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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 34 (1889) · p. Seite 132

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
34 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 132 (sequence 2)
Language
German
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— 182 — St kamen Tage der Ermattung bei de« Kranke»; dann sprack, er nur das Nothweudigfte; Esther verstand bester als die Andern wtt anfwerkender Fürsorge seine kleinen Wünsch« z» errathev. Daun enoachte wieder jenes erhabene Denke«, wo seine Worte wie die eines Propheten klänge«. — So sprach er eines Tagewie eine Fortsetzung seiner Gedanken: .Die Menschen verstehen noch nicht da- Räthsel unsrer Zeit, aber es wird eine kommen die eS lösen wird. Fürsten und Völker werden erkennen, daß gemeinsame Lrbeit aller Unteithaoen, ohne beschränkenden Boruriheile Bürger- und Fürstenglück begründet. Stets ersteht Neue» aus Trümmern. Nichi nur die jüdischen Ghettos werden sich öffnen; auch die geistigen der Menschheit, die noch abgesperrt find durch Orthodoxie und Egoismus. Dann wird ein Zusammenwirken aller Kräfte auf freigelegte Bahnen Segen bringen für jeden Redlichstrebendeu." Nach großen Ruhepausen fuhr er fort: .Für die in lange Dunkelheit Zurückgedrängteu wird da« sendende Licht des neuen Wege» Uoficherheit bringen. Rur die starken Geiste» sich in allen Leben-verhältuiffeu bewähren, werden ihren richtigen Standpunkt auch unter den veränderten Umständen zu erfaffen wissen. — Biele aber «erden bald zu weit gehen, bald ängstlich zurückbleibrn. Sie werden sich lächerlich und verhaßter machen als jetzt, da fie sich bemerkbarer machen werden. Taktlosigkeit, die Folge jede» exclusiven Leben-, wird oft schöne Geistesgabe r io Schatten stellen." E» drängte ihn viel zn sagen. Die Anwesenden hörten auf diese Aeußerungeu, die uns an tie letzten Worte unser» Kaisers Dllhelm erinnern: .Ich habe nicht Zeit müde zu sein." .Merkwürdig", sagte Dr. Rembrand nach solchen Aeußcrunxen, .die körperlichen Kräfte schwinden, aber der Geist ist »»ach und kräftig. Oester al» man gewöhnlich annimmt, scheinen die Serleokräfte ihren eignen Weg zn gehen, als bedürfen sie nicht des Körper». Ein andermal, wo ihn wieder sein Gedankengang au die Seiden seines Bolle» gemahnt haben mochte, sagte er zu Arno, der in der Dämmerstunde allein bei ihm war: .Mein Sohn! De« vielgeprüften Volke scheint eS von der Borsehung zugedacht, daß ibm noch schwerer als anderen gelinge, sein gute» Recht zu erwerben. In der Entwicklung der Bölker ist es wie in der Natur, daS Werden nimmt kein Ende. — Der Höhepunkt der Menschheit ist der, wo Menschenliebe, und Gerechtigkeit den Unterschied der Glaubensartikel besiegen. — Bereinigen sich doch schon längst die Bölker im Gebete zu »em alleinigen Gott: Unsere Psalmen hallen in ihre» Kirchen, unsre zehn Gebote find da» Fundament ihrer Rechtsbegiiffe, fie müffe« und werden uns als chre Brüder auf. nehmen. Dieser Gedanke ist mächtig genug, ohne Anmaßung und Unrecht über Anmaßung und Unrecht zu siegen." Esther war oft im inner-» Streite über die enggezogneu Grinzen weiblicher Thätigkeit. — Valentin, der den Grund ihrer unbefriedigten Existenz mit Recht aus ihren zerstörten Hoffnungen herleitete, die er durch Dr. Rembrand» Mittheilungen kannte, berührte den wunden Punkt nie, aber er den ühte sich ihren Gedanken die natürlichsten Hilfswege zu zeigen: .Glaube mir, mein Kind, da» erreichbarste Ideal de» Leb'n» ist da» Familienleben. Hier entwickeln sich einsack, und naturgemäß die Bedingungen die jeden Menschen, Mann und Weib zum Mitglied de» großen Ganzen bilden: Seibstverläuguung in Arbeit und Mühe für da» Hau»; gegenseitige Nachsicht, deren wir alle bedürfen sollen wir netrn einander gedeihen, schonende Einsicht wa» in und um um» ist, an Anderen und un» selbst nicht zu zerstören, da man teiltet wenn man die» Gebot verletzt. Dabei Selbsterhaltung ohne Selbstsucht, die» zu erfüllen übersteigt nicht meusch. licht Kraft." ,J» Büchern finden wir oft Menschen geschildert, lieber Onkel, die sich selbst ganz vergesse». Sind diese nicht die Ber ehrung-würdigsten?" .Das Leben, mein Kind, bringt Alles in größerer Mannigfaltigkeit hervor. als die kühnste Phantasie der Dichter. Auch solche Ideale wie Du fie erwähnst, hat di« Menschheit zu ihrer Ehre anfzuweiseu. Aber Viele gehen unter in Selbsttäuschung ihrer Beweggründe. Traue nicht Jede» der stet» seine Pflichten gegen sich selbst, welche Ehr« und Selbsterhaltung gebieten, gering achtet. Entweder er täuscht sich selbst dabei, oder er wird die Dinge die er übernimmt, nicht richtig beginnen, noch weniger ausführeu. All Diug auf Erden muß zuerst in sich selbst gefestigt sein, ftei und unabhängig — soll es für da» Allgemeine wirksam sei». Wo die erste Bedingung des Gedeihens fehlt, kann nur der Zufall wirken. Charit^ bien ordonnäa, commence par boi mSme, sagt der Franzose. Im richtigen Maaße gehalten, stimme ich ihm unbedingt bei", sagte er lächelnd. .Woher mir jetzt oft so schwere Fragen kommen, Oukel!" .Frage uicht danach, gute» Kind! Bleibe nur Deiner weiblichen Bestimmung treu. Welcher Wirkungskreis Dir auch von dem Geschicke angewiesen, sei dort Trösterim, Freundinn, erwärmende» Licht. Thust Du es selbstlos, desto friedlicher bleibt Dein Gemüth." .Ich werde mich bemühen zu glauben, daß e» zu unserm Besten ist, wenn sich unsre Wünsche nicht ia der Art uud Weise erfüllen, wie wir sie ersehnen. Wer kann wißen, welche Einflüße unsre beffern Anlagen wecken; ob nicht eben das wa» un» murfüllt bleibt, uns auf Bahne« lenkt, die un» Heil und Ruhe bringen I" sprach Esther. .Glück, wie es die Menschen träumen, erfüllt sich ihnen gar selten uud dann nur für Momente. E» ist Empfindung, Gedanke, so zarter Natur, daß es kaum ausgesprochen, schon cine andere Gestalt anzunehmen scheint. Unsre eigne Unfähigkeit es rein und unangetastet zu laffeo, oder Nebeuumstände die wir uicht abzuwehren vermögen verwandeln es E» ist der Korallenstaude vergleichbar, die so lange fie i« Meeresgrund« bleibt, der Sitz zarten Lebens ist, fie versteint rotnn fie auf der Oberfläche des Meere» erscheint. Wohl dem, der nach dieser Wandlung de» Glücke», Friede und Zufriedenheit für sein Leben gerettet, meine lieb« Tochter." Esther gedachte jene» kurzen Glückes da» fie einst geooffen und wie Valentin richtig verglichen, — zu Stein verhärtete, al» e» sich au« der Tiefe der Seele zum Lichte, emporgerungeu. Selbst Derjenige, der Treue den Eigensinn des Herzen» nennt, muß zugeben, daß dieser sich von di« Eigensinn unser« Kopfe« bedeutend unterscheidet. — Wir scheuen un» uicht diesen zu äußern: oft findet sogar unsre Eitelkeit Befriedigung, uusern thörichten Eigenwillen di« vernünftigen Grund« «usereS Gegner» gegenüber zu behaupt««. Der sogenannte Eigensinn des Herzens verhüllt sich schamhaft. Woran es «>t seiner Ueberzeugung hängt, woucuh es ringt und strebt, da» verschweigt es, sei es Lust »t«r Qual, oft bi» sich die Augen schließen. Valentins milde Heiterkeit, seine geistige Frische täuschten seine Fra« über seinen Zustand. Jeden freien Augenblick brachte fie bei ihm zu; ihren GeschäftSpfiichten gehörte ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie meinte Arno sei ihm beffere Gesellschaft al» fie; Schwester Sara, die Doktorin, Esther, die Freunde de» Hause» kamen und gingen, so oft mau voraussetzen durste, ihn uicht zu belästigen. — Er war Allen so dankbar! — .Oft. wenn Arno und Esther bei mir gemeinsam wache» wie Bruder und Schwester, sagte er eine» Tage« zu seiner Frau al« sic allein waren, .ist mir al» gehörten sie zu einander. Versprich mir meine Liebe, die beiden nie an unsre gemeinsamen, bisher vergeblichen Wünsche zu mahnen» sag«.

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