Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 37 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sicht da« z» erlangen strebst, wozu Du berechtigt bist. Li« j« de» Stnfru de« Throne« könntest Du Vordringen, deuu e« dürste Dir wahrlich uicht schwer falle«, e« zu einem Miuifterposte« zu dringen." Sender ging auf die Sache nicht näher eia, aber die Worte de« Freunde« waren keinr«weg« auf unfruchtbare» Loden gefallen. Minister! Da« Wort ließ ihn nicht mehr lo«, ließ ihn uicht mehr ruhen. Tag und Nacht drängte e« sich ihm au', nud alle» andere zurück, wa« für ihn sonst Werth und Bedeutung gehabt hatte. Die glänzende Rolle, die er in dem klein,n Stäbchen Haibing gespielt und die ihm genügt hatte, gewann ihm jetzt nur »och rin mitleidige« Lächeln ad. ebenso wie der Bedanke, tu welchem früher seine kühnsten Wünsche gipfelten. Wa« galt ihm heute eine hervorragende und angesehene Stellung in seiner Blaubeuggenossenschaft, wa« galt ihm die ganze Brnossenschaft, ja» wa« war ihm der Glaub.- selbst, jetzt, wo e» sich um höhere, größere Ziele handelte, Ziele, von denen er sich niewal« hatte träumen lasten, die ihm nun winkten, die ihm lockten, grüßten. Minister! Wo er ging und stand, sah er e« vor sich, da« Wort» leuchtete e« ihm entgegen in Flammeoschrift. Minister! Minister de« Lande«, unumschränkte Gewalt übend, alle fich vor ihm beugend, ihm schmeichelnd, ihn fürchtend. Der Bedanke hu-le etwa« Berückende«, Berauschende« für Daniel Sender. Rach Verlauf von einigen Wichen nahm Sender da« Gespräch mit seinem Freunde wieder auf und begann: „®u hast mir kürzlich. Du erinnerst Dich noch, es war auf dem Heimweg vom Diner de« Herrn von T. von »eiuer Zukunft gesprochen. Ich habe die Sache ernstlich in Erwägung gezogen, wenn e« auch Dir Ernst war-" .Wir find doch keine Knaben, denke ich", erwiderte der Theologe, .und Männer scherzen nicht, wenn der Ernst de« Leben« in« Spiel kommt." .Und Du glaubst-" .Glauben?" schnitt ihm der Freund da« Wort ab. .Ein jeder glaubt, «a« er will und kann, die Hauptsache ist. wa« die Leute von Dir glauben. Ueberlege Dir die Sache. Ich habe Berbindungeu, kenne Personen von großem Einfluß, welche geneigt sein dürftet. Deinen Talenten und Fähigkeiten dir weiteste Bahn zu eröffnen." Am nächsten Tage reiste Sender mit seinem Freunde nach Mainz, und wurde dort dessen, Onkel, dem Domkapitular vorgepellt. Dtr hochwürdige Herr empfing deu Freund de« Reffe» mit aller Huld, lud ihn ein, öfter wiederzukommen, »ul» stellte ihn beim zweite» Besuche dem Regieruugspräfidenteu vor, dessen Letter der allmächtige Minister de« Großherzvg» thum« war. Die gläuzenden Aussichten, dir sich dem jungen Streber eröffnrteu, erfüllten fein Herz mit stolzen Hoffnungen und er kvnutr kaum die Stunde erwarte», die ihm vergönnte, der theuren Braut, die Freudenbotschaft zu driugeu. Er bezweifelte keinen Augenblick, daß diese Recha uicht minder beglücke» werde al« ihn selbst, denn trotzdem Sender über «i» beträchtliche« Maß von Einsicht «ud Wtffen verfügte, war chm dtr Erkenutniß für eine idealere Aoffaffong de« Lebe»« völlig verschloffeu. Seine Ideale hieße»: Ruhm «ud Erfolg, aste« andere war nur Mittel, um diesen heiligen Zwecke» zu diene». Am erste» Tage vermied e« Recha, mit ihre« Ber lobte» allein zu sein; sie bedurfte einiger Zeit, um deu Mut »ud da« tuuere Gleichgewicht zu finde», chm unter vier Auge» gegeuübertreteu zu Konen. Al« Sender am nächsten vormittag tu da« Wohngemach trat, fand er seine Braut allein. Recha vffuett da« elegante Etui, da« er ihr bot» und t» flimmerte uud glitzerte ihr et» Diamautrugefuukel eutgrge», daß sie ganz verwuudert zu dem sie gespaunt betrachtende» Sender aufschaute. .Run, met» süße» Bräutche». wie findest Du da« Grfchmeide, t«be ich Deine» Geschmack getroffen?" .Gegen de» Geschmack läßt fich sohl nicht« ein wenden", weinte Recha, .aber der Schmuck ist zu reich, zu glanzvoll für mich." .Rein, mein Kind, da« ist nicht der Fall. Du wirst in die Kreise kommen, wohin Glanz und Luxus gehvrm. Und wahrlich, Du wirst auch an Deinem Platze sein. Du wirst bewundert uud ich werde beneidet werden. Du blickst ungläubig zu mir auf, Recha, jetzt — aber später werden Deine Blicke mir i» Dankbarkeit uud Entzücken entgegenleuchten." .Ich verstehe nicht." .So laß mich Dir erklären," sagte Sender, .ihre Hand ergreifend, die fie ihm sachte wieder entzog. .Ich habe in Heidelberg meine Zeit auf« Beste angewandt, da ich nicht nur eifrig studirt, sondern auch hohe Berbindungeu angeknüpft habe, die mir, nach erfolgtem Uebertritt, eine schöne Zukunft eröffnen werden. Du schweigst, Recha, Du füllst mir nicht in die Arme vor Entzücken? O, Kind, das beweist Deine Unkenntniß de« Leben», aber — Du wirst zur Einficht kommen, wenn Du — Frau Minister bist, wenn Du auf alle die, die fich jetzt einbilden, unsere« Gleichen zu sein, hoch herabschauen kannst, vertraue Dich nur mir an, Du sollst e« nicht zu bereuen haben, Du wirst dereinst mit Stolz auf die Stellung blicken, die ich Dir geschaffen, sowie ich heute mit Stolz auf Deine Gihönheir blicke, welche mein junge« Weibchen in den Salon« der Vornehmen zum Mittelpunkte machen wird." Recha war anfang« ganz verstött, nach und nach aber kam ihr alle«, wa» fie vernahm, deutlich zum Bewußtsein, ihre Augen belebten fich, ihre Wangen glühten, fie hing mit spannender Erregung an den Worte» de« Verlobten. Dieser, freudig berührt von der guten Wirkung seiner Rede, wollte seine Braut zärtlich an fich ziehen, Recha aber stieß ihn unsanft zurück und eilte hinaus. Auf ihrem Zimmer aogelangt. warf fie fich in einen Seffel uud Thräneo der Dankbarkeit entströmten ihren Augen, während fich ihren Lippen nur da« eine Wort: «frei! frei!" zu entringen vermochte. Ihre Seele jubelte l Da«, wa« fie nimmer zu hoffen gewagt, hatte sich erfüllt, fie war ftei, er selbst hatte de» Bruch herbeigeführt, er hatte da« trennende Wort gesprochen, denn niemals würde-der Vater eiuwtlligru, daß die Tochter deu Blanden ihrer Väter »erlaffe, oder auch nur einem Andersgläubigen augehvre. Recha ließ Herr» Benjamin zu fich bitten und machte ihn in fliegenden Worte» mit Herrn S«»der« Vorhaben bekannt. Der alte Mann war wie versteinert. Die Nachricht wirtte so niederschmetternd auf ihn, daß die Tochter bereute, fie ihm so ohne Bordereitoog mttgetheilt zu haben, und nur die wiederholten Berficheruageu Recha'«, daß sie diese Lösung als rin Glück, als eine himmlisch« Fügung betrachte, vermochten deu bestürzten, in seine» vertrauen auf Srnder so bitter getäuschten Mau» einigermaßen zu beruhige« Recha schrieb sofort und theilte Herr» Sender mit, daß fie die Verbindung mit ihm als gelbst detrachte. Da« wirtte auf deu jungen Mann wie ein Blitzschlag au« hetterm Himmel «ud brachtt nicht nur seiner Eitelkett. sondern auch seinem Herzen eine tiefe Wunde bei, deuu er hatte Recha geliebt. Jeder liebt in seiner Weise, und die Weise eine« jeden ist eine andere. Selbstische Naturen, heiße Herze», leidenschafttich« Gemüther, fionliche Menschen, phlegmatisch« Temperamente, kühle Köpfe, eia jeder muß früher oder später de» 8iebe«goU seinen Tribut darbringeu uud eiu jeder thnt tt in seiner Art, sucht auf besonder« Wege zum Zttl« ,« gelange», da« für alle da« gleich« ist: Der Befitz de« gelttbtr» Wesen«. Zähuekuirjcheud, Wuth uud Verzweiflung im Herze», verließ Sender da« Hau«, wo ihm die Demüthiguu, geworden, di« er nimmer verwinden zu könne» glaubte und er murmelte: .O, ihr werdet bereue», wen» ich dereinst — Minister bin!"