Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 35 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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18V Sphr«i« Gpiro. S] KoMUt von Iva Hoswann. (Forlsetznag.) Der Irzt empfahl Herr« Beujami» zur ftrttftignng seiner Gesundheit eine Badekur, Recha traf die «othwendigen Reisevorbereitunge«, und in de» erste« Lage« de« August reisten Bater und Tochter ab. Rach einer zehnstündigen Eiseubahnfahrt, erreichten fie Mainz nad begaben sich von da auf da« Dawpfboat, um sich an dem entzückenden Anblick der grünen Rheinnf«, die fie »och nie gesehen, z« erfreue». Recha, ganz verloren und versunken in die« einzige Naturschauspiel. in diese wunderbaren Scenerie», die immer wechselnd und fich erneuernd vor ihr ouftaochten, fühlte sich — war e« die LoreleyP — wie mit Zauberdaaden umstrickt, ' fast berauscht voa de« überwältgendeu Einfluß, den Porste in jeder Gestalt auf den fühlenden und denkende» Menschen übt, ihn läuternd und erhebend, gleich wie da« Gebet den Glilnbtgeu. „D. Du gesegnete« Rheinland, Ihr herrlichen Berge, Du stolzer Strom wie seid Ihr schön l" sprach da« Mädchen und ließ seine trunkenen Blicke weit über die wie in Märchen» pracht im hellsten Sonnenlicht erstrahlende Landschaft schweifen, al« wolle e« all' die Reize, die, ach, so schnell entschwanden, in fich auf» und mit sich fortnehmen. Ein vorüber fahrende« Dampfboot feffelte Recha'« Aufmerksamkeit und e« war nicht ihre Schuld, daß da« kleine Fahrzeug die Erinnerung an Ephraim weckte. Seit ihrer Brautzeit hatte sie e« auf« Strengste vermieden, in ihren Briefen an Paula seiner zu erwähnen, aber wenn fie sich auch nicht gestattete freiwillig an ihn zu denken, so konnte sie e« doch nicht verhindern, daß etne besondere Veranlaflung ihr sei» Bild vor di« Seele zauderte. .Wer weiß, er ist am Ende gar nach eine« einsamen Eiland »erschlagen worden l Sein Wörtchen l Schreiben hätie er doch sollten i" also sprach e« in ihre« unruhig pochenden Herzen und fie suchte eilig den Bater auf, um fich selbst uud ihren trüben Gedanke» zu entfliehen. »m späten Nachmittag erreichten unsere Reiseudeu ihren Bestimmung«ort. Sch., ein Lllsusbad, in welche« sich vorwiegend Personen au« der großen Welt zorückzieheu, um hier nach einer aufregeuden »nd aufreibenden Wiutercampague Ruhe uud Erholung zu suchen, ist ein stiller Ort, der nicht nur eine kräftigende Luft, sondern auch den Borzug endloser, schatligkühler Laubgäuge besitzt, wie fie in so seltener Pracht uur die üppigste Natur im verein mit kundiger Mrnscheuhaud zu schaffen uud vermag. Die eugverschlungenen Zweige weckte» die erhabene Borstellung gothischer Kircheuhallen, uud wie durch gemalte Frufterscheibeu da« güldene Sonnenlicht bricht, so stahlen fich die glänzenden Sttahleu der Sonne durch da« grüne Laubgewinde. Alle« athmete tiefe, feierliche Ruhe, uud verlorene» Melodien gleich Naugen uur jeweilig . gedämpfte Löne wie au« einer ferne», versunkenen Welt herein in die« grüne Heiligthum. Auf jeden der offenen Auge« uud warmen Herzen« in die Welt blickt, wirft e« wohllhurnd, di« Menschen in sorglosen 8ebeu»verhältuiffen, dem Anscheine nach glücklich zu sehe», wie e« h er der Fall war, wo man weder Sieche »och wirklich Lrideud« «Nickte und wo t* weder Roth noch Armut zu geben schien, wenn man nicht anaahm, daß diese dem A«ge der Fremde» geschickt entzogen od« »«borgen ««de. Recha »«lebt« in d« neuen Umgebung die angenehmste» Ständen; wenn fie jedoch in der Morgenfrühe allein lustwandelnd einen Blick in ihre Seele that, so drängte fich ihr stet« d« schmerzliche Gedanke auf: Ich bin zufrieden mit mir «nd den andern — ab« glücklich, nein, gllicklich bin ich nicht. Sie glich dem von d« Schlacht hetmkehreude» Krieg«, welch« in blutigem Kampfe seinen besten Freund üb«wuadeu und fich de« Siege« nicht freue» kann, weil « ihn mit dem -o. eigenen Herzblute bezahlen mußte. Wie immer verklirie ihr« Züge holdselige Frenndlichkeit, doch e« konnte de« Eingeweihte» nicht entgehen, daß diese mit den feinst« Lienien von Wehmuth schatttrt war. Au einem drückend heiße» Nachmittage saß Recha mit ihre« Bat« auf d« kühle» Schloßt«raff« «nd nah«, wie gewöhnlich, inmitten d« ander» Kurgäste au einem kleinen Tischchen den Kaff« ein. Da sah fie auf d« Landstraße unter sichtlicher Anstrengung rin arme« Weib daherkeucheu, welche« ein and«thalbjährige« Kind in einem Kiffen auf dem Rücken schleppte, während es auf dem Arme einen Säugling trug, d« kaum einige Wochen zählen mochte. Neben d« Frau schritt ein Arbeit«, ihr Manu, deffeu hohle Wangen und deffen stier« Blick eine traurige Geschichte von Noth und Elend erzälten; er drückte eine» Neiae» Schubkane», auf welchem fich zwei Schleifsteine und die dazu gehörigen armseligen Haadw«ksg«äthe befanden. D« Säugling begann zu wimmern, d« Vater befreite di« Mutter von der Last de« älteren Sprößliug«, uud diese kauerte fich hinter einem Baum auf die Erde nieder, um da« Kind zu stillen. Wem blutete nicht da« Herz im vollbewußlsein de« eigenen Ueberfluffe« angeficht« de« stummen und doch so beredten Bilde« der bittersten Armut I Wie auf v«abredung griff rin jeder der Kurgäste nach der Börse, eine mehr oder weniger reiche Gabe auf einen Teller legen. »Kellner", rief dft befehlende Stimme einer hochmüthigeu, hochgeborenen Rusfiu, .bringen Sie da« Geld jener Bettlerfamilie." .vergebung, gnädige Frau", mischte fich die der Dame zunächst fitzende Recha ein, .erlauben Sie gütigft mir, diesen Gang zu thun." Sie t.og dem Kellner auf, fie. mit Wein, Fleisch uud Brot versehen, zu den arme« Leuten zu begleiten, überwies denselben unter warmen herzlichen Worten da« reiche Almosen uud ermunterte fie, die da« Elend stampf gemacht hatte, fich zu laben und zu «quicken. Im Begriffe, wieder zu ihrem Vater zurückzukehreu, wurde Recha von eine« jungen Mädchen angeredet, welche« ihr am Arme eine« schlichte» Manne« entgegenkam: .verzeihen fie einer Fremden, die den Wunsch hegt. Ihnen nicht ganz fremd zu bleiben, wenn fie fich gedrängt fühlt, Ihnen zu danken für da» liebevolle Mttleid, welche« Sie rill« Umgebung trotzend, so mulhvol berhätigt haben. Auch ich empfand gleich Ihnen, daß den Armen Nahrung uud Zuspruch nicht minder uölhig sei al« Geld, aber ich war zu blöde, um selbstständig zu handeln. Nehmen Sie meiuen warmen Dank, daß Sie e« in meinem Si?ne gethan." Die Fremde reichte Recha die Hand, und beide Damen ergingen fich noch einige Zeit lustwandelnd, in lebhafte Uuttrhaltuug begriffen, au welcher fich anch der schlichte Begleit« bethciligte: ,E« gibt Menschen", meinte «, „die fich eiubilde», wenn fie Geld geben, so hätten fie alle« gethan, wa« zu lhuu geboten ist, ohne zu bedenkeu, daß der Arme «ft geistig uud filtlich arm, oft ««zweifelt und v«wahrloft ist. Jene .glückgehärteteü" Menschen aber »«schmähen e«, da« Elend aufzusuchrn, uud sage» in ihr« Selbstsucht: .Warum un« zur Trau« stimmen, warum un« an die Nachtseiten de« Leben« halten?" Diese Reichen — in meinen Augen find fie arm, arm an Gemüth und sittlich« Bildung." Nach v«la»f einer Stunde, di« uur zu schnell entschwand, v«adschied«te »an fich, und die Fremde sagte zu Recha: ,B«z»ihen Sie, daß ich «ich nicht gleich genannt, d« ernste Umstand ab«, der un« zusammenführte, ließ mich, die ich fern von d« Welt lebe, diese konventionelle Pflicht vergesse». Ich heiße Franziska Slaubkscheu. Hi« — mein Val«." Recha war sichtlich bttroffen. Sie zuckte zusammen uud «widerte mit aller Faffuug, die fie auszudieten »«mochte: .Mein Name ist Recha Benjamin." Beide Mädchen sahen fich in die Augen, «nd wenn fich anch ihren Lippen kein Laut zu entringe» vei mochte, so »«stand doch eine jede da« Aufleuchten de« Blicke« der anderen zu