Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 23 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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89 — . Die lieb« sonne! Sie bleibt die Himmelskönigin, ob fl« den Palast oder die Hütte, dastolz« Meer oder den Sumpf hin am Hause beleuchtet! Nur durch die kleinen schmutzigen Fersler drang sie matt in die elende Wohnung. Al« Marek durL die schmale EivgangSthür rintrat, prallte sein« Mütze zurück auf den zufällig Lbettrockneten Düngerhaufen, der bis nahe unter den Scheiben lag; leicht wäre sie in die Lache, die sich neben demselben gebildet, gefallen, dann wäre Marek barhaupt nach Hause gekommen. Im Hausflur war alle« von Rauch und Davpf dunkel und nur die verschiedenen Töne von Menschen, Schweinen und Gänsen waren die maßgebenden Zeichen, wohin man ftch zu »enden hatte, um Pawel und seine Familie jjf finden. Dn klaffende, zottige Haushund «kannte schließlich Marek und sprang hoch an ihm empor, die Spuren sein« nassen Pfoten auf dessen Rock zurücklassend. »Gelobt sei Jesu« Christ»« von Ewigkett zu Ewigkeit l" beantwortete Pawel den freundlichen Gruß de- Eintrrtendrn, um den sich Alt und Jung drängte, sogar die siuneSschwache Grnßmutt« trat auS ihrem Kämmerchen h«an, um ihn zu begiüßen und mechanisch auS sein« darg«eichten Schnupk» taboksdose eine Prise zu nehmen. Er zog au« sein« Tasche für die halbnackten Kleinen Nüsse, die « gepflückt, bunte Fliiken zu Puppmkleidern, einige prismatisch geschliffene Glcs« von ein« bei dem Starosten znschlagenen GlaStrone. Er bereitrtr so gnn Freude mtt seinen geringen Mitteln und hi« war er de« Erfolge» sich«. Pawel trank ihm nach polnisch« Sttte eine» Schnaps zu. dies« Trunk auS demselben Glase ist da» Zeichen d« Gastfreundschaft. »Nun, Pawel, wa« drückt Dich, Du wolltest mich um Nath fragen,* sagte Morek theilnehmend. .Nach dem Fen«, das mir Scheune und Stall mtt All,« wo» darin war, nttd«brannte, komme ich nicht mehr auf di« Beine." sagte Pawel betrübt. .Man nimmt mtt dar Bettlaken vom Stroh wegen dn Abgaben, d« Exekutor fft unbarmherzig. Uebnmorgrn kommt « wird«, ich. soll Kopfsteuer für dtt Altt zahlen, wo soll ich e« hnnehmen?" »Für diese« Hopf noch Steuer," dachte Marek bei sich, »sre weiß nicht, daß sie eine» hat, meine ich. Nun," sagte « laut, .ist die Schwieger noch immer bei dem Glauben, daß sie die Mutt« Maria fft?" ^Leider Gotte« I Uns« Vikar kam mit Weihwoff« und Weihwedel. « wollte ihr den Teufel auS'rribeu; « meint, bei ihr« Taufe muß «» nicht ganz richtig zugegangeu sein, d« Gottseibeiuns fft ihr damals nicht ganz autgetriebm worden. Die letzten Paar Groschen wolltt ich dem Vikar tzrbtu, « nahm sie nicht, al« « nnfnc Noth sah. Wäre «ch nur die Kopfsteuer lo«! Meine Ehata") Hab« ich neulich bei dem großen Sturme mit Stricke» zusammengebunden, sooft wäre mtt Thür und Feust« hinauSgeflogm. Ich komme nicht dazu, mtt Angeln zu kaufen. Wenn un« nur nicht die Kartoffeln auf de« Feld« faule», r« hat so viel geregnet I" .Pawel, wtt beten im Frühjahr und Herbst um gut Weit« für da« Land, vielleicht «hört un« d« liebe Götti" .Wirklich?" fragtt Pawel nachdenklich. .Ihr Juden bettt für den Laodmann und habt doch selbst keinen Ack«. I«, ja, uns« Vikar sagtt un« neulich, al« ein Junge einem a'ttn Inden einen Stein »achwarf: .Junge, weißt Du nicht, daß unser Herr Jesu«, der hettige Josef und Maria Juden waren?" Na, Mareh sage mir, wa« soll ich thu», ralh« mtt mein Gut«, mein Lieb«?" .Weißt Du wa«, Pawel, morgen fft Schabbe«, dann habe ich Zeit. Somme zu mtt, ich gehe mit Dtt zum Herrn Lardralh, er ist eia gut« Mann, ich repari«e chm seine Sahen und bin ganz gut bekannt mir ihm, ich w«d« für Dtt; vttten. Ader ich muß eilen, sonst komme ich nach Hau«, wenn die And«n schon zur Andacht gehen!" »Jffu« und die heilige Maria mögen Dich segnen!" riefen Mann und Frau dem Eileudeu nach. ") Hütte. Marek« müden Schritt beflügelte dtt Sehnsucht «ach sein« Fcnnilie, dtt « dtt-ganze Woche nicht gesehen. Und d« liebe Ruhetag! Leise zog der Engel de« Sabbath« vor ihm her und weckte in ihm die Melodie, welche Sorge, Demüthigung, Hohn und Mühsal verwehte: .D« Braut entgegen!,' Ein Häuflein Sind«, sechs an der Zahl, stürmten ihm froh entgegen, al» sie seiner ansichtig wurden, dem Sabbath zu Ehren reinlich gewaschen und gekleidet. Sc nannte jede« zärtlich bei seinem Namen, al» sie sich, an Arm und Rockschoß hangenv, von ihm in» Hau« gel.-iten ließen. .Freude, Gütel, Vögele, Täubchen. Liebe," so rief er nacheinand«. .Alle gesund? Wo «st die Mutt« und Gold«?" Er öffnete die Süchenthür, wo die Mutt« und die ältestt Tochter die raschgebacknen, geflochtenen Sttitzel mit Mohn bestreut auf der Schüssel präirntirttn und den Han». Herrn zärüich küßten, ihn ad« zur Eile mahnten, e« sei schon spät.- W« hat nur jene Namen von Marek« Familie «dacht, die in keinem Kalender zu finden find? Es müßte denn irgendwo eia GemüthSkalmdn entdeckt wndrn, d« diffe nur au« dem Gemüthe stammenden Namen aufwetst. Der feingfftreutr, weiße Sand auf den saub«n Dielen kaistntt unttr dm Füßen, al« Marek au» sein« Schlaflamm« in dtt Wohnstube im feittlichea Sabbathanzuge trat. Frau Süße, firn freudestrahlende« Haulmüttrrchea, im bessern Hauoklride. zündete die beiden Sabbathlicht« auf dem Eßtisch« mtt kurzem Segm an. Da« grobe aber blauk g«olltt weiße Tischtuch, verhüllte Stritzel die bedeckt blieben, bi« d« Hau«- h«r sie mtt einigm DankrSwarten gegen Gott auschnitt, da« Fajaacegeschirr statt de« sonst benutzten irdenen, und »a« sonst zum Gebrauche da war. Alle« sah geweiht au», al« d« Hausherr sein .Brautlied de« Sabdaih«" stngmd, au« dem Tempel heimkehrte. War « deiselde, d« dtt ganze Woche in Mühseligkeit, Sorge und Demüthignng gelebt? Hinweggewischt waren sie voa der Tiaumsetigkeit de» nur d« Freut»« geweihten Tage«. Mtt dm letzten Motten de« Abeadgebtte« fielen de« Ruhebedürftigm,. auf seinem weichm mtt Federbetten gefüllte« Lager, d«m Stolze d« spaffamen HauSfiau, die Aug« zu. .Schlaf wohll" riefm Frau und Kind« voa chre« Ruhebettm. dann war alle« sttll. Al« sie erwachtm, lachte dtt Sonne freundlich tu'« Ztmm«. Ja dm reinlichen, wenn auch vttlfach geflickt« Anzügm sein« Sind«, erschimm diffe chm und sich selb« geputzt. — ,E« fft imm» dasselbe Lund« wtt jene« am roch» - Meere," dacht« d« zärtliche Bat«, .daß man «tt sein« zehn Fingern.unberufen" v«dttnt, wa« da« Hau« braucht —" und dankend faltete « dir Hände. .Wie schön stad Dnae Gezeltt Jakob!" mtt diff» Sotten trat Rarek in dm Tempel, «tt chm dtt ganze Gemeind«, und al« sie hinauStratm, drehte sich die Unterhaltung um dtt Leistungen de« nmm Boffäng««. I» Borhofl bildeten sich Sreffe, «an lobtt dm Säag«, ab« Jemand sprach ironisch: .Jrd« Säag« fft ein Narr." .Ab« nicht jed« Ra« eia Säug«," antwortete rin Verehr« de« Boffäng«» de« Vortautm. Dtt Veranlassung zu jmm Amßerungm gabm dtt seldstbewußtm Worte de« Säug«», d« in ettlem wohlgefallm Ein.«, Ir« chm für dm musikaltschm Genuß dantte, ant» worttte: .Ich bitte meine voa mir selbst ata$te Mrlodtt im Voraus um Verzeihung für ch« Entstellung au» ander« Lehlm." Dm ganzen Tag war d« musikalische Streit d« verschiedenen Auffassungen ime« Gesanges die Tagesfrage und da« Für und Wider verstummte erst, al« dtt Sterne am Himmel tandm. Rach de« Mittagsschläfchen, al« Martt mtt sein« Familie o» Laffertische schmauste, trat Pawel verabredeter» maßm ein. Auch ihm war d« seltene Genuß de« Cichorien« kaffceS und WeizmbrodeS gegönnt und Wäret eilt«; dtt ch»