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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 29 (1889) · p. Seite 113

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
29 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 113 (sequence 3)
Language
German
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Sphraim Spiro. Novelle von Jda Hosman«. l» (Forisetzung.) Ephraim Spiro war der einzige Sohn eine» iu sehr -gute« Verhältnissen lebenden Arzte» in E. Dieser biedere Mann beobachtete streng seine religiösen Vorschriften, kannte aber keine Sabbathfeier, wo e» seinen Beruf galt, durch den er sich nicht bereichern, sondern der Menschheit hilfreich sein wollte, und dem er seine Habe und seine Gesundheit opferte. Er war ein ebenso edler Mensch, al» er ein bedeutender Arzt war, dessen Streben in dem Wunsche gipfelte, daß sein Wirken in dem Sohne fortlebe. Die Liebe zur Menschheit, die himmlische Leuchte, der alle Tugend entstrahlt, sie war e» vor allem, die der Vater in de» Sohne» Herz senkte, die er zu pflegen, zu beleben und zu kräftigen suchte. Und al» er seine Todesstunde nahen fühlte, dieser Edle, sprach er zu ihm, der kaum achtzehn Jahre zählte: »Ephraim ich werde sterben. Schüttle nicht nein, denn ich fühle, daß e» mit mir zu Ende geht. Ephraim, Du sollst ein Mann werden! Du wirst die Stütze und der Trost Deiner Mutter sein — ick weiß e». Du wirst Deinen Glaubeu»genoffen treu bleiben, für sie wirke» und kämpfe», da» muß Jeder, der kein Feigling, keine Memme, kein Ueberläufer ist.! »Aber," und der Vater erhob sich io seinem Bette und I hielt fester de» Sohne» Hand und sprach mit erschütterndem! Ernste, »Ephraim, ich verlange mehr von Dir. Ich fordere, daß Du Dich dem Dienste der Menschheit weihest, daß Du treu ausharrest, aller Sntmuthigung trotzend, unentwegt strebend und kämpfend für Freiheit und Recht. S» mag de» Jüugling» Gcmülhe leicht dünken, o, e» ist schwer, Ephraim, schwer. — Ich sterbe ruhig. Unser Lesfing mit seine« gewaltigen Geiste und seinem großen Herzen lehrt un» in seinem »Nathan" jene Liebe, welcher jeder Lrffere nachstreden sollte. Ephraim, übe fiel Mein » Sohn, wein-mein Sohn-alle Menschen liebe"-und er verschied.- Die trostlose Wittwe erkrankte und gena» erst nach «Koudev wieder. Vermögen war nicht vorhanden, und durch ie Krankheit der beiden Gatten waren noch Schulden angewachsen. Frau Miriam Spiro war eine einfache, ftomwe Frau, die nur für Mann und Kind gelebt, und die durch da» kleinste Unrecht gegen einen Nebeumenschen Gott zu beleidigen fürchtete. Sie, die nicht eitel war, Frau Doktor zu heißen, aber stolz solchen Manne» Weib zu sein, sah flch nun aller Mittel bar. Da« beugte sie tief; wa» aber die arme Frau zu Boden drückte, war der Gedanke, ihre Schulden nicht bezahlen zu können. Wochenlang rang fie mit fich selbst, und al» fie endlich da» Schwere durchgekämpft, sagte fie eine» Tage» zu ihrem Sohne: »Ephraim, Du wirst nicht studire». E« ist hart, aber «» muß sein. Wir find ganz mittello», und ich will keine Unterstützung für Dich fordern. Für mich wollt: ich diese Erniedrigung ertragen, Du aber mußt erwerben, und" — Thräuen entstürzten ihren Augen — »niemals sollst Du erbettelte« Brod efirn müssen." , Gefaßter fuhr sie fort: »Vertraue Gott, mein Sohn, und sei stet» thätig! Du bist würdiger al» Handwerker, wenn Du rechtlich und fleißig bist, denn ein hochstehender Mann, der fich zur Höhe bettelte oder schwindelte. Du weißt, daß Dein Later immer sagte: Können wir uns nur selbst achten, bau« ist der Stand gleich." Ephraim sah starr vor sich nieder. Diese Eröffnung«» bedeutete» da» Grab seiner Jugeudträume. Er konnte nicht» reden, die Kehl» war ihm n»ic zugeschuürt. Die Mutter fuhr fort: »Metu Sohn, Du zählst kaum achtzehn Jahre, der Tob Deine» Vater» aber und nnsere traurig« Lage »»ach«« Dich mir zum reifen Manne. Du bist »ein Alle». Höre dem», wa» ich Schwere» mit mir bnrchzukämpfeu Hab«; e» will mir die Brust fast zerspreugeu, aber e» muß sein: ich muß die »Matrikel" verkaufen." Die Feder sträubt flch, da» niederzuschreibeu, wa» di« Mutter ihre« Sohne offenbarte. Solche Barbarei zu« Gesetz erhoben! Dem Gesetze Pharao'» abgelauscht, da» vor drei Jahrtausenden schon Barbarei geheißen! Und doch ist e» keine Erdichtung. Da» Gesetz, mit welchem die Mutter beu Sohn bekannt machte, verbietet dem Israeliten die Eheschließung, bevor da» Familienhaupt eine« Glauben»geaoffeu gestorben, um die Vermehrung der Juden zu beschränke«. Frau Miriam war nun in der Lage, von ihrem Rechte Gebrauch machen zu müffeu. so schwer e» ihr auch st:l, ihrem armen Sohne »och die« Letzte zu entreißen; «ober Pflicht geht vor Liebesdienst." der Ehre muß genügt, die Schulden müffe« bezahlt werden. »Gott schütze und segne Dich," schloß ste, beide Hände Ephraim auf« Haupt legend und fich al»daan rasch entfernend, um ihre Erregung dem Sohne zu verbergen und Ruhe zu suchen, die fie nicht fand. Auch Ephraim, durch da» vernommene in allen Liefen erschüttert, floh der Schlaf. Er warf fich auf» Bett, seine Schläfe hämmerten und die tollsten Gedanken hielten eineu Hexensabboth in seinem fieberhaft erregten Kopfe. Seiu Herz schlug, al« ob e» ihm die Brust sprengen wollte. Lr erhob sich, schritt im Gemache auf und nieder und suchte seiner aufgewühlten Sttmmung Herr zu werden. E« gelang ihm allmählich, und al» r» zu tagen begann, fühlte er fich ruhig, al» Sieger au« de« bestandenen Kampfe heroorgeheu. Warum nicht? Der Mensch kan«, wa» er will. Ich werde arbeiten. Mein Vater, ich täusche Dein Vertrauen nicht, ich werde meiner Pflichten eingedenk sei«! Ephraim packte da» Unentbehrliche in eia Tournister und öffnete alsdann da» Fenster, um die frische Morgenluft zu genießen. _ De» Himmel» Antlitz röthete fich vor Freude ob der nahen Ankunft der segeuspenden Sonne, gleichwie die Wange» eine» liebenden Mädchen» höher erglühen, wenn der Ersehnte naht. — Die Straß« belebte fich, Milchweiber vom Lande und Arbeiter au» den umliegenden Ortschaften eilte» dem Hause vorüber. Ephraim ergriff Stock und Tournister, nicht ohne vorher all' dem, wa» er hi« zurückließ, mit einem »ehmüthigen Blick Lebewohl gesagt zu haben. Rasch wischte er die Thränen weg, al» er die Mutter hörte, und «achte ste mit seine« Entschlüsse, die Vaterstadt zu verlaffe« und eine Stellung zu suchen, bekannt. Al» Frau Miriam zu hören wünschte, in welcher Eigenschaft der Sohn seine Lenntniffe zu verwerchen gedenke, wurde er verlegen, da er daran noch nicht gedacht uad die Beantwortung dieser Frage nicht leicht war. Bi» jetzt hatte er, unter der Borau»setzung, demnächst die Universität zu beziehen, die Prima de» Gymnasium» besucht» wo er mtt den Wissenschaften, nicht aber «ft den praktischen Dingen de» Leben« bekannt gemacht «urde. Da kam ihm plötzlich ein Gedanke: Hauslehrer l »Ich will Hauslehrer werden, liebe Mutter, und e» wird mir, deuke ich, nicht schwer fallen, al» solcher eine Stellung zu finden. Du wirst sehen, daß wir keiner fremden Hilfe bedürfen, ich werde da» Meine thu», di« Früchte meiner Thätigkeit dem Mütterchen zuwendeu und alle Sorge von ihm fernh alten." Die Mutter lächelte wehmüthtg, und so sehr die ihr entgegengriusrude Noch fie auch »fiederdrütÄ«, so schnürte chr doch der Gedanke, fich von chrem Kiud« trennen zu müffe», die Brust zusammeu. W« demselben bisher doch der Ernst de» Leben» «ft alle» ketue» die Phantast« lähmenden kleinen und große» Sorge» feru geblieben. Bisher hotten die Eltern für di« Pflep sei«» Körper» und »eiste» gesorgt.

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