Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 29 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mi». Jüdische« 188». Herau«g Herau«g«gebea von Dr. M. Nahwer in Magdeburg. Kr Kckrhalümg«. Kelehnag fir die israMs-e Familie. Herzea«adel. Line kujawlsche Erzählung auS dem Anfang« nufere« Jahrhundert« Bon Johanna. — Ephraim Spiro CllUQlt! Novelle von Jda Hofmaa». — Au» dem Spruchschatz de« Lalma». Poetisch übertragen von Weinberg. — “ » Ra^jetaajg#6fn mb RithsellSsungen. (Unbefngter Nachdruck an« diesem Blatte untersagt.) HerzensaveU Lin« kujawifche Erzählung au« dem Anfänge unsere« Jahrhunden». Bon Johanna. »] - (Fortsetzung.) Me sehnte sich Esther nach Einsamkeit l Unwillkührlich wandte sich ihr Fuß dem reizenden, für sie so bedeutungS- Villen Erdenwinkelchen am See zu. Sie war während ihre» diesmaligen Aufenthalte» noch nicht dort gewesen, da sie die Rekonvaleäzenttn nicht einen Augenblick allein gelassen und dies« fürchtete für sich »och den Aufenthalt am Ser. Rechenschaft von ihrem Fühlen und Denken vermochte sie sich nicht zu geben und wir wollen sie nicht von ihr fordern. E« war wohl einer jener Augenblicke, wo Erde und Himmel unser» Sinnen entschwinde», vielleicht jenem ähnlich, wo die Seele, dem hiesige» Erdenlebeu abgewandt, eiatritl in ein von un» geahnte», aber von keinem andern Sterblichen gekannte» Dasein. Sie setzte sich auf eine der Bänke und über ihre Lippen bebte» Töne, von welche» sie nicht» zu wissen schien. Sie rankten empor au» jener wunderbaren Geiste»tiefe»Erinnerung". Al« Arthur Esther nicht auf dem Platze fand, wo er die Damen »erlassen, zog r» ihn ahnungsvoll an den See. Er wagte nicht näher zu trete», al» er die Gesuchte marmorbleich dafitzeu sah, die Hände über da» lknie gefaltet, jene Töne träumerisch singend: »Wie dt« Geliebte sich schmückt voll Freud«, So steht sie harrend im Maienkletde. Schon webt der Herbstroiod, stumm find die Hiine Etoseme lkalina, weiue, weine I" Sie blickte endlich »m sich. Arthur« liebeglühender Blick ruhte auf ihr. Sie traten einander näher; r» wäre schwer zu sagen, wer von ihnen den ersten Schritt gethau. Eie lagen einander in den Armen, der erste Kuß besiegelte da» längst geknüpfte Band. Wie die heiligste» Gesetze der Ralur sich im Geheimen vollziehe», wie da» Wogen de» Meere» und der stille Gang der Gestirne und alle» Wachse» und Vergehen un» nur in ihren Wirkungen verständlich sind, — wir vermögen nur zu sagen - »E» ist, e» bleibt, r» war von Ewigkeit zu Ewigkeit" — so find jene Augenblicke der sich offenbarenden Lieber die unser gauzä Sein umfassen. »Esther!* rief Arthur mit der Stimme seiner tiefen Leidenschaft. Dieser Ton brachte sie zu sich selbst. Sie strich ihr dunkle» Haar au» ihrer Stirn, seufzte tief auf und fand nur allmählich chre Sprache wieder. »Wo war ich? Wo bin ich?" fragte sie, chn seelenvoll anschauend. »Ich träumte einen schäum Traum in Deinm Arm«, ach warum bin ich darau» erwacht? Jung sterbe» und i» schönste» Augenblicke de» Leben», da» muß Seligkeit sein." Er blickte nieder auf da» fast überirdisch »erklärte Antlltz an seiner Brust, ihr« Blicke tauschtm al» Verständnis»- »oll« Boten die Geheimnisse ihrer verschlossenen Welt. Er führte da» bebmde Mädchen zu einem Sitze und sank vor chr, wie vor einer Heiligm nieder, ihre Hände mit Küssen bedeckend. Er war keine» Worte» mächtig. Seine Empfindungen und Gedankm würden rauh und kalt erscheinen, meinte er, wmn er sie ausspräche. In leisen Lauten löste sich endlich da» Gefühl und flüsternde Worte wirkten erschütternder auf da» Herz el» »schallende» Erz" e» je vermöchte. E» war da» Bündniß zweier Seelm, die nur der Tod zu kennen vermochte. »Wmn ich wirderkehre Geliebte, wirst Du mein Weib, da» ist meine» Leben» einzige» Heil, nach dem e» dürstet." »Wiederkehien!" wiederholte Esther. »ES ist wahr. Du mußt nun gehen! — Arthur l" rief sie mit angstvollen Schmerzen, wir sehm un» nicht wieder." E» war al» hätte ihr Angstruf auch in ihm da» Schreckbild de» ewigm Verluste» wach gerufm. Er fühlte ihre kaltm Hände in den seinigen, da» Blut wich ihm au» dem Herzm. »In so lieber Nähe einer ewigen Trmnung zu gedmkm ist so bitter, meine Geliebte", sprach er erschüttert und preßte fir av» Herz, al» wollte er sie nie von sich lassen. Sie aber sah ihn wie mit Geisteraugen an: »Du bist mir nahe und schon sehe ich Dich auf strnen Bahnen entschweben. Wehe mir! So nahe und doch so himmelfern!" jammerte sie. Sie stand auf, schritt auf und nieder, die Hand auf» Herz gepreßt, sie meinte e» müßte zrrspringm. Sein Blick folgte ihr magnetisch gefesielt, er stand unbeweglich da. »Ich will, ich kann mich nicht fassen!" rief sie plötzlich leidenschaftlich, ihre Arme um seinen Hal» schlingend. »Sage mir Geliebter," fragte sie kindlich sanft, »soll man der Geduld fluchen oder sie segnen?" »Muß ich leben wenn ich Dich nicht mehr habe?" Sie lchnte die glühende Stirn an seine Schulter, in sein trunkene» Auge blickmd. Er umschlang sie, zog sie an sein klopfmde» Herz und weltvergessen zog er sie nieder auf die von schattigem Laube verborgene Bank. »Komm Geliebte, lassen wir die Zukunft! Heute bist Du mein und ich bin Dein. Wissen wir doch, daß wir von Kindheit an einander bestimmt sind. Meine Esther, meine süße Königin, die ich einst mit Gold und Tdelsteiuen geschmückt, mein holde» Glück der Kindnzeit, Du bleibst r» mir bi» zu meinem letzten Athemzuge'. — Versunken war ihnen die Zukunft mit ihren drohenden Bildern. Eine traute mit Blumen umhüllte Brücke führte sie zurück zu den Tagen der Kinderzeit, de» Wiedersehen» nach langer Trennung, der erwachenden Liebe und ihrer unerschöpflichen Glückseligkeit. ' Wie eine Mutter chr müde», kranke» Kind durch seine Lieblingälieder in Schlaf lullt, so wichen die beängstigenden