidr*-®rintterung. (Schlutz.) » — Allerlei für l(n Kowilientilch. — Cptanranu. Au« dem Hebr»is»«n ««risch übersetzt von L Cohen. — Rüths l- «tstzatzen und «ütbsellSsnngen. cl«ubefn,trr »achtzrnck an» diese« «lattr nntrrs,,t.) Si«e Mome»t«»f«ahme. An« de« Russischen von A. Levln-rayin. Mit zitternden Händen «ud heftig pochender Brust erschloß der greise Meuasche da» Telegramm, welche» er erhalten halte, «l» er schon vor der Thür seine» kleinen Laden« stand, t» Begriff, denselben für die Nacht z« schließen, «ine Depesche an ihn? Sicherlich an» Petersburg, und wen» au» Petersburg, dann fichrrlich von seinem Sohne, und wen» von seinem Sohne, daun . . . dann... der alte Menasche zitterte, de« Gedanken weiter zu »erfolgen; r» wurde ihm schwarz vor den Augen; seine zittternden Finger müheten fich lauge, eine Ecke dr» verhängnisvollen Kouvert« zu öffnen, und al» da» Telegramm endlich erschlaffen war und der Mt« den an» kaum einer Druckzeile bestehenden Inhalt mit «ine» einzige« Blicke überflogen hatte, sank er hin auf die ftetuernrn Stufen seine» Laden« «ad blickte lauge mit gedanken losem, starrem Blicke ans den theiluahwlo« vor ihm stehenden Telegraphenboten . . . Da» Telegramm besagte: »Kommev Sie schleunigst. Ihr Sohn ist gefährlich erkrankt!" — Sein einziger Sohn befand fich bereit» im fünften Kurs»» der militair-ärztliche» Akademie zu Petersburg; und noch eine Minute vor Empfang der erschütternden Kunde von der gefährlichen Erkrankung deffelben phautafirte der «lte selig, wtt schön e» sei» werde, wenn sein Sohn in Kurzem angereist kommen «erde al» Doktor, al» wirklicher Doktor; und da jetzt an der Akademie keine Joden mehr zogelaffeu werde», würbe sei» Sohn nicht bloß Doktor sein, sondern gleichsam wir irgend eine Rarität, irgend eine Sehenswürdigkeit augeflanut »erden . . . Jetzt aber öffnete der >V« die bereit» geschloffene Thür seine« Laden», tastete im Finstern in der Schublade dr« Ladentische» umher, und die gesammte Baarschaft zu fich nehmend, schloß er mechanisch zu und begab fich langsamen Schritte« auf die Straße, schlug aber nicht die Richtung nach seinem Haus«, sondern die entgegengesetzte ein. Uuter- «eg» blieb er vor einem bekannten §d«adea stehen, übergab ihm die Ladeuschlüffrl und bat ihn, z« chm nach Hause zu «heu und seiner Frau zu sagen, er sei in einer dringenden LnGelegeuheit nach de» nächsten Städtchen gereift, von wo er in einigen Lagen zurückkehren werde. Der Grei« wollte nicht vor der Zeit seine Gattin aufregru durch Mittheilung brr wahren Ursache seiner Abreise. Nach Berlanf einer halbe» Stund« saß der Alte schon i» Eiseubahnkoupee und fuhr in der Richtung nach Petersburg hin. Wäre er während der Reise auch nur et» Mal zu fich Gekommen und hätte der Untrrhaltuug zuhvrrn können, die zwei andere Jude» führte«, er würde vielleicht schon ans der Nächsten Station ao»gestiegen sei» und dir Rückreise aagetreten haben. Vielleicht würde er die» auch nicht geihau habe», denn welcher liebend« Vater, der au da» Krankenlager de» einzigen Sohue» eilt, ließ« fich znrückhalteu von Lappalien, wie etwa: daß gewisse Polizisten in Petersburg auf dem Warschauer Bahnhof sich aufhalten und alle nach der Residenz kommende Juden festaehmen? ... So wenigsten« erzühlten einander die Juden im Koopee. Sie erzählen e» mehr scherzend al« beunrnhigt, denn Jeder von ihnen wußte schon im voran«, daß er nicht nach Petersburg, sondern nach — Finnland reise, d. h. im Grunde genommen nach Peter», bürg, bloß via Finnland . . . »Merken Sie »»hl. m«ine Herren, erklärte einer der Reisenden: sobald Sie nach Peter»burg kommen und den Bahnhof belrrirn, gehen Sie ohne Weitere« auf den Poltzeibeamten zu und fragen, wie Sie nach den finnläadtschen Vahahof gelangen können? Sonst ergreifen die Polizisten Sie sofort und führen Sie nach dem Viertelamt, und bi» Jh-e Papiere geprüft find, vergehen einige Tage. Tie thun darum besser, wenn Sie selbst hintreten und melden, daß Sie nach Finnland reisen; dann geleitet eia Polizist Sie nach dem finnländilchrn Bahnhof, löst Ihnen ein Billet nach Helstvgfor« oder Wiborg und von da au» könnm Sie nach Petersburg reifen. Da» heißt, sie Haber e« durchaus nicht nvthig bi» Helfing^or« z« fahren, sondern steige» auf der nächsten Station. Lau»ki. au«, von wo au« da« Dampfroß Sie für vier Kopeken zurück nach der Residenz befördert." »Hahaha!" kicherten die Zuhörer lustig, indem ste fich schon im voran» da« große Vergnügen vergegenwärtigten, für nur vier Kopeken die ganze Peter«bur,er Polizei hinter« Licht führen zu können . . . Der alte Menasche aber war nicht zum Lachen gestimmt; er hörtr der lustigen Unterhaltung auch nur wenig zu, denn während der ganzen Reise saß er im Geiste am Krankenbette seine« thenren, einzigen Sohne« und fuhr mit der dürren Hand über da« kranke, brennende Hanpl seine» »Jungen" und rückte ihm sorgsam die Kopfkiffrn zurecht und flüsterte im inbrünstigen Gebete: »Herr, mein Gott, entreiß' mir meinen einzigm Trost nicht!" Man ist angrlaagt . . . »Herr. Sott, wetde ich ihn noch lebend -»treffen?" — »Wohin reisen Sie, mein Herr?" »Ich?" Menasche konnte die Frage de» Polizisten nicht sogleich fassen. »Jawohl, Siel Wohin geht die Reise — auch nach Finnland?" Da» verstörte Aussehen Meuasche'» machte auf den Diener der heiligen Hermandad einen starken, ihm selbst unerwünschten Eindruck. — Noch immer stand der Alte vor dem tuquirirende» Schutzmann, al« sei er bemüht, fich auf etwa« zu besinnen. »Lassen Sie mich, um de» HimmelSwillra! Mir ist eia Sohn erkrankt!" rief er schließlich, au die Ttzüre eilend. »Geht «»« nicht« an, da» wird schon »dort" festgestellt werden. Führt ihn ab!" kommaudirte der Beamte, froh endlich einen Juden erwischt zu haben, der nicht »ach Fionland reiste. (garfttung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.