Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 21 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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81 zu unterstützm. Er bot ihm eint Schreibstunde an mit der Bedingung» sehr zeitig zu kommen. Verwirrt stand der Kleine da, den Lehrer treuherzig arcbttckmd, sagte er endlich: „Dann kinn ich nur im Mater kommen» um vier Uhr früh muß ich jetzt schon nach St. wegen der Milch." Thränen standen in de« Kinde« Augen. »Da« ist freilich noch einige Monate hin." sagte gerührt der freundlich« Mann» »ich werde Deinen Vater deswegen sprechen." Erschreckt schrie beinahe Benjamin aus: »Nein, nein, daS dark nicht sem» er erlaubt es nicht l" — Als sich der Knabe eine« Morgen« auf einen Stein am Wege niednließ, stieß er an eine Kanne, die Milch strömte über seine nackten Füße. Unglücklicherweise kam sein Vater de« MgeS daher, um bei dem Bauern seinen Milch» contract zu verlängern. Wüthend blickte er bald den Knaben, bald die zerschlagene Milchkanne an, dann brach er eine Weidenruthe ab, und hieb damit dem armen Kind« so lange über die nackten Beine, bi« blutige Striemen sie bedeckten, so schickte er ihn zornig nach Hause. Der Mißhandelte weinte mehr aus Empörung. al« au« Schwerz, al« er die Blutspurrn hinter sich am ganzen Wege bemerkte, er schwur -«• sich selbst, nie wieder die Milch za holen. Dr. Rembrand seufzte noch jetzt schmerzlich bei der Erinnerung an jene Stunden, die er n'cht z» vergessen vermochte. Aber da» Geschick wählt oft unberechenbare Wege und Mittel, daß sich an un» erfülle, wa« unsrrm Wesen Bahn breche t Dieser Tag war die Entscheidung eine« Menschen» schicksal« mit dessen mannigfachen Beziehungen zu Menschen und zu Dingen. — Al« di« Mutter, eine kluge, sanft, Frau, ihr liebste«, .jüngste« Kind in dem betrübtm Zustande sah, den der sonst gutmüthige aber jähzornige Manu herbeigeführt, als sie den mit beinahe männlicher Festigkeit ausgrsproche-eu Entschluß de« Kinde« hörte, stimmte sie ihm beruhigend bei: »Du wirst von heute ad nicht mehr die Milch Holm, mein Lebm, deine Knochen sind zu schwach und dein Kopf zu gut dazu." Er sah im Geist« wie die zärtlich« Mutter die schmerz» hafte» Theile reinigte und verband, hörte von dem Vater selbst, der seine Rohheit bermte, daß e« s« sein wird wie sie e« versprochen und daß er »lernensollte, daß heißt dm Talmud bei dem Rabbi studierm» wa» auch bi» zu seinem vierzehn«» Jahre geschah. E« zog da« Bild seine« Schwiegervater«, de« Chirurgen Rosen, an ,hm vorüber, der zwar kein Latein und Griechisch kannte, aber manche« Rezept, da» von Aerztm, wo er Beistand leistete und da« mit Erfolg angewandt war, — mit jüdischen Lettern in sein »Doktorbuch" geschrtebm — und zur selbstständigen Praxi« bmutzte. Der scharfsinnige, küre Mann »kannte die Begabung de« Knabm, bei dessm Bat» » es durchgesetzt hatte» dmsrlben chm anzuverttaum. »Er soll Doctorei lernm" versicherte » ermuchigmd. Nun war -Bmjami» bei dem hochgeachtet«» und allgemein verehrtm Ehrenmann, al« Hausgenosse aufgmommm. Da« Studium fing etwa« sonderbar an: Pillm drehen, Salbm bereiten, Pflaster streichen, gebrannte Waffer durch Retotten verfertigen und zur Freistunde da« Lesm irgend eine« medizinische« Buche«, da« warm die Vorstudien. Schließlich bewirkte Dr. Rosen, wie man ihn im Stüdtchm und der Umgegend nannte, daß sem Zögling nach Berlin gehen durste. — Der träumerische Mann sah sich, ärmlich au«grstattet, Ab» schtkdnchmen von dm Sein», von Niemandem mit so schweren Herzen wie vo« d» lieblichm Docht», seine« Beschütz»«, jetzt seine lieb«, kleine Frau. Eltem und Geschwister begleite«» chu eine Strecke Wege«, dann krhttm sie All« nach dem schwer« Abschied« um, und a wandert«, mit sein« in einem Tuch« befindlich« wmigm Kleidungsstück« auf de« Rückm und zwei Thaleru in der Tasche, da hoffnungsreichen, froh« .Zukunft entgegen. Uataweg« begegne« a Kaufleuteu die zur Frankfurt» Mrffe reisten, sie nahmen chu mitleidig auf, schenkten ch«.sogar einig« Thal«, au» sie von sei«« Bor» habm höttm. In Balm glücklich angrkommm, übernachtete » in demselben Tasthof mit ihnm und die mitleidige Wirthin ließ ihn zu einem benachbarten Barbi» weisen, wo » seine »Doctor»" soitzusetzen gedachte. Qualvolle Studienzeit! Wie vaschiedm warst du dem Hungandm. Frierenden von jenem fröhlichen, romantischen, akademisch« Lebm drin» Eollegm! — Durch Stundengeber» am Taae. durch Krankrn» pflege bei Nacht »warb » sich spät» kargen Lohn. E« war da« Lebm jm» wißbegierig« Märtyrer, die an ihrem dunkeln Lämpchen, in kalt» Dachkamm» hungernd, sich unvrr»agt zum Wähle der Menschheit vorbereitm. — Studenten, die Benjamin barbinte, unterrichtete« ihn. Kurz er promovierte an d» Berlin» Universität und um sein Examm zu ermöglich«, geschah ei« Wund». Ein reich» Geizhal« such« einen Studenten zur Vorbereitung seine« Sohnr« für die Universität. Rembrand meldete sich, wurde angenommen, «warb sich da« Vertrau« de« berüchtigte» Geizhälse», der ihm die vöthige Summe »orschoß mit der Bedingung, daß sein Schützling, sich nach de» kunstsinnigen Wohlthät»« Lieblingsmaler „Rembrand" zu nennen habe. Seine Jdionkrasie gegm gewisse Namen, zu welchen auch „Benjamingehör«, »zwang sich Berechtigung, wo e« irgmd möglich war. Mit ein« Art pietät-voll» Abwehr, enschloß sich mdlich der Daakbare auf dm Wunsch emzugehen. Mit dies« Namen«änd»ung »öffnete sich die »sehrtte Doctorlausbahn de« Jüngling» nach dem glänzenden Examen. Sofott wurde » in einem königlichm Lazareth für Typhus» kranke, in Folge d» Krieg«strapazen, angestellt. Keine Gefahr schreckte dm Strebsamen ab. Er hatte seinem Batnlande gedimt und kehrte beglückt in seine Hnmath zurück. Bon Hause hatte Rembrand in d» ganzen Studienzeit gelegentlich Fcherposm von sein» gutm Mutt» und von semrni zukünftigen Schwiegervater einige Thal» »halten, — ab» nie ein »munl»nde« Watt, — kein Zeichen der Trm» aeliebtm. Und doch schuf ihm die Hoffnung auf Gegm liebe, freundliche Zukunftsbild» die sich schon erfüll«». — Da« Knattern de« Kaminfeu»« zersttmte mdlich die Bild» sein» Phantasie. Er »hob sich von seinem Sitze, » richte« sein« schöne, elastisch« Gestalt empor, und fuhr nach sein» Gewohnheit, mit sein» weißen, edelgeformte» Hand durch sein dunkle«, lockige« Haar, r« von d« denkend« Stirn streichend. Ei» Gefühl dr» Danke« verschönte sein edle«, schöne» Gesicht. » faltete unwillkürlich die Hände und dach« Mt beglückten, gesegnete» Gegenwart. Bat« und Mutt« durch seiu» Unterstützung in bkquem» Ast»«v». sorguag; di« Schwestern durch seine Hülfe an brave Männer vnheirathet; dm Brüd»n durch Rach und That Erleichterung spmdmd; — ein liebe« Heim mit Weib und Kind; ein lohumd», ehrend» Wirkungskrei». der ihm Kreise »öffne« wo Bildung und ihre v»rdelnde Wirkung Mimisch sind: Wa« konnte « noch vrffne« »flehen? „So möge e« bleiben für alle Zeit, Amen" flüsterte » für sich hin. D» Dirnrr öffnete d» Gräfin die Thür, sie eilte dem ihr entgegenkommenden Arz« zu, entschuldig« ihr Säum«, da Toaaffek auf de« Herrn Doctor« Wunsch chu erst nach Abfahrt der Gäste angemrldrt. Mit aufrichtigem Interesse erkundig« sie sich nach Weib und Kind, und al« sie tu an» muthsvoll» Gü« die intimstm Jntereffm chre« Hause« berührte, ließ auch « sich hinreißm, sein häusliche« Glück zu preisen, wa« nur geschah, wmn », wie hi», d« aufrich» tigstm Theilnahme gewiß war. „Gnädige Frau-, sagte er, sich vor weitern persönlichen Mittheilnugm zu schützm, „wir alle haben S« hi« vnmißt, am »eistm wohl die Kranken ihr« Güter." „Ich weiß e«. W» soll« sich hi» um diese Armen kümm»n? D» Tod von Arthur'« Eltem hat mich für tausend Dinge, die mich früh» intnessirtm, gleichgültig g«. «acht, ab« da» Erbarmm für HülfSdedürstiar wird nur mit mir selb» endigen. Arthur ist veneist, lieber Doctor, Sie w»dm dm einst so wilden Knaben kaum wirdenrk n^eu