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Jüdisches Familienblatt · 1889-01-01 · 28 (1889) · p. Seite 108

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1889
Issue
28 (1889)
Date
1889-01-01
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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Hit sollte« Diejenigen, deren ganze ZnkNnst diese be» ziehrn-Sreiche» Worte galten, verstehe», welchen verhängnisvollen Zusammenhang mit ihrem Geschicke dies« Aeußeruugeu hatten. Sara blickte ihn mit einem Gemisch von Rührung und Erstaunen an: „Wie sollten Sie uns betrübt haben, Herr Graf? Dir habe» nur Gutes und Liebes von Ihnen und den Ihrigen empfangen und wo wir Ihnen diene« konnten, war es uns «ine Freude!" Arthur antwortete nicht, er umarmte de« bewährten, selbstlosen Freund und neigte sich tief, um Sara'« Hand zu lüffrt. Da legte sie diese auf da« jugendliche Haupt und sprach einen frommen Gegen mit volle« Herzen und thrärenersüllle» Lugen, als spende fie denselben ihrem eignen Kinde. Gerührt und tief bewegt drückte er noch einmal die treue Freundeshand, dankte Frau Sara mit warmen Worte« und aus seinem Woge» winkte er noch den letzten AbschiedSgruß. „ES gilt den letzten Abschied zu nehmen", sagte Arthur in des Studirzimmer des DoctorS tretend, welcher sich eben zum AuSgehen anschickte. Ich komme eben von Gerson, ich werde diese Stunde nie vergtsirn. Die ehrwürdige Frau Sara hat ihre Hände segnend auf mein Haupt gelegt, ich verstand die fremd» klingc öden Worte nickt, aber ich verstand die Sprache des jrowinkn Herzend. Ja, mein Freund, wir beten Alle zu einem Gott." Des Arztes wunderbarer, ihm eiznir Blick ruhte auf dem cdlen, jugendlichen Antlitze de« Grafen, jener Blick der am Krankenbette d,m Leidenden Milderung, dem Hülfefuchenden Trost und den Seinigen das reinste Glück der Liede brachte. Seine Frau war während der letzten Worte in» Zimmer getreten. Archur reichte ihr die Hand und hielt die seine« Freundes in der andern. „Mir wird der Abschied von Euch Lieben so schwer", sagte er, „ich lasse viel Liebe und Treue zurück, wie man sie silten in der Welt findet! Bewahren Sie mir diese Heilissthümer, stehen Sie meiner Grobmutter in ihrer körper» lichen oder geistigen HülfSbrdürstigkeit bei und wenn in unser a Freundeskreise ein Auge rathlo« nach Trost späht, Frau Doctorin, wenn ein gebrochene« Herz fich zu Ihnen wendet, trösten und stützen Sie e«" Der Inhalt wie die Form der Bitte berührte ver» stand »-voll die Zuhörer, fie wechselten bedeutungsvolle Blicke, wie damals, bei dem Gespräche Gerson« und de» Graf, n. The eine Antwort kam, traten die Kinder der Familie ein, sie deren „daS Himmelreich auf Erden ist". Heute sehen sie Blumen blühen wo sie später Abgründe erschrecken mögen. Sie ivandeln durch die Wüste de« Leben«. die da« Menschen» herz zu vereinsamen vermag und wissen nur, daß Alle« schön ist, denn ihre reichen Herzen find voll von der Herrlichkeit des Dasein«, ihre Unschuld schützt sie mehr vor den «nneren Kämpfen „wo die Gedanken einander verklagen" — al« e» die gepriesene Vernunft de« denkenden Menschen vermag. Sie sprangen fröhlich dem vor ihnen stehenden, gequältm Menschrnschenkinde entgegen und knüpften sofott au die Erinnerung jene« ereignißreichen Erntetagt» ein Gespräch über Garten und Feld, über Gondel und Karpfen und all' die hinten, gesickerten Geschöpfe von Wald und Hühnerhof, — alkehrten sie ebeu von de« fteundlichen Orte heim, wo fie mst ihrem reichen Kindergemüth« alle« so rein und voll gemessen hatten. Wie Morgenthau auf welke Flur, wie Blumenduft nach Äewiterregen so wirkte die KinderweiSheit auf die Anwesenden heiter belrbend und beruhigend, wie jedes holde Geschenk der Natu". Archur hob die Kinder auf seine kräftigen Arme und als r: st» küßte, floß eine Thräne auf HannaS Wangen nieder. „Warum »einst Du. Onkel Arthur?" fragte fie theilnchmead und küßte die feuchte Wimper, chm da« Gesicht streichelnd. „Ich muß verreisen, Kinderchen, wett fort, vielleicht sehen wir un« im Himmel wieder. „Bleibt bei uns!" bat-n sie zärllich. „Ich darf nicht mein liebe» Herz. Der liebe Gott befiehlt mir weit von hier fortzugehen. Wenn ich nicht wiederkomme, werdet chr mich nicht vergessen? Ich bin dann im Himmel. —" „Aber ich werde Dich au« dem Himmel holen! erwiederte Hanna froh. Ich werde so artig sein, daß ich ein Engelcheu werde, dann wachsm mir Flügel, damit ich fliege in den immel. Dort schneide ich sie mir ab — und binde sie ir um, dann nimmst Du mich auf Deinen Arm und fliegst mit mir wieder hier her." „Ich will auch mit," sagte Bertha erregt, „fliegen ist so schön!" Der Abschied war schließlich durch diese liebe« Kinder erleichtert, er wttkte vermittelnd ans Arthur« gläubiges Herz. ES erwachte in diesem eine Ahnung jener Wett, wo alle» Licht und Wahrheit ist, wo der Teufel mit feinen Zweifeln und Versuchungen keine Macht mehr über die Seele hat, welche jene lichten, seligen Räume betritt. Er riß sich mdlich von diesen teuren Menschen lo«. Ein Händedruck, ein Kuß auf die Stirn der Kinder und er ellte um dorthin zu kommen, wo ein Engel auf Erden seiner harrte, die« sagte chm sein Herz. vierzehnte» Kapitel. Zal, eal!*) sagte er zu sich selbst, als er sich in die Wagenecke drückte und die Gedanken im wirren Drängen einander folgten. Resignation und Bitterkeit, Groll gegen da» Geschick und erhabene Lauterkeit, überwältigend« Liebe und opfermuthiger Heldensinn, da« Gefühl der Vernichtung und da« de« himmelanstrrbendeu Geiste«; Alle« die« empfand er, in jene« kleinen Wortt» Bedeutung. In diesen träumerischen Sinnen war er au»gestiege« al« der Wagen vor dem Schlosse hielt. Er eilte durch die hrimathlichen Räume, die ihm so eigenthümlich verändert erschienen. Er suchte die beiden liebsten Mensche« seines Leben«, seine Großmutter und Esther, und fand sie nicht in den Zimnrern. Er eilte in den Garten nach dem Liebling«» platze der Gräfin, zu der großen Linde. Al« er sich dem Ziele nähme, hört« er Esther« weiche, bewegte Stimme, sie la» der Gräfin vor. Er hiett den eilenden Schritt zurück underblickte durch die ihn verdeckenden Zweige da» Antlitz der Geliebten. Er hörte die ihm wohlbekannt« Worte au» den Schriften de« heiligen Chryso»to«us: „Die Macht der Liebe ist so aroß, daß sie diejenigen, die noch so weit von einander entfernt sind, auch zu einander bringen uud vereinigm kann. Wenn also nur die Licke da ist, so schicket die Cnlfonung de» Orte» nicht; wenn aber di« Liebe fehlt, so hilft auch die Räh« nicht." Arthur verrieth feine Gegenwart durch ein zufälliges Geräusch, welche» Esther bemerkte. Sie schlug di« Augen auf, sie begegnet« dem lickenden Blicke Arthurs. Eine flammende Rothe bedeckte plötzlich ihre jetzt so bleichen Wangen und ein Ausruf der llrberraschung entfuhr ihren Lippen. Mtt wenigen Schritten stand Arthur zwischen ihr und der Gräfin, der die jäh« Veränderung im Antlitze Esther» nicht entgaagm war. Archur reichte beiden die Hand, küßte der Großmutter zärllich Stirn und Schütter», beantwortete ihre liebevollen FreudenSLußerunge» über feine schnelle Rücllehr so gut er vermochte, bracht« Grüße von Esther« Eltern und der Doktor» familie, wo er Esther» hiesigen Aufenthatt erfahren, er überwand dadurch die Befangenheit, die er der Geliebten gegenüber empfand. ') Trauer, Gravi; dasZ. wird ausgesprochen wieJ. im frauz. „Je".

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