Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 27 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M27. Jüdisches 1889. H«rau«g «geben v, ~ ' "" ' von Dr. M. Aatzmer in Magdeburg. Zvr zlsterhaltung». Keiehnng flr die isracküsche Famtie. Jm Inhalt Herzenoadel. Eine kujawisch« Erzählung au» dem Anfang« unsere« Jahrhundert» Bon Johanna. — Ephraim Spiro. * Novelle von Ida Hofman». — Allerlei für den Familientisch. — >u» de« Spruchschatz de» Laimud. Poetisch übertragen von Atox Weinberg. — Räthselausgaben und Sillthsellösungrn. (Unbefugter Rachdrnck an« diesem Blatte untersagt.) Herzensaoel. Ein« kujawisch« Erzählung an» dem Anfänge unsere» Jahrhundert». Bon Johanna. — (Fortsetzung.) Die Rembrand'schen Eheleute hatten manchen vielsagenden Blick gewechselt bei dmi auffallenden Sprechen und Schweigen de» Trafen, aber Gerson bemerkte ruhig: »Ein guter, lieber Mensch ist der junge Mann, aber er weiß weder wie unsere Mädchen sind, noch wie viel auf dem Spiele steht, wenn sie das alte Geleise »erlassen würden. Während die Mütter noch keine Ahnung von dem Fortfchreiteu der Zeit haben, spukt schon gar mancherlei in den Köpfm ihrer Töchter. Mir ist manchmal ganz sonderbar zu Muthe, welche Gedanken sich bei Esther äußern, ich fürchte, die Mädchen verlieren Unschuld und Einfachheit mit dem Blick iu die nme Welt'. „Eie gönne» un« Frauen also nicht die Bortheile der Bildung und doch haben Sie Esther selbst dazu angeleitet? Stellen Sie eine Uhr rückwärt« und richten Sie danach ihre Beschäftigung rin, wir wollen sehen, wie weit Sie damit kommen", sagte Frau Laura. „Den Männern ist einseitige Bildung schädlich, den Weibern bleibt ste nach meiner Ueberzeugung rin Glück. Sie haben genug an unfern Gebetbüchern, den „Sprüchen der Väter", den Psalmen und dem alten Testamente. Unsere Frauen sind nicht auf den Kopf gefallen, was meinen Sie, Herr Doctor?" - Unwillkürlich blickte der Angeredete auf sein Frauchen, die demselben Boden entwachsen. „<£* * hat unsre Fra um nicht vrrdorbm, da» ist wahr", sagte er «st zurückhaltender Befriedigung. »Sie sind möglicherweise durch dm Mangel künstlicher Bildung ursprünglicher geblieben". »Ihr Herz ist gesund wie ihr Magm", ries lachmd Gerson. »Diesen schützen unsere Speffegesetze vor Ueberrrizung, jene« der eingeschränkt« Dmkoogrkrei»". »Die Speisegesetze erkmne ich al» Hausfrau an, sie find durch chre-Einfachheit und daß nicht« Kranke« gmoffen wird, zu empfehlen. Wenn Sie etwa meinm, daß Denken und Phantasie bei un« Frauen keine Nahrung findm, dann irr« Sie, Freuudchm. Da« alt« Testament hat mich schon längst über dm Werth der Fraum aufgeklärt. Jede große Zeit hat'große Fraum aufzuweisen. Mirjam, die muthige Schwester Mose», zog, KriegeSlieder singend, dem Volke voran durch di« auftechtstehenden Meereßwogm; dle Mutter der Mokka oäer hat für ihren Glauben ihre sieben Söhne arowfert; die heldenstarke Judith hat durch dm Tod de« Holofernr» ihr Bolk errettet; di« trauernden Jüdinnen an dm Flüsse» Babylon« hattm dm Muth, ihren Feinde«, die Gesäuge von ihum forderten, zu erwiedern: »Wir sollen Lieder singen auf mlwethttm Bodm? Dt« Zunge klebe mir am Gaume«. wenn ich Deiner nicht gedenke, wmn bei jedem Frmdamahl, o Jerusalem, Dir nutzt ein« Thräne fließt". »Welche« Gedächtniß sie hat!" sagte Gerson, seine Bewegung unter einem schelmischen Lächeln verbergend. »Ach, welche Träume ich hatte bei der poefievollm Schilderung der verschiedenen Arten von Liebe, derm wir Frauen fähig sind: Da erweckt die unsterbliche Mutterliebe Rachel» Geist, al« ihre Kinder, da» Volk J»rael, an ihrem Grab« vorübrrziehm in« Babylonische Exil und fie erscheint ihnm weinend und tröstend. Dir schöne Esther bricht in dem Augmblick ohnmächtig zusammm. al« de« Herrscher« Auge 'auf ihr ruht, denn fie weiß von diesem Augmblicke hängt Lebm und Tod ihre« 'geliebten Volke« ab; wie die liebliche unschuldsvolle Ruth in kindlicher Liebe ,nit ihrer Schwiegermutter Armuth und da» Elmd der Fremd« trug, wie die schwarzbraune Geliebte de« König Salomo'« in glühender Liebe auSrief: »Stark wie der Tod ist die Liebe." ,2a. ja," sagte der Doctor lächelnd seine Frau küssend, »e« ist leichter eine Schaar wilder Vögel zu hüten, al« ein Mädchen." »Sie mögen Recht habm," scherzte Gerson. »Diese Weiberl Sie haben alle etwa» von Mutter Eva'« UrberzeugungSkrast geerbt." Er schüttelte die Hand derjwigen, welcher er so ungern nachgeben gemußt unv beide Männer rntfemtm sich, Gerson, den Abmdsegen für dir neue Woche zu sprechen, der Doctor in seine Praxi«. »Du hast Deinen »Weinberg" schlecht gehütet, Alterchen!" dachte die kluge Frau, als fie am Fenster den beiden Männern nachblickte. Sie dachte an Esther'« heimliche Liebe, die jetzt ihrem mitfühlenden Herzen klar wurde. Erhol«ng»stu«den gebietet die Natur und doch find fie Manchem, der Bergeffmheit sucht, gefährlich. Esther saß in dämmernderAbmdstnnde allein im ruhigm Stübchen, wo BUder der Liebe auf» und uiederstiegm, s^eutzückeud, daß fie Gegenwart und Zukunft vergaß. De« königlichm Sänger» Worte erwachten in ihren Gedanke» an Ihn: »O wärst Du doch mein Bruder, dm meine Mutter genährt I Wo ich dich auch draußen fände, ich würde dich küffen und Niemand höhnte mich darob!" Sie hörte durch die halbgeöffnete Thür wie der Bater lobend der Theiluahme de« Grafen für Esther erwähnte, wie dieser, al« er von ihrer nahen Verlobung mit Arno gehört, so sehr beängstigt war, daß man für fie gewählt. Da sagte fie fich: E« war Selbsttäuschung, al« fie sich wollte glauben machen. Arthur dmke ihrer nicht; e« war Selbsttäuschung, al« fie fich t« dumpfer Machtlosigkeit Bedmkzeit erbetm, nach erneutem 8tebe«werbm von Arno'« Mutter für ihren Sohn; r« war Selbsttäuschung, al« fie fich gesagt: Mein Glück ist dahin und da« thmrer Menschen kvuutest du schaffm, gehe auf ihre Wünsche ein. Die wmigm Worte de« Vater« stürzten da« Trugbild zerschmettert vor fie nieder. — -- Welke« Vergißmeinnicht, von Arthur für fie gepflückt, lag in ihrer Hand und wie Gläubig« Reliquien al« wunder» wirkmd betrachten, so blickte fie auf die Blümchm im