Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 27 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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... sjüo*; ►* — 104 — -■ t ' Mrdatloo, da« fit immer bei sich trug. Sie drückt» eine, Lutz auf ihren heimliche» Schatz, und als sie ihn bei fich bar-, di kam e* über sie. als wäre st» in de« Schutze de« geliebtes Manne«. Sie schloß die darauf folgend« Nacht kein Auge; fie waudelie wie eine Triumeud« in ihre« Zimmer aus und nieder and sich besten kaum bewußt, ergriff sie die Feder. In einer Form, die fie nie geübt, noch bei fich für «»glich gehalten, in Berseu, eutraugru fich ihre« gequälte« Herzen folgende Worte: ,lr0 schlägt so raftlo» «ei» arme« Herz. i<i), jede Bewegung .st nur Schmerz l E n unendlich Lehnen zieht »ich dahin Ah, ich leb' und vergeh«! Kann nicht sagen: ich bin. Nein Schmerz ist groß und heilig, wem soll ich'» klagen? E. wühlt so tief und stürmisch, wem soll ich'» sagen? 2er mich so ganz »ersteh«, der ist so weit, so «eitl Hier muß ich verstummen, Niemand begreift «ein Leid So sinn' ich! Lehnend dir Lage vergeh'»I C Seel«! wann wirst Du erquickt aufersreha? I« Körper begraben, ein leblose» «trab, 2 a Hab' ich meine Seel« gebettet hinab. 2 och sie leb«, sie übersteig« all« Schranken! Uud bin ich nicht ruhig, mich sieht Niemand wanken, — Sie erhebt mich und läßt mich nicht untrrgehn, So bleibt sie mein Trost, bleibt rein und schön I" Esther fand da« beschriebene Blatt bei ihrem Erwachen auf d«m Tische, wo fie übermüdet auf ihre» Arme» ein« gefchlcfeu war. Al« sie die von ihrer Hand uiedergeschrie« denen Worte fand, erschrak fie heftig, da« Geheimutß ihrer keuschen Seele, da« sie ganz erfüllte, hatte fich zur Form gestaltet, e« stand verkörpert vor ihr. Sin Thränenftrom benetzte da« Blatt, chr war zu Sinne, wie etwa einer Mutter bei b:m Schmerzensschrei ihre« lallenden Liebling«, dem eine schmerzvolle Naturuothweudigkeit klagende Laute entringt. Äther verbarg da« verrätherische Blatt in dem tiefsten Winkel ihre« Schranke« nicht nur vor der Welt mit ihrem grausamen Urtheil, daran dachte fie nicht, aber vor fich selbst. 'krbabene Andacht eine« Betenden, Gestäudoiß der Liebe, da» plötzliche lÄkennen einer in un« wohnenden Begabung und wie die heilige» Geheimnisse der Menschennatur genannt werden mögen, die ahueod in ihr schlummern, gewinn:« fie Gestalt, dann erschließen fie dem Schaffenden «ine ^i-hcr unbekannte Welt. Die Forderungen de« häuslichen Leben« traten heute wie mwer an Esther heran uud fie erfüllte fie liebevoll und gewlffeuhaft wie immer, ihr »war keine Arbeit zu groß, kein« Nadel zu fein" und doch war ihr Herz so schwer. Arno litt unaufhörlich uud neuen Snmmer hatte ihm seine zärtliche Mutter gebracht, al« fie ihm chr letzte« Gesprich mit Esther mitgetheiltdaß diese zwar zögere, da« entscheidende Wort zu sprechen, aber sicher nur darum, weil er selber nicht al« Bewerber au sie herautrete. „®» meidest fie, wo« soll da« heißen? Ist fie Dir nicht so lieb wie früher?" .Wir verstehen einander, liebe Mutter," antwortete der Bedrängte, .laß un» nur Zeit." So sprach er und gebot seinem schmerzerfüllteu Herzen Schweigen. Er mied fie, seine Mutter hatte Recht. Wa« konnte er ander« thuu? Wußte er doch, daß sein Leid ihr eigene« vergrößere, wenn ihre Blicke fich verstäudnißvoll begegneten. Am Tage Mariä Himmelfahrt länteten die Glocke» in Sarnowice, die warme Morgenluft trug ihren Slang «eit hinan« in die Ferne. In der Lirche war die große Messe beendet, die Geistlichkeü der Umgegend hatte dem Probst« bei der allgemeinen Beichte Beistand geleistet, da die Schaar der Gläubigen so groß war, daß Biele die in der überfüllieu Lirche keine» Raum fanden, auf dem Lirchhofe knieten oder auf eingesunkueo Gräbern saßen. Alle Anwesenden erhiette» geweihte Wachskerzen, al« fich der Zug zur Prozession ordnete, die Frau Gräfin von WiniawSka «ine Strecke Wege« geleite» fotUc; fie trat heute ihre Wallfahrt an. Die Priester erschienen der Feierlichkeit de« Lage« »ngemeffeu in ihre» kostbarste» Meßgewänder»^ der Probst «st der goldgestickte» Stola, ei» selbstgeserttgtes Geschenk der Gräfin. Unter Glockengeläut« und Sirchen» gefangen ordnete fich der feierlich« Zug. Srchenfahne» »ehten. da« große Lructfix mit dem nnnun Leib« de« Herrn wnrd« vor dem Baldachin hergetrugrn, unter welchem die höhrre Geistlichkeit in die frommen Lieder der nachfrlgendeu Menge eiaftimmte. Sinder und junge Mädchen streuten Blumen auf den Weg uud ganz in Schwarz gekleidet, von langem, dichten Schleier verhüllt, im Arm ein Lrncifix, fo'gte die Gräfin. Der Vikar, umgeben von Lhorkaaden in weiße» Gewändern, trug die Monstranz, und so bewegte fich der feierliche Zug über di« Brücke de« See«, die zum nächste, Lirchdorfe führte. An der Lirche derselben erwartete eine große Menschenmenge die aukommenden Gläubigen »nd schloß fich unter Glockengeläute den Wallfahrenden au. An den zahlreichen Lapelle», die fich am Wege befanden wurde angehalten, um ein Gebet zu verrichten und al« man ungefähr eine Meile von dem Dorfe war. wo eine Lapelle der Mutier Gotte« unter einem mächtigen Ahorubaume stand, hielt der Zug. Dort kittete Gebete singend die Menge. Man lagerte fich dann, um auSzuruhrn und fich au Spetk« uud Trank zu erquicken. Al« den irdischen Bedürsniffru mit ftohem Lachen und Scherzen genügt war. formirte fich der Zag, die Prozession k.hrte nach Sarnowice zurück. Nur die Gräfin, Arthur und ihre »oth wendigste Dienerschaft blieben zurück. Die nachgekommeue Equipage war in der Nähe. Arthur hatte fürsorglich daran gedacht, die Großmutter vor uedermüduug zu schützen, obgleich diese in ihre» ftommen Eifer diese nicht für beachtenSwerth hielt, fie war überzeugt, daß ihre Sraft zu dieser Fußreise ausreiche. Man lagerte wieder in dem Schatten eine« Birken- Haine« nnweit einer Lapelle, wo Arthur einen Teppich nnd Listen auf den moofigeu Boden aukbreiten ließ. Nur »ft Mühe gelang e« ihm, die Fastende zu« Genuffe eine« Glase« Wein «nd etwa« Speise zu bewegen; er selbst würde nicht« genießen, wenn fie e« nicht thätr, sagte er. So gewährte fie sein« Bitte. Die Dienerschaft war tiefer in da« Wäldchen gegangen und that fich gütlich an den mitgenommenen Speise» vorrätheu, di« Pferde grasten am WaldeSraud«. Die Mittagssonne trocknete die Gräser, so daß sie matt und welk niederhingen, r« war still uud einsam riugSumher; selbst die Vögel verstummte» auf den fich kaum bewegenden Zweige», nur Mücken tanzten lustig im Sonnenschein uud Biene» snmmte» umher au« den Leichen der Waldetblnmeu Honig saugend. Die Gräfin war eingeschlummert, da« Gebetbuch in der Hand. Arthur zog behutsam den Schleier über die Schlafende, damit kein Insekt fie belästige. Die Last führte noch manche Töne der ftommen Ehoräle jener Zurückgekehrteu hinüber, al« kämen fie au« einer andern Welt. Der tiefe Friede der Umgebung, die Stille nach der aufregenden Prozession, die Abgeschiedeuhett von allem Gewohnten hatte auf alle Anwesende« einen.wohlthueudeu Einfluß. Alle« ruhte, nur Arthur'« aufgeschenchte Seele fand keine Ruhe. In dieser Einsamkett hörte er noch mehr ab» sonst ihr zaghafte« Flattern, ihr schmerzhafte« Sehne». Im Gedaukeubauu seiner unsagbaren Lieb« blickte er stumm vor fich nttder. Sa« er in jener AbschttdSstundr von dem Bater seiner Geliebte» vernommen, war verzrhreud in sei» Herz gedrungen, uud hier, wo er fich gleich einem Gestorbenen vortam, ganz abgesondert von Nah uud Fern, hier wurde ihm d esr Rahe gefährlich. Er hatte fich selbst Wort gehalten, al« er fich . geschworen, der für ihn unerreichbaren Geliebten fern z« bleiben; sein Schutzheiliger, da« geliebte Vaterland, de« er fich geweiht, stand ihm schützend zur Seiten seine rastlose Thätigkett, sein« Zärtlichkeit für dtt Großmutter milderten seine Leidenschaft; er hatte da« Ziel seine« Streben« nett de« Panier der Mauue««hre uud dem Mott«: .Stegen oder sterben k" im Geiste geweiht.