Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 40 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 4«. Jüdisch«, 188». utilifi-#/#// * Hrraudgegeb«, Mn Dr. M. Aatzwer in Magdeburg. -^N^-Jur DÄrrtältml-1. Keietzr«»ß fit lir isrseliWe Jamiltr. Juhatt: Her^nladel. Lin« kujmoifch« Er^ihlnng au» dem Anfang« unsere» Jahrhundert«. Aon Johanna. — Ephraim Spiro. Novelle von JdoHofmann. — NLchselavsgaten und NKlhsklllsungrn. (Undesu,ter Nachdruck an« diesem «latte unters»,t.) Herze»»avel. Eta« kujawisib« »rjühtur, an« dem Anfang« unirre« Jahrhundert» Von Johanna. U] - 21. Kapitel. ' Zwei Jahre waren hingegangrn. Arno'« Stellung hatte th« ehrende Anerkennung und erweiterten Wiikongtkreis geschaffen Dennoch las man zwischen den Zeile« in allen seine« Briefe», die er meist für Alle gemeinsam schrieb, de» Ausdruck eines unbefriedigten Daseins, dem er keinen Blamen gab. Esther empfand ahnend den Sinn jener Andeutungen. Suchte fie doch selbst in sich nach der Ursache, warum sie nicht zum ruhige« Genuß des Lebens kam, sie empfand eine große Lücke in demselben. Manche wache Stunde in der Nacht fand sie in Kampf und Thräneo. »Es ist ein« Einsamkeit in mir", schrieb fie nach langem Schweigen, .die ich nicht länger ertrage. Nur in Deiner Nähe werde ich Ruhe finden, der Du die Ruhe und der Friede bist." Wüßtest Du, wie ich mich sehne, durch Deine Frenndeshaud geleitet und geschützt zu werden." Dos war das Ende eines Briefes, der fich nach schwerem Herzeoskawpfe in unglaublichen Windungen und Wendungen, zur bewußten Klarheit ihres Zustandes entwickelte. Der Brief war unterwegs, fie berechoete die Stunde feiner Ankunft und di« Wirkung auf Arno. Eine große Zaghaftigkeit kam über fie, ob fie richtig gehandelt. So saß sie de» andern Tag in früher Morgenstunde, Arno's so oft gelesene Briefe vor fich. Sie hatte da« Post, hör» der ankommeodea Post gehört, fie gedachte seiner Abreise und wie uaersätzlich er ihr geworden. ,^.E«. klopft« qp die,Thür. Esther öffnete. Sie lag in Arno's Arme«. — Weltvergessen, standen Beide keiner Bewegung mächtig, fie barg das bleiche Antlitz an seiner Brust. So fanden fie dir Eltern und Frau Balentiu, dir eben Esther zu ihre» Beistand im Geschäfte holen wollte. Wie Träumende stand die ganze Gruppe, bis fich Alle« löste in Umarmungen, Lache«, Weinen. Die überwältigende Stimmung »ich endlich der freudigen Gewißheit, daß sich die sehnlichen Wünsche so vieler Jahre glücklich gelöst. Als endlich Frage »nd Antwort möglich war, drängte Sara zum gedeckte« Frühstückstische, schließlich bedurfte man deffeu dennoch wie a»dere Sterbliche. Als die Glückliches allein waren, fragte Esther, ab er ihre» letzten Brief erhalten; fie vergaß, daß die« nicht möglich sei, da er gestern abgesandt war, also erst in rinigcu Tagen in London ankommea konnte. »Ich kam, wrU ich es nicht länger zu ertrage» ver« »eochte, von Dir getrennt zu sein, mein treue«, liebes Herz." »Dana hat der g»te Geist unsrer Lieb« Dir zuarflüstert, wie es hier steht," sagte Esther errltheud, »mein Brief ist «i, Hilferuf an Dich!" . Arno hatte seine Ferienzeit benutzt, sich über seine Zukunft Gewißheit zu verschaffen, er hatte die lieblichste gewonnen. Josef hatte sein liebe« Weib heimgeführt. In der Fülle seines Glücke« war ihm die zunehmende Verstimmung seines Freunde«, deffeu vertrauter er geworden, nicht entgangen. Mooatrlaaz hatte dieser den Wunsch zur Reise mit sich her« umgrtragen, endlich brachte ihn Josef zum Entschluß, da« Sehnen nach der Geliebten zu stillen. Auf der Ruhebank unter dem Birnbäume sehen wir eines Tage« zwei Menschenkinder ein Buch vor sich. Das mochten keine Blätter sein wie andere, wenn man nach der Wirkung urtheilrn darf, welche sie auf die Lesenden hervorbrachte. Sie saßen Arm in Arm, dem Munde entschlüpf e kein Laut, aber die Lippen de« Mädchens bebten; bald schwebte in den Mundwinkeln ein wonnige« Lächeln, bald senkten fie fich ernst «nd schmerzbewegt. Arno, ganz versunken in diese holden Ehiffern der Empfindung Esther«, deren Bedeutung ihn besceligten, sagte endlich: »Es soll schmeichelhaft seiq, wenn man den Künstler über sein Werk vergißt; bin ich doch kein solcher, mein Lieb, aber D« scheinst mich über die« Werklein zu vrrgrffen. Sieh mich an, sprich zu mir." Esther blickte ihn an mit einem Ausdrucke, der ein süßer Lohn war; fie wollte sprechen, er aber küßte ihr da« Wort von den Lippen. »Alle«, Alle« hast Du mit mir grtheilt, wa« Du Schöne« gesehen und gehört. Immer sprichst Du zu Esther in Deinem Tagebuche. Du theilft mir mit, wa« Dich dewegt. Du fragst um meine Meinung, Alle« bezieht sich auf mich. Du Guter, wie soll ich r« Dir lohnen! »Du bist mein, geliebte« Mädchen, wie reich bin ich belohnt." Gerson rief Arno, Esther blieb allein. Sie blätterte in oem kleinen Hrftt, die Seitenzahl trug da« Dalum jedes Tage«, seitdem Arno in geregelter Thätigkeit lebte. Sie la«: »Heute war ich in einer Gemäldeausstellung. Esther wärest Du bei mir. Deine Freude an den herrlichen Kunstwerken zu sehen; die Wirkung zu beobachten, die sie auf Dein »ubestochenrs, empfängliche« Gemüth bervorbrächten und Dein einfache« Unheil zu hören, das wie mein nicht ausgrbildete« nur nach dem Eindrücke urthrile« könnte; ob wir da übereivstimmiea? Der gemarterte Jesu ist in un« «m Ausstellungen von großen Meistern dargestellt, meist lut und klaffenden Wnndeu." — Esther« Mund verzog fich voll Mitleid, fie las weiter. — „Dir Kunst meine ich, sollte fich nie hergebeu, die Ber» nat des Geistes «nb Leibes darzustellen, mich wideN es; Form an. Di« Konflikte des Lebens iu Schrift «ndBilb bis zur Kanikatur oder zu« Entsetzen hinaufzuschranben, scheint mir das Grab der nur zur Veredlung der menschliche» Natur