Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 40 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492351-8722856-5956672--1225-5373587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
beftir unten Kunst. Der echte Künstler ist »ir der, der Schönheit und Wahrheit zu verbinde» »ersteht; er sollte our »erev>igrn wa« in sich die Bedingungen dazu trägt. Weder Malirei noch Plastik haben r» gescheut, Jesu in fest«» Folterqualen am Kreuz« darzustelleu. Alle« »at ich hier grsrh:u, scheint mir diese» Schmerz nicht »erklärend und er» haben genug darzustelleu. Der Kreuzestod a» und für sich hat «ine zu sinnlich widrige Natur. Dieser Tod an de« Holz', woran Schmidt und Zimmermann mit ihrem rohen Haut Werkzeuge hämmern, er ist so kalt und berechnend zum langsamen Tobten. Die gebrochue Kraft de« Gekreuzigteo wird zu sichtbar in den gespannten Muskeln, dem wunden Leibe, dem fließenden Blute. In dem gefolterten Jesu wird da« Mitleid de« Beschauer« erregt, rin Mitleid da« zum Him nel schreit. Jesu verzeiht e« seinen Quälern, mit deu War en „verzeihe ihnen, fie wiffen nicht wa» sie thuu". So sprickt nur Einer, der erhaben genug denkt, fein Leben für da« Wohl seiner Mitmenschen und seiue Ueberzeuguog zu «psera; aber die Maffe de» rohen Vorurtheil«, de« Eigen» nutze t, der gemeinen Gesinnung, reizt e« zu Wuth und Rach«. Ist die« von manchem Kirchenfürsten zu Zwecken der Kirche für »öchig erachtet worden» die Kunst sollte e« verwerfe», durch ihre Mittel jenem Zwecke zu dienen. Selbstzweck ist wer onst Wenigem im Leben, der Kunst nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten." „Da« Leben diese» Märtyrer« bietet dem Künstler genug Stoff, ihn in wahrhaft ergreifenden, erhabenen Momenten darzustellen. Die Gemälde wo er heilend, belehrend, segnend die Menschen um sich versammelt, ein Mrnschenfteund unter hilfesuchenden Mitgeschöpfcn, dort erweckt er sicher edlere Borsätze und Anschauungen, als in jenen Schreckbildern. Dort lehrt er Versöhnung. in diesen Verhöhnung. Und so wirkt e« seit achtzehn Jahrhunderten auf da« Geschick der Juden." „Du hättest hören sollen, wie eigenthümlich mich heute einer meiner Borgesetzteu lobte. Er spendete «ir sein Lob da«;r mir nicht versagen konnte, darf ich Dir gestehen, — wie »er Geizhals seine Dukaten »»»»«gabt: Beide können ihre Gaben nicht ungeschmälert spenden." „Mein Lieb! Ich gebiete meinen Gefühlen für Dich keine Einschränkung, ich vermag e« auch nicht; aber mein« Lebeu»«ege richte ich danach ein, Deiner werch zu sein. — Ich lerne für diese Beherrschnu, «einer Leidenschaften, da« gelingt wir oft unter Anrufung Deine« Namen«, Esther!" — „Lady Ellen, Josef« Frau, ist sehr musikalisch. Sie lieft mit mir iwdeuteude Serke über Musik und Lomponisten, fie weckt mein Berstäuduiß dafür, zuweilen freut fie sich in chrer lieb«, Weise daran, daß ich mir selbst eia Uriheil bllde. Joses ging neulich mit wir zu der „Schöpfung von Haydn", Fr«, Ellen konnte uns nicht begleiten. Lie«, liebe Esther, die üebeusbeschreibung diese« herrlichen Svmponisten im Kon» »erst tionSlexikou, daun wirst Du ersahreu welch 'gottbegnadeter Mmm er war. In seinem 85 Jahr« kvmponirte er da» obig: Werk, mau nennt e« „Oratori««". — »Frau Ellen sprach ueulich über den berühmten Com» pon'fleu Beethoven, der sagte: »Die Offenbarung werde uns Mersch«« nur durch di« Musik kommen." ,Hch empfand «», liebe Esther, bei dieser großartigen Aufführung. Wie dt« Reize jede« Schöpsungstage« tu musikalischen, reizenden Bildern ertönen, da war «ir, als fiele» alle kleinliche« Sorge» von mir ad; ich sah im Geiste die Wunder der Natur, ich fühlte «ich befreit von jede, fesselnden Form, kurz ich fühlte mich erhaben als fühl, »der Mensch, der zu ahnen vermag, wie Gotte« Offenbarung dem Künstler Gedanken und Schaffenskraft geweckt. — Wie da« Ehao« in tobenden, dumpfen Tönen fich all» «äh ich zu sanften Uebergäageu als Zeichen der fich ordnend« Natur bilden, mild und lieblich; erhaben als der Mensch erscheint, da« Ebenblld Gotte«. Da wird die Mufik die bisher wie Geisterstimme uns «»fing, dir Sprache die der Menschenuatur verständlich, fie spricht zu unser« erzen, unser« Geiste von Unschuld und reinste« Glücke. —- auz rein menschlich ist Alle« gehaUeu; da ist keine jüdische, keine christliche oder sonst namhafte Kirchenmusik, fie ist ber Odem der reinsten Menschenuatur. Welcher Fridde schwebt «m und über dem ersten Meuschenpaare, welche Töne erquicken unsre Seele. — Wo Verirrung und Leid beginnt, hören wir nicht. — Weise und schön ist .Haydn'« Schöpfung", sie ist beendet, ehe die Sünde erschien. — Wärst Du Reine, neben mir! — ,,E« kommt im Leben nicht darauf an, Recht zu behalten, sondern da« Recht gerecht zu übe». — Wie kau» mau befriedigt sein. Recht zu behalten; wa» ist gewonnen und bewiesen, wenn nur gestritten wird, um seine Meiunug zu behaupten, und nicht darum, seine Begriffe und Ueberzeuguugea gleichsam in deu Kampf zu führen, um zur Wahrheit zu gelangen. Thut mau e« nicht au« diesem Grunde, daun ist man ein streitsüchttger Narr, und sei man noch so geistreich und gelehrt. Wie bald ist dem au Geist «nd Erfahrung Ueberlegeuen der Sieg möglich dem Wenigerbegabten und'Weaigerunterrichteten gegenüber, wo doch oft da« Recht auf deffe» Seite ist. Der ehrliche Mensch müßt« bet solchem Siege «rrötheud bekennen, daß solcher Sieg einer Niederlage gleichkomme. — Die« fiel mir ein, als et» Missionär mit Dogmen «eine eiufache gesunde Vernunft so in die Enge trieb, daß mir der Kopf schwirrte, kpärst Du dabei grwesm, Esther, Du hättest mir Beistand sein können." Flüchtig hatte Esther im Tagebuch« gelesen, nur Wenige« von dem ihr beinahe Fremdartigen aufgefaßt» wa« Arno tu der Zeit seine» neuen Bildungsgänge« in sich ausgenommen. Aber sie verstand, wa« e« heißt, wenn man im Geiste de« Entfernten jeden Gedanken «ittheilt, drr uu» selbst bewegt. Sie hatte die beglückende Urberzrugung gewonnen, treu geliebt zu sein und ihm al« Leben«gefährttu in Leid und Freud zu bewrisen, daß ihr Leben ihm gehöre. — Ihr war, al« tauche fie unter in ftischer Quelle, au« der fie neugeboren emporstieg. Gerson theilte Arno mit, daß jene« kleine Kapital, welche« Frau v. Wiuiawska bei ihrem Banquier für Esther festgestellt, verloren sei, derselbe sei durch unglücklich« Spekulationen ruiuirt. „Esther soll e« nicht ersahreu, fie scheint überhaupt nicht mehr daran gedacht zu haben, die Aufregung jener Zeit hat e« verwischt." „Mit Gotte« Hllfe «erde ich Alle« zu ersetzen suchen, wa« Esther dort verloren", dachte Arno fich seine« unerschöpflichen Schatze« bewußt, den er im Herzen für die Geliebte bewahrte. — Dr. Remdrand, den seine Praxi« abgrhaltr», früher zu kommen, begrüßte die Glücklichen; die Doktorin war noch vor Schlafengehen am Tage von Arno'« Ankunft, ans ein heimliche« Plauderstündchen bei Esther gewesen» sie wußte schon wir überraschend fich Alle« entwickelt hatte. „Soeben komme ich von Saruowiee", sagte der Doftor. Endlich ist da« Krankenhaus zur Aufnahme emgerichtet, eine Marmortafel trägt deffen Na«e: „Waudastiftnug", wie e« die gute Gräfin in ihre« Testamente bestimmte. — Ich bi» überrascht, welche« große Grundkapital zur Verwendung ber Stiftung uiedergelegt ist, auch «ein Gehalt übersteigt «eine höchsten Erwartungen. Sie blieb fich treu in alle» Lagen de« Leben«, die vielgeprüfte Frau." „©ir Alle habm an diese« Hanse Unersitzliche« verloren^, sagt« Gerson tiefbewegt. Frau Heimauu war eben vom Land« zurückgekehrt, wa sie von ihre» Töchter» verfertigte Tüllkopka'«, der schönste Kopfschmuck der polnische» Bäuerin, verkauft hatte. Trotzde« der Bruder reichlich für fie wie für die Mutter sorgt^