Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 29 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
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Ahvunsm Esther» der beseeligenden Gegenwart, da überwältigenden Gegenwart. Ei schmückte sie mit Seerose«, die et auf dem Gange hierher xepffückt und die ihm au» der Hand gefallen, al» er sich dem Mädchen genähert. Er küßte ihr Stirn und Warwe, hob sie mit seinen kräftigen Armen hoch empor, daß sie ängstlich lächelnd aufjauchzte, bi» er die Widerstandslose scherzen) wieder zur Erde niederließ. Sir schloß die Augen, ol» sie Hand in Hand nebeneinander saßen, ol» blende sie die So >rnk ihre« Glückes. Thräneu drängten sich durch die langen, leichtgeschlosseneu Augenwimpern und rollten wie Perlen die rosigen Wangen hinab. „9lun komm Geliebte," sagte Arthur, sich da Zaubergewalt des überwältigenden Einflusses zu entziehen, „komm zu dem Platze unsar» vorahnenden Kinderspiele«, glück,eliger bclreten wir ihn heute in dem Bewußtsein unsra Liebe, als damals in kindischer Lust." Sie ließ sich von ihm wie ein Kind führen, sie war froh we ein solches, da e» ganz erfüllt ist von dem w rs rs eben sein nennt. Sie war wieda in jena Welt wo: „die Räume mit sunklnder Wö bung vadeckt, prächtige Farben, schallend von Klängen", sie umgaben. F"ou von WiniawSka begegnete den Beiden. Sir, dir genug vom Lieben und Lebm wußte, hatte längst die tiefen Bezieht ngen derselben nkannt. Sie hatte b,i dem eisten Besuche die eigenthümliche Wandlung Arthurs bemerft und war mit mütterlichem Herzen denn immer lebhafteren Wirkung gefolgt. Sie schwieg, fürchtend den stillen Funken zur Flc mire anzufachen, wenn sie ihn berührte. Wohl hätle sie sick übn Standesunterschied, aber n'mmcr üba ihre Religio ns begriffe hinwegzusetzen vermocht. Aber bei Arthur setzte sie dasselbe voraus und endlich hielt sie al» sicherste Schutzriehr den emporlodernden echt polnischen Enthusiasmus für der Kampf um daS Vaterland, wie man den Beiswnd narnte, den man dem Erretter desselben, Napoleon, leistet». Arthurs Edrgefühl, sein stolzer Sinn, se n edle« Fühlen waren ihr Bürge, daß er Esther nie würde ahnen lassen, was sie ihm sei. Und bei Esther, die sie so ganz zu kennm glaubte, deren äußert Muhe und vorherrschender Verstand sie vo> auSsitzen ließen, daß ihr innerer Fried« nicht durch Erwied wung einer Leidenschaft gestört werden könnte, für Estger fürchtete sie nichts. Al« sie die Liebenden Hand in Hand dahe:kommcn sah, wie sie verklärt vor ihr standen und daS Auge verriet, was d>: Lippe nie verrathen sollte, — überwand sie mit all' ihr zu Gebote stehenden Macht der Selbstbeherrschung, die erschütternde Ueberzeugung ihres bisherigen Jrrthums. S-e wußte er, so blickt nur Liebe aus beseelten Augen, nur sie beflügr t so den elastischen Schritt, nur so schließt sie den schweig amen und doch so beredten Mund. Sie steckie Esther ganz unbefangen den Kranz fester, nahm l)iai Arm und bat sie, in die Veranda zu kommen, um dort vor ihrer Abreise noch gemeinsam «ine Tasse Chocol rde zu trinken. Sie nahm dm Shawl von ihrem Arm und hüllte Esther darin ein, sie vor dem kühlm Winde zu schlitzen. Düse küßte der Sorgsamen dankmd die Hand, aber wie plötzlich eintretendes Gewitterdunkel die Sonne verccckl, so verhüllte sich die Sonue ihres Glückes. Sie sah Alles vor sich versinken; wie zerstörmder Blitzstrahl traf sie da» milde, aber forschmde Auge der Gräfin. Sie fühlte e», daß sie al» „Esther Gerson" vor dieser tand und mit diesem Bewußtseiu empfand sie nicht nur die Zerstörung ihres Glücke», auch ein zerstörende» Gefühl in Herz und Kopf. Sie sammelt« sich so gut sie e« vermochte. Es gelang ihr zusammmhängmd auf die von der klugen Frau absichtlich gleichgültig hiugeworfme Fragm zu aniwortrn. Die Gräfin bat Arthur nach dem Wagm zu sehen; er mtfernte sich mit einem »ielsagmdm Blick auf dak erglühend« Mädchen. Esther wurde -ei der Ehaealad« sogar gesprächig, aber mü einer Erregtheit, die der Gräfin unengeaehm auffiel, e» llang bitter konisch al» Escher sagte: ,Lch wünsche mir die Weisheit der Narrm. Sie stimmt oft mit der der Weism überein nur mit de« Unterschiede, daß der Narr au» Narrheit und der Weise au» Weisheit sich nicht» zu sehr zu Herzen nimmt. Hat'» der Narr nicht bequemer al» der Dmker, um zu demsAbm Ziele zu gelangen?" „Du witzige» Kind, sagte die Gräfin scherzend. Du würdest doch nicht tauschen um e» Dir leichter zu »achm?• „Nun, weil eben jedem Narren seine Kapp« am besten gefällt." antwartete Esther übeewitzig. Der Wagm fuhr vor. Da» Mädchen erbleichte, al« fie bemerkte, wie Arthur dm Sitz bequem einzurichtm bemüht war und dem Kutscher Borficht empfahl, fie ahnte seinm Gemüth». zustand, der sich in seine« hastige« Befehle, in seine» schwankenden Gauge, in tausmd nur dem liebenden Auge erkennbarm Zeichen verrieth. Mit der ganzen Kraft ihre« moralischen Willens versuchte sie diesen mtscheivendm Augenblick ihre» Geschicke» mit Würde und Selbstbeherrschung zu überwinden. Selbst bei der Miltheilung der Gräfin über den Inhalt jme» Briefe» au» Pari» hielt sie sich aufrecht, e» war nur eine Bestätigung ihrer ahnenden. Seele. Beide Frauen verläugnetm den eignen Schmerz, um einander nicht zu erweichen und Esther» Werth war bei dieser Heldenprobe in seiner ganzen Größe von der polnischen Heldmmutter stillschweigend anerkannt. Sie drückte Esther an ihr beklommene» Herz, sagte ihr mit gepreßter Stimme „Auf Wiedersehen" und eilte in ihr Zimmer, die sie übermannmde Stimmung nicht zu zeigen. Arthur kam, um sein letzte» größte» Opfer darzubringm: die Geliebte selbst zu entfemeu. Lange hielt er ihre debmde Hand in seiner glühmdm und au« dm unarticulirteu Lautm, die sich unwillkürlich au« seinem gepreßtm Herzen emporarbetletm, vernahm fie ahnend nur die Worte: „Ewige Liebe, ewige Trmnuug." Sie sah ihn mit unheimlich glänzendm Augen an, so lange, so tief, al« wolle sie ihre Seele mit der seiuigm verschwel,m. „Nimm dir» Andenken, Geliebter, an di« glückseligste Stunde meine« Lebm», e» find die ersten Blumen vom See, die Du mir gepflückt. Sie lagen in diese« Medaillon, seitdem ich fie erhalten. fie waren mein süßeste», mein tröstende» Geheimuiß, da» ich mit mir trug. Gott verzeihe mir die Süude! Zu diesen Blumm war mein Gebet gewandt, wenn ich mein Morgm- und Abendgebet verrichtete. Ach, fie find da« Symbol meiye» verdorrmdeu Leben»! Aber, mein Geliebter, wie darf ich klagm, da Du e» bist, der mir einm nie geahnten Reichthum de» Dasein» erschloffen hast!" Er zog fie au sein hochaufzuckende» Herzjuud drückte einm Kuß auf ihre Lippen, der ihr die Seele »ahm.- „Führe mich an den Wagen," sagte fie, an Leib und Seele gebrochen. Sie wandelten diesen kurzen Weg wie Berurtheilte de» letzten. Eine Ewigkeit von Leid kam über ihn, al» der Wagen dahiurollte. Er blickte dem Gefährte, da» sei» Liebste» hinwegführte, so lange nach, bi» eine Biegung de» Wege» " e» seinen Blicken mtzog. Er erreichte sein Zimmer in einer Art von Bewußtlosigkeit, verriegelte die Thür, um fich ungestört seinem gerechten Schmerze hiugebm zu können. Esther lag fast ohnmächtig in der Wagmecke, bi» der Stoß au einm Stein dm Wagm heftig erschütterte. Sie Halle wieder die Kraft, ihre Glieder zu bewegm, aber n« ihre Sinne lag «» schwer und düster. Ihr Bewußtsein erwachte allmählich, fie hatte die Empfindung, al» hätte Jemand «ine Geaaltthat au ihr verübt, ohne daß fie fich derm genau zu erinnern vermochte. Sie starrte lauge hsttan» in die fie umkreismdeu Abmduebel. E» frtstelte fie; mechanisch hüllte fie fich in ihr» Mantel, bi» endlich der Wagm vor ihre« Elternhause hielt, wo Arno fie erwartete. Erschreckt über da» vnfiörte Aussehm de» Mädchen», al» er fie an» de» Wagm hob, geleitete er sie in da» Wohnzimmer ihrer Eltern. (Sortsetzua,