Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 28 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 109 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492351-8722856-5956659--1166-5373540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
CHc athmete erleichtert auf, al» M Gespräch aHomrtn« ttntbf, die Gräfin von ihrem zunehmmdm Wohlbefinden «von de« »ohlthumdm Einfluffe, dm bet lieben je«» Nähe auf sie ousgrübt; dann zu Wirthschafts» berichten überging und schließlwh mittheilte, daß Franschischek fest mtschloffm sei, nach Paris mitzugehen. .Die Vaterlandsliebe scheint alle Thorheitrn seines Wesms verjagt zu haben, er ist seit Wochen nicht bei KonarSki'» gewesen' berichtete die Gräfin. »Eifersucht wirkt hier mit/ sagte Arthur scherzend, .er machte mich in stiurr Weise zum Vertrauten." .Aber eine tteue Seele wirst Du um Dich haben, mein Kind, wie beruhigend ist das für mich, Franschischek ist ein herzensguter Mensch." Eben kam der Erwähnte den Gartenweg herauf. Er begrüßte die Damen, überreichte Arthur einm Brief mit dem Poststempel »Paris" und entfernte sich stumm wie er gekommen. Al« Arthur dm Brief öffnete, blickte er auf Esther, di« seine innere Bewegung wie durch den Schlag einer «lectrischm Kette berührte. Sie ahnte, daß rin entscheidender Moment eivgetrrten sei, eia Moment der über Leben und Tod, über Licht und Finstern iß ihrer Existenz entscheiden müsse. Arthur hotte den vrrhängnißvollm Brief hinter dem Fauteuil der Gräfin geöffnet und sich schnell mtfernt, so daß diese nicht» von dem verhängnißvollen Vorgänge bemerkte, Esther hatte sich abgewaodt und that al« dächte sie an nicht», al« von dem nahen Rosmstocke Rosen zu einem Bouqutt zu pflücken, Reseda von dem mtfernten Beete zu holen, um diese zierlich gebunden der Gräfin zu bringen. Dabei vertiefte sie sich so sehr in ihre Gedanken, daß sie erst zurückkehrte al» sie von dieser gerufen wurde. »Meine Estherka," sagte sie zärtlich ihr die Stirn küssmd .führe mich in mein Zimmer, ich muß eia wenig rühm, obgleich ich lieber mit Dir plaudern möchte. Da Du durchaus «ach Hause sollst, wie Papa mir geschrieben, muß ich nachgebm. Es ist alle» zu Deiner Abreise angeordnet, wenn ich auSgeruht, dann laffe ich Dich, geliebte» Herz." Esther geleitele die Gräfin in ihr Zimmer, schickte ihr da» Kammermädchen und eilte hinaus. Bald nach ihr trat Arthur eia, in der Absicht jmm Brief, dm er im Garten erhaltm, auf den Lisch zu legm, damtt Frau von WiniawSka ihn dort finde, wenn sie ihr Zimmer auffuchen werde. Er entfernte sich leise, al« er sie mit geschlossenen Augen ruhend fand. Nur au« Schonung für Esther hatte er seiner Großmutter nicht sofort dm Inhalt de« Briefe» mitgetheilt, er kannte die polnische Heldin, die zu jedem Opfer für da» Vaterland stark gmug war und die Ordre de» Führer« der polnischm Legion die jene» Schrribm enthielt mit Begeisterung aufnehmen würde. (Kartsetzung folgt.) Ephraim Spiro. Rodel!« von Ida Hosmann. [2 <8rortf*|unfl.) Recha goß den Kaffee ein, reichte Milch und Zucker hemm, und nachdem sie den Kuchen in Stücke grschntttm, setzte sie sich nieder, um an dem Abmdbrot, welche» in althergebrachter Weise, am Sabbath au» Kaffe« und Kuchen bestand, theilzunehmm. »Du hast dich", Hub der Vater an, »bei unserem Gaste zu Manko, Recha, da er da» Licht geholt, um da» ich Dich gerufm halte." »Da« war recht gefällig von Jhnm, Herr Smder", bemerkte Recha verbindlich, .laffm Sie mich jedoch statt zu dank», Sie noch um eine wettere Gefälligkeit angrhm. Bitte, erklärm Sie mir, wamm die Judm dm Nmmond mit einem Gebet begrüßen, und dazu noch auf »ffmer Straße. Hat die» nicht dm Anschein, argmüber dm Unbetheiligten al» werd« der Mond augrbetet? Smder, freudig berührt von dem anmuthigstea aller Mädchm um Belchrung gebeten zu sein, strich mit der Baud über die Stirne» nach einer scharfsinnigen Antwort suchend, und erwiderte: »Nmnm di« Dichter nicht die von der Himmelskupp« überwölbte Erde dm Tempel Gotte»? Wamm also nicht auf der Straße beim? Und wann wird wohl ernster gebetet. al« beim Jahreswechsel? Und weist un» nicht der Nmmond recht deutlich auf de« Zeitmwechsel hin? Sie sehm wohl, Fräulein Recha, wie wohlbegründet. e» ist, und — was unsere Weisen aageordnet, ist sicher gut." »Deine Mutter, seligen Angedenken«, hat nie solche Fragen gethan," setz'e der Vater hinzu, »wa» geschrieben steht, muß man glauben, dann hat man da» Seinige gethan." Recha'» Mundwinkel zuckten, sie wollte antworten, da ergriff Smder abermal» da» Wort. »Thun S'e Ihrem Fräulein Tochter nicht Unrecht. »Du sollst forschen Tag und Nacht", steht geschrieben. »Du sollst mein Wort verstehen lernen." Nur darf man seinen eigenen Verstand nicht an die Gebilde der WeiShett unserer hervorragmdsten Gelehrte» wagen wollm; sie bewundern und erforschen allerdings, nicht aber sie bemäkeln. Nicht so, Fräulein Recha, Sie stimmen mir bn?" »O nein, Herr Sender, ich stimme Ihnen nicht bei," erwiderte sie lebhaft. »Und du, lieber Vater." fuhr sie, sich sanfter an diesm wmdmd fort, »du hast nicht Recht, mich eb meiner Wtßbegierde zu tadeln. Wer weiß, ob e» um so manche herrliche Zeremonie, die unverstanden verachtet und beseitigt wurde, nicht beffer stände, wenn vom Mittelalter bi« auf die neueste Zeit die Erziehung der weiblichm Jugend nicht so sehr vemachläsflgt wordm wäre. Man hätte bedenken sollen, daß die Entwicklung der künftigen Geschlechter in den Händen de» Weibe« ruht and daß nur da», wa« unsere Ueberzmgung durchdriugt, lebendig in unserer Seele lebt und un« befähigt, r« in junge Gemüther zu pflanzm. vergieb mir, guter Bater, daß ich so rede, aber — meine Gebete zu Gott trage ich nicht auf die Straße zur Schau, und Herr Sender« Belehrung kann mir nicht gmügeu. Zeigt un« Sonnrnauf» und Niedergang doch ebmsogut dm Zetten- Wechsel wie der Mondlauf. Herr Smder mag wohl gedacht haben, daß für mich, ein Mädchm, seine Gründe gmügend seien. O nein, Herr Smder, ich theUe Ihre Ansicht nicht. Warum soll ich mit meine« verstand nicht mein Heiligste« und Theurrste« beschaue» und prüfe«? Wamm mit meine« Geist nicht etugehen in da», wa« seine Aufgabe und seine Welt ist? Aber mein Gott" unterbrach sich Recha und stand rasch auf, »ich habe ja Ephraim noch ketnm Kaffee gereicht." Sie goß dm Kaffer in die Taffe, legte dm «uchm auf einm Teller und brachte beide« de« tu einer Ecke de« Zimmer« arbeitmdm Ephraim. »Seid mir nicht böse, Ephraim, daß ich euch vergeffm habe, r« thut mir herzlich leid", sagt« die Tochter de« Hause« zu dem Uutergedmm mit der ihr eigene» Lieblichkeit und wandte sich alsdann wieder zu ihre« Gaste, um die unterbrochene Unterhaltung fortzusetzm. Ephraim, welcher niemal« den Gesprächm lauschte, au dmm er weder Theil nahm, noch Theil nehmen sollte, mußte sich diesen «bmd eine Ausnahme gestatten. Drangm doch Worte au sein Ohr, wie er sie io Bmjamin« Hause noch nie gehört! Und gar au« de« Munde der achtzehnjährtgm Recha! Er lauschte — wir wissen nicht, ob mit mehr Berwundemng oder mehr Freude — ängstlich jedem ihrer Worte, damtt keine« ihm mtgehe. Nach kurzer Zeit zog er sich auf sei« Zimmer zurück, und in erregter gehobmer Stimmung entströmte e« seinem ttefstm Innern: »Ich danke dir, Sott, für diesm Genuß! O gewiß, e« gtebt noch wahre Menschen. Diese« Mädchm — wer hätte erwartet, daß «» trotz seiner, dm Geist tu Feffelu baunendm Erziehung wage, über sich und die Aufgabe de« Lebm« zu dmkm, daß e« stark genug fei, Mauer« aiederzu-