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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 43 (1889) · p. Seite 169

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
43 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 169 (sequence 3)
Language
German
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8c* *ea te der Familie, dir Erziehun; ihr« «»der, ihr selische» Doppelleben ist »och von keinem Historiker dorgestellt worden. Einen Moment ou< dem Leben jener Marroven wolle» wir «iederzngrkxn versuchen, wobei ’nl ein Stück - unsrer Liturgie ab» Quelle dienen wöge. Da« ganzeJahrgiag jenen Schrinchriftrn hi», wie es eben ging. Aber e« kam endlich jener eine Tag i« Jahre heran, besten mahnende Stimme »och nie an die Brust eine« J«raeliten vergeben« gepocht hat. An dem Borabende de« VersähnnngSfesteS, der »ohl erst dawal« de« bezeichnende» Namen „Kol-Nidre“ (Alle Gelübde re.) erhielt, versammelte» fich jene Judeochristen, die wahrscheinlich an bestimmten Zeichen sich gegenseitig erkannten, an einem geheimen Orte, um die Feier der Versöhnung zu begehen. <ti mußte ater vorher eine Leremonie vorangehen, durch welche fie formell wieder in da« Judeoihum ausgenommen wurden. Diese Wiedereinführung in den alten Bund konnte nur durch Juden bewirkt werden, die nie den Gott der Väter verläugnet hatten. Eine Anzahl solcher echte» Juden, jene »Zehn", von denen der Prophet gesagt hatte, daß ste in der Sotte«gemei»de zurückbleiben werden, «m den heiligen Funken zur Flamme zu entfachen, fanden fich wohl in jeder Stadt, wo Marranen wohnten. E« waren Männer» dir dem Auge der Jnquisttian entgangen waren, «der auch solche, die mit 8eben«gefahr in Spanien waren eingeschmuggelt worden, um den Familien der Marranen heimlich r-l» lkindererzieher, al« Führer und Lehrer zu dienen. Unter Leitung derselben wurde am Lersöhnung«abend die Erremouie der Wiederaufnahme in den Bund J«rael« vollzogen. Drei von ihnen konstiluirtcn fich zu einem Richterkollegiom, zu einem Beth-Din. In Talare gekleidet nahmen fie di« Gesetzesrolle an» der Lade heraus, und von Todergrauen erfüllt, mitten im Lande der Juquifition lösten fie den Religionsbann mit den feierlichen Worten: »Mit Misten de« himmlischen Richter«, und im Einvernehmen eine« irdischen Gerichtshofes sei eS uns gestattet, zu beten in Gemeinschaft mit den Prosrlyien".*) Die GesetzeSrolle emporhaltend, bei geöffneter Lade trug dann der Vorbeter die Formel de« Kol-Nidre vor. wo gesagt ist: daß alle Gelübde, alle übereilten Schwüre, alle unwahren Gelöbnisse, jede« geheuchelte Vekenntniß, die sie da« ganze Jahr hindurch falsch geschworen, falsch gelobt, heuchlerisch bekannt haben — daß fie da« Alle« au« tiefster Seele bereuen, daß sie alle aufgelöst und al« nicht geschehen geachtet sein mögen." Wa« uu« die Geschichte Uebrigea« verschweigt, da« weiß um» die Melodie de« Kol-Nidre zu erzählen. Sie klingt wie der Seufzer einer gefangenen Seele, die fich in furchtbaren Qualen windet, die nach Befreiung ringet, die tu ihrer Pein in ' lauten Jammer «»«brechen möchte. Aber fie darf e« nicht; die menschliche Natur legt ihr Schranken aus, denn die Schergen der heiligen Hermanudad lauern in jedem Winkel, und wehe dieser Gemeinde, wenn fie entdeckt würde! Und so wird der Schrei zum Seufzer gedämpft, zur leiken lklage, zu einem angstvollen Wimmern.*) Am Schluffe folgte dann di« Formel: »ES ist vergeben und verziehen der ganzen Gemeind« J«rael«, und auch den Proselyte» (*13*71) die in ihrer Mitte wohnen, denn nur unfreiwillig haben fie gefehlt." So wurde di« Frier de« Kol-Nidre-Abend« damal« begangen, so wird heute noch in den meisten Gemeinde« diese Ferrari «ist ihrer schanervoll-bange» Melodie vorgetrage«, und gerade in dieser Feier haben wir rin wunderbare« Stück an« unsrer Geschichte tu drastischer Lebendigkeit vor uu«. Aehnltch wie da« D’ömn 3K, jene« ergreifende Gebet für ») ist »»HI rin hebräische» Gart mit spanisch granunat. Büdnog, welche« »Religioe «Übertreter" tedentet. *) Da» Kol-Nidre mag ja wohl zu jener ralnmdstell« (Trakt. Nednrim 98.) in Bezichang stehen, wo »an der AnßAsmw der Gelllbd« am «üsttage de» Renjahrsfestr» die »kede ist. Aber daß di« Cacnwiktt de» Kol-Nidr» »um Beginn de« 10. rialwi, daß die Formel mU ihrer s» rächst lhaften Melodie, dag dies« liest Bewegnng Sn Gemeind« mit jener Vorschrift identisch sein fall — »n» wird »oh! Niemand i» ltrnst behaupten wollen. die mittelalterliche« Märtyrer Israel«, da« ja gleich der alte« Kol-Nidre-Formel vor de« Lichte der Neuzeit allmählich wie die Schatten der Nacht fliehe» und andern hnmauere» Formrl« Platz machen mußte. I« Deutschland und ander» civllifirirn Staaten, mag ja hierfür manche Berechtigung vorliegen, aber in Rußland und Polen! Da kamen die Tage von valta, von Kiew und Nlzntz» Nowgorod, wo die Mordsceoen des Mittelalter« »ieder aufgeführt wurden, und das Gebet »Vater der Barmherzigkeit" wurde daselbst wiederum in den Synagogen in wildem Schmerze, mit schauriger Inbrunst gebetet. Und auch die ehemalige Kol-Niclrv-Formel scheint in Rußland wieder ihre frühere Bedeutung zu erlangen. Wir haben heut« wieder Tausende von Auussim oder Marranen, heimliche Judenchristen, welche besonders am Jom-Kippar fich wieder in die Synagogen drängen. (Schluß folgt.) Die Wafferprobe. In der düster« Stube sitzt der Rabbi Einsam grübelnd über alten Büchern. Riesig grobe Aolianten Liegen ausgespetchert aus de« Tische. Düster hat die Stirne er gefaltet, wiederholt den Satz, und sinnt und grübelt, Brummt ihn drei und viermal in den Bart hin wohl er muh geheimen Sinn verbergen. Doch er muß vergeblich sich bemühen, Denn die Stelle bleibt chm unerklärlich Und er kann die Deu'ung nimmer finden. Lrrgerlich eihrbt er fich vom Eitze; .wer mag wieder mich zur Unzeit stören?" Sieh', da öffnet schüchtern sich die Ttzüre Und ein alle» weiblein kommt getrippelt, Reigt sich, wll dir Hand de« Rabbi käffen. Aber er mit freundliche« Scklihic wehrt ihr, heißt auf jenen Stuhl sie setzen, welcher für die «äste hier bestimmt ist. Nicht» ist mehr von dem Berdrub zu merken, Den dir Siö ui>g eben ihm verursacht. Ein« Arme ist e» ja und freundlich Muß man eben Aermerrn begegnen. »Wut« Frau, wa« habt ihr mir zu sagen? Sinne w>ll ich, kann ich«, nur euch helfen." Und die Alte sängt nun an zu reden Ihr« Sorte stießen «I« der Mühlbach, wenn er sich aus» hohe Mühlrad stürzet Und e« surret ihr« stinke 8»»»«, wie da» Spinnrad unterm Fuß der Jungstau, Venn den eig'nen Hochzeiwgarn st« spinnet, wie die Rähmaichiie, wem, zum Balle Abend» noch da» Kleid muß fertig werden. Und er hört geduldig bl« zu Ende, Sagt dann steundlch lächelnd zu dem Welt«: »Alle» Hab« zwar ich nicht verstanden, wa» ihr in der Elle da gesprochen. Aber so viel Hab« ich enwommen, Daß euch Unr-chi zugesäat ist woiden Durch den übe> mütigen Bäckerjungen. Aus der Stell' will ich ihn holen lasten Und er soll euch alle» wiedergeben, wa» er au» der Schüff-l «uh genommen. Wartet da, ich komm« gleich zurücke!" Uud er gi-g hinan» »um alten Diener Sagt ihm: .Rufet alsogleich den Jungen. Der da« Br ob de« Bäcker» Nathan auäträgt, Mst den Broden und all dem Geld« Seiner Losung soll er gleich mir kommen." Jener eilte, dieser ging zurück Zu dem weide «st der stinken Zunge: »Also mit gebrat'nen selten Gänsen Zum Berkause, habt ihr dageftssen tzll» der freche Jung« au» der Schüssel, wo auch Gänse-Biertel drei noch lagen, Neunzehn gu:e Groschen «mH heranSstahl? wie Ich glaub', ist da» der kurze Inhalt Enrrr klugen aber schnellen »lede. «der ha» ich mich vieleicht getrret? ..Nein, o Rabbiihr habt «cht verstanden."' Und sie wellt« schon der Last »n sprechen, — Dieser Freud« aller alten Weiber, Denn bi» stmgen, »ich nun, Mt find schweigsam - Dieser hohen Last sie wollte stöhne»,

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