Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 30 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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’ryr^ Er «achte fe«$t ctm Stunde gew rudert sei«, al« n sich rin ttnrta State gönnte. Er setzte sich unter einem Baum auf me Erde nieder und »achte seinem schweren Herzen in Thränen Lust. Ihm ward leichter, er vermochte jetzt der Zukunft in» Auqe zu blicken, sich mit Bergaugeuheit «ud Geqeuwart zu beschäftigen. .Matrikel!* seufzte da« empörte Gemüth de« Jüngling« auf, und die Geschichte der Vorzeit trat vor sein geistige« Luge. Alle die Greuel de« Mittelalter« standen lebhaft vor seiner Seele. Tr sah, wie man die Juden von ihren Wohnstätte» vertrieb, wie man sie brandschatzte und einkerkerte, «vie man sie auf den Holzstob führte, den Jüngling und den Man« dem Feuertode pret«gab oder sie der Wuth de« Pöbel« überließ, der sie auf tausendfach« Weise zu Tode -einigte. Er sah, wie man kein Mittel keinen Vorwand scheute, um den Juden auf« Grausamste zu verfolgen, sah di« Barbareien alle, gelangt: zunr Judenzoll mit dem Wappen der Schmach, de» gelben Läppchen, und sah endlich — da« Besserwerden. Der Jude ward Mitglied de« Staate«, ward Bürger, Gleichberechtigter, und urplötzlich sollte er ein Anderer werden al« der, wozu ihn die hundert, ja tausendjährigen Unterdrückungen der Christen gemacht hatten. Er sah da« Gesetz in seinem Baterlande — das Herz wollte chm fast brechen, dem armen Ephraim. Mit Löwenmuth sprang er auf: .Rein, nicht Bitterkeit, nicht Haß. nicht Empörung will ich in mir nähren. Deiner letzten Worte eingedenk, will ich der MensLheit ein warme« Herz voll Liebe entgegenbringen, »eia Vater, Du sollst mein Vorbild sein.- Ephraim fühlte^ daß e« ihm warm um« Herz wurde daß er jetzt wieder freier athmea konnte, und daß sich nicht nur sein Empfinden sondern auch sein Ecfchauen geklärt habe. Cr schritt rüstig vorwärts, sich am Anblick der Wiesen und Felder, der Bäume und Vögel ergötzend immer »orwärt», bi« er sich am dritten Tage auf der Landstraße befand, die nach O. führte. Recht« von derselben zog sich eine mit Feldern und Weinbergen bebaute Hügelkette hin, auf ihrem Haupt« eine« Wald von Ta inen tragend, link« lehnte sich flache« Wirseuland au«, auf welchem Herden von -küheu und Kälbern weideten. Urbkrall gewahrte Ephraim Rührigkeit, die Leute arbeiteten emfig und danften freundlich für den Morgengrub, den Ephraim ihnen bot. Es that dem Jünglinge wohl, die Menschen zusammen verkehren zu sehen, ohne sich onzufeindeu, ein jeder beschäftigt, «hne den andern zu beeinträchtigen: ,O, wie schön läßt sich'« doch leben, wie angenehm, wie beglückend läßt sich da» Dasein gestalt«, wenn ein jeder in dem andern da« achtet, wa« er für sich selbst begehrt: da» angeborme "Menschenrecht. Horch — da auf einmal ergelll eiu Schrei, entsetzensvoll, markerschütternd. Ephraim glaubte au« demselben die Worte »Mein Kind" heran« zu hören, und sein« Blick nach der Anhöhe richtmd, gemahne er, wie ein lebende« Wesen, in rasender Schnelligkeit d« Berg hiaabrollte. Eine Mauer läng« der Straß« stützte da» Hügelland [, friart eigenen Drucke« wegen und damtt die Sttaße nicht verschüttet werde. Da« rollend« Kind mußte an der Mauer ftugelaagt unfehlbar herabstürzea und — arme« Geschöpf! — sich auf den Schotlerstriaeu vielleicht de» Schädel zerschmettern. . Die Mutter» unfähig sich zu rühren, vor Entsetzen geverfolgt »ft den Augen den graußigeu Vorgang. E» > war rin Jammer diese» Bild der Mutterangst. Ephraim sah es nicht. Er erblickt da» gefährdete junge Leben, hat r..- für nicht« sonst Auge, eilt zur Stelle, wo es von der Mauer y stürzen auch, stemmt feine auügestrrckteu Arme wider dieselbe, um da» Kind auszuftmgeu und r» vor de« Tode oder doch vor L«de»gefahr zu schützen. Näher, immer nüher rollt da» armekleine Geschöpf — kaum noch eiue Spanne — «ud jetzt stürzt «» herab, schnellt gegen die Brust de» Jüngling« und schläidert diese», «tt der Gewalt de» Sturze» rücklings «ruf die Straß«. Die Matter welche Z'Ngin de» Hergang» gewesen, fühlt jetzt die Erstarrung weichen und eilt d.'a Berg hinab. Bon der Feme schon sieht sie dm Retter und da« Kind ans der Erde hingrstreckt, angswoll schaudernd tritt sie näher und findet ihr Kind unversehrt. Dir Fall hatte e« nur betäubt und e« muß gleichsam au» dem Schlaft aufgerüttelt werden. Der junge Mann hingegen, der wie leblos dalag. hatte mehrere Wunden und die Steine waren rothgefärbt vom Blute da» ihnen entströmte. Feldarbriter halfen der geängstete« Frau d:n Verwundeten auf eine Tragbahre bitten und trugen denselben auf ihr Geheiß in da« Schulhau» de» nahen Dorfe«, da sie die Gattin de« Schulmeisters war. Ephraim wurde sofort zu Bett gebracht, und mit Sorgfalt und Aufmerksamkeit behandelt. Der Lehrer und seine Tochter Franziska lösten sich in der Aufgabe ab, dem Kranken regelmäßig lalle Umschläge zu machen, und während sie auf» Liebevollste um ihn beschäftigt warm, reinigte die Frau dessen blutbefleckte Kleider. ES war Abend, Ephraim schlummerte seit zwei Stunden und Franziska hatte ihn keinen Augenblick allein gelassen. Ihr junges Herz hatte Mitleid mll dem Jüngling, der so freundlich und doch so ernst blickte, und der jetzt so viel leiden mußte. Wie mulhig und edel erschien dem Mädchen der Retter seiner Schwester! ES trat näher: »Welch' schöne, weiße Hand! Wer weiß, er ist vielleicht ein vornehmer Herr. Urd welche feine Wäsche er trägt, und wie edel seine Züge sind,-' sagte sich Franzi«ka. Sie hob Ephraim» Kopf und machte ihm einen frischen Umschlag. Er seufzte. Sie bat ihn, etwa« Erquickende« zu nehmen, seine Antwort war rin kaum merkliches Lächeln, da er durch den Bluwerlust sowie durch die sich jetzt riastelleaden Schmerzen sehr schwach war. Nach und nach kehrten ihm indeß die Kräfte zurück und r« «ährte einige Tage, bi« er da« Bett verlaffen konnte und fast zwei Wochen, bis er wieder hergrstellt war. Da« Dorf Garbenheim war ring» von Bergm eingeschlossen, die Bewohner, ein einfacher» kräftiger Menschenschlag. waren zum Thril katholisch, zum anderm Theil protestantisch. Den Religionsunterricht der Katholiken leitete der Geistliche, weil der Lehrer Protestant war. Herr Staubescheu war eiu schlichter, redlicher Monn, oer seinen Beruf hoch hielt und ihm gerecht zu werdm suchte. Seine Frau, die Tochter eines Landmanar«, gotteSfürchtig und Menschenfreundlich, liebte und achtete ihrm Gatten al» einm gelehrten Mann. Sie hatte ihm zwei Morgm Acker, einen großen Obstgarten und «in bescheidene« Häuichen zugebrach^ und sft lebten einfach und glücklich mit chrea drei Kindern. Franziska, die Aeltrste, zwischen Kind und Juugftau stehend, war sechSzrhn Jahre alt. Sft war körperlich schön entwickelt und hatte eine liebenswürdige Bildung, chr Vater hatte sie unterrichtet und ste mll Naturlehre und Musik besonder« vertraut gemacht. Mll der Mutter theille st« sich in die häuslichen Pflichten und «bettete mll Vorliebe im Garten. Karl, ein übermüthiger, kräftiger Bursche von zehn Jahrm, wurde ebenfalls vom Vater unterrichtet und spftlte schon recht artig die Biolinr. Johanna, da» dritte Kind, war dasjenige, welche« Ephraim vor den Folgen de» Sturze« bewahrt hatft. Er fühlft sich sehr wohl im Sqooß« dieser Familie, und al« Staubescheu, der den Jüngling liebgewonneu hatte, ihn eine« Tage« zu einem Spaziergänge rinlud, machft ihn dieser mit seinem Schicksal uud seinen ZukunftSpläaeu bekannt. Al« nun der ältere Freund Ephraim fragte, ob er sich entschließe« könnte, bei chm dft Stell« eine« Uaterlehrer« zu übernehmen, sag» dieser auf« freudigsft überrascht: »Ob ich «ich eutschtießen köaute? Ich würde mich glücklich schätze», bei Ihne» zu lebe» »ad so schnell ein« mir zusagenden Beruf gesunden zu haben, und ich würde da» Meine thun, um alle» Anforderungen gerecht zu werden." »Sit sind zu rasch,- entgegnet» der Lehrer, .ich kauft Ihnen noch keine Hoffnung machen, e« war nur ein Einfall» ich hätte nicht laut denke» sollen. Jedenfalls bleibe» Sie