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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 32 (1889) · p. Seite 125

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
32 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 125 (sequence 3)
Language
German
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Wphr«t« Gpirs. fbMSt imi 8»« [6 <Forq«tz»»g.) SHttkmnlt iatte sich der Uuterlrhrer «it herzlichen tänin von deu Schulttnderu verabschiedet und war auf sei«» Zimmer «it «eisevorbereituuge» beschäftig. Trauer «mdüfterft situ Semüth »ud sei» Her, gellte. Hatte er »icht sei»« Pflicht erfüllt tu vollem Maeße f Uad dich — von der Schwelle gestoße» wie ei» Schuldiger, htuauSgewieseu, . «tuer unficherr» Zukunft, vielleicht de« Lleud mtgege». „Staut eudlich wird der uuselige Haß, der verderbliche Kuechtsstu» schwtudeu, der, freie» Meuschenthum «ißachteud, de» Schwache« zu unterdrücke» wagt?" fragte fich der gekräukft, tief erregte Jüugltag. Set» Lummer wurde uvch »«schärst, durch de» Abschied »«» der ihm s» theure» Familie, durch de» Gedanken au di« Matter, die er uuu »icht mehr unterstützen konnte. Er packte da» Nothweudig« tu seiueu Laruister »ud degab fich zu deu Freunden, um ihnen Lebewohl «sage». St»«« reichte er jedem die Hand, «ud verließ »« zweite Heimath, die ihm so plötzlich ««tristen ward«». Trotzdem er mit vortreffliche« Lmpfehlungea ausgestattet war, llopfte er überall vergeblich au, keiner kouute oder wallte ih» helfe». vierzehn Tage wäre» schon vergangen, was sollte er beginnen, wo fein Haupt uiederlege»? Lr sah teiaeu >»»«tg, uud — so hart es ihm anka«, — er fügte fich der traurige» Nothweudigkeit, uud nahm dt« Stelle «tue» Haudlu«g»gehilfeu iu Benjamin« Haus« a«. Daß mau ih« diese überlaste, sei uoch eine besondere Saust, «einte Herr Benjamin, welcher zu „studierten "Leuten kein rechte» vertraue« hatte, in so fern, al» sie für „da» Seschäst" «»tauglich seien. Nachdem fich Lphraim ringearbeitet, mußte sei« Lhef eiugrsteheu, daß auch bei deu uuaufechtbarstea Thesen >u»nahmeu zulässig seien «ud daß Lphraim, besten Arbeitskraft er schätzte, eine» lebendigen Beweis dafür biete. Jener deukwürdige Lbeud, au welchem fich Recha gegen Sauber sa uuumwuudeu äußerte, bildet« rtaeu Wendepunkt i» Lebe» Lphraim», der nun scho» vier Jahr« tu Benjamin» Hause weilte. Lnfaug» hatte er fich iu der ueurn Stellung unbehaglich, ja unglücklich gefühlt, «it der Zeit aber verstand er es, sich mit seiner Thätigkett auSzusöhneu. Was er bitter empfand, was ihn bedrückte, war di« geistige Linsamkeit, die Leer« de» Herzen», die fich ih« um sv schmerzlicher fühlbar «achten, ft reicher er vordem an Lieb« und Sympathie gewesen, und diesen Gefühlen gab er tu einem Schreibe» au Staubescheu Ausdruck. „Lest heute komme ich dazu, schrftb er, Jhuen zu danken, »icht tun für die erwiesenen Wohlthate», sondern viel mehr uvch für dft Liebe, dt« Sft wir gefcheutt uud die mir hier fehlt. O, ich bin sehr verwaist — gewiß, ich klage nicht gern, aber ich muß Ihnen meine Gemüthslage schildern, damit Sie da» Maaß de» Dauke», deu ich Ihnen schulde, dar««» folgern. Die Lrinueruug an Sie wird mir ewig theuer, wird mir ein Trost sei», vereint t« traulichste« Familienkreise find Sie glücklicher al» ich, glücklicher al» die einsame Mutter, die — wer weiß — vielleicht noch gar Noth leidet. Ich möchte nun, damtt keine Sorge» tu ihr aufkommru, fie in dem Glauben lasten, ich sei uoch bet Shue», «ud nehme vorerst Ihre gütig« Vermittlung für unser» riefwrchsel tu Anspruch." — — — Bier lauge Jahre hatte Lphraim tu der Wüste de» Allta-alebeu« geschmachtet, ohne Brrstäudniß, ohne Freundschaft, ohne irgend welche« Gedankenaustausch, da traf er eben so plötzlich al» uavrrmuthet auf eine Quelle getsttgeu Labetrunke»; wie kan» e» Wunder nehmen, daß dieser ihm g« Kopfe stieg uad ihn berauschte? Bi» jetzt war es Ephraim nie iu deu Sinn gekommen, chie Tochter de» Hause», von welcher ihn schon seine Stelluag /er» hieft, zu beobachten; nachdem er jedoch ihre geistig« «tchtuug eutdftkt, widmet« er Hr fetue Aufmerksamkett uud ft, stieg tu seine« A^eu immer Häher, «echa kauute »«der Hvchmüth uvch Eitelkeit, st« »erdaud ei» hochherzig«» Benehmen mit Einfachheit und Natürlichkeit, »ud ihr HSualiche» Walte» uud Wirke« erfüllte deu junge» Schwärmer mit Bewunderung. Mit lebhaftem Jutereffe verfolgte er ihr, Lektüre, »ad fand außer verschiedene» Zettschriste» ältere und neue Klassiker, gediegene Geschichtswerke und Romane, jedoch nur solche von anerkaunte« Werth«, iu dem Wohn» ztmmer vor. Ephraim dachte viel «r Recha, «ehr al» ihm lieb war. wußte er dach, daß fie. die einzige Lrbtu eine» reichen Manne», und daß er beste» Untergebener, der für da» tägliche Brot arbeite» maßte. Lr suchte seiner Gefühle Herr zu werden uad gestattete fich nur jeweilig, au fie zu denken. Wie ander» war es mit Recha, die nicht ahnte, daß sie mit heißer Liebe oou Lphraim geliebt wurde, dem sie »ährend der vier Jahr« kau« näher getreten war. Doch e» sollte ander» werden. Wirke» nicht zuweilen im Leben die unbedeuteadstrn Umstände, denen mau nicht deu geringsten Linfiuß beimißt «ud die oft in ihren Folgen von bestimmender Tragwette für uo« find? „Recha," sagt« eine» Tage« Herr Benjamin, „hier ist eine Rechnung für Dich vom Bachhäudler Krön." Wie war da» junge Mädchea erstaunt, al» eS fand, daß diese für Herrn Lphraim Spiro bestimmt war, und ein Buch, betitelt „Zur Diätetik der Seele", betraf. Benjamin behändigte die Rechnung seine« Untergebenen, au nicht» weiter al« an sein Bau- und Breuuholz denkend, nicht so aber war e» mit Recha. Wie sollte e< nicht ihr Interesse errege», daß der Sehllfe de» Bater» ein solche» Buch la», da» ihr zwar fremd, deffeu Titel aber höheren getsttgeu Gehalt verrtelh und tu Folge besten auch einen höheren Bildungsgrad erforderte. Hin und wieder beobachtete fit jetzt Ephraim «ud mußte fich gestehen, da» sei» Aeußerr» ein männlich-schöne», und daß feine Züge geistvolle waren. Dieser «eine Vorfall iudeß gerieth bald iu vergeffenheit, e» wurde Herbst, Herr Benjamin begann über seine Gesundheit zu klagen, nach einigen Tagen war er ernstlich erkrankt, und da er längere Zeit da» Bett hüten mußte, übergab er Herrn Spiro die Lettuug de» Geschäft». Ephraim traf im Krankenzimmer, wohin ihm seine täglicheu Berichte riefen, jedesmal mit Recha zusammen, die fich tu hingrdeuster, aufopfernder Pfleg« übrrbot. Die Bitte, fich ein wenig zu schonen, nur eine Nacht fich Ruhe zu gönnen, d, er gerne statt ihrer wachen wollte, schwebte ihm oft auf den Lippen, doch fehlt« ihm der Mutb, sie auszusprechen. Line» Abend» endlich, al» da» ihm so theure Mädchen vor de» Vater« Bett« fast zusammrubrach, wagte er zu sagen: „vergeben Sft mir eine Bitte, Fräulein Benjamin, gewiß, ich bitte nicht gern, aber r» handelt sich um Ihre Gesundheit, welch« Sft zerstören. Erlauben Sie mir, statt rer zu wachen, und begeben Sft fich für diese Nacht zu Ur, Sft bedürfen der Ruhe." Recha sah überrascht zu de« Sprechenden auf, und ohne eia Wort de« Danke» finden zu können, erfüllte fie sein verlangen und begab fich in ihr Schlafgemach. Wie warm er zu bitten, »ft männlich er fich auSzudlückeu weiß, dachte fie, entschlief iudeß bald oou Müdigkeit überwältigt. Äm nächsten Adeude sprach fie Lphraim ihre» Dank au» uud eriunerte sich jetzt wieder de» Buche« »Zur Diätetik der Seele," tnde« fie ihn bat ihr da» Buch, deffeu Titel so viel versprechend sei, zu leihen. L» fie bemerkte, daß Ephraim errüthete. sagte sft schnell: „vielleicht haben Sft e« ausgeliehe«, oder sind sonst ftgeudwft verhindert-" „Nein, Fräulein, Sie solle» da» Buch haben," mit dftsen Worten entfernte er fich, um e« ihr alsbald zu überreiche«. In deu nächste« drei Lage» vermftd Lphraim da» Krankenzimmer zu betreten. Lr fühlft fich befangen, fühlte, daß ihm Recha überau« theuer sei, «ad daß er durch

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