Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1889
- Issue
- 21 (1889)
- Date
- 1889-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
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Kunst gelernt. Endlich wiegt« er gleichsam die bebende Gestalt in leichten Schwingungen des Tanzes in seinen Ke immer fest umschlingenden Arme», bier dir ganz Wehrlose, sich Hiogebnide zu einem Sitze führte, wo er knieend den Sau« ihres Kleides ehrfurchtsvoll an seine Lippen drückte, ehe er fich erhob. Während des Tanzes unterhielt Herr von Kanari ki den Doktor mit den Erinnerungen an seine wild durchlebte Jugend. .Der Wialrok brachte mir viel Lob ein bei den Damen und viel Neid bei den Männern," sagte er mit natürlichem Stolz auf seine Tochter blickend: »Das Tanzen hat sie von mir geerbt." Seine matten Augen, die ihren früher» Glanz den nächtlichen Freuden der Salon» und der Spielhölle zum Opfer gefallen sein mochte, lnlebten fich wie das Flackern eine» verlöschenden Lichtes. Der Doktor fragte fich, wie hier seine Anordnungen nützen könnten. Ein solches Babel der Gesellschaft hatte er nie gekannt. Wie sollten die zerrütteten Nerven der Frau von KonarSki sich hier beruhigen, wo Alles geschah, was sie di» in» Innerste erregen mutzte. Er warnte sie gewissenhaft, verschrieb ein Medikament, daS sonst die besten Wirkungen hervorrief, mit der Ueberzeugung, daß hier sein Latein zu Ende sei und mahnte Pan Franschrschek an die Abreise. Das junge Paar verschwand hinter der bedeutungsvollen Port,vre und endlich entschloß sich der Bat«, dem Drängen des Arztes nachgebend, die zärtlich« AbschiedSscene zu beenden. Die Patientin, von Auftegung wieder ganz ermattet, ging die Tochter rufen. Die Gäste empfahlen sich und als sie im Wagen schweigend nebeneinander saßm, mochten sie wohl von verschiedenen Fragen bewegt sein. Dringen wir nicht in die zärtlichen Geheimnisse eines liebende« Herzen», aber die praktischen Betrachtungen Dr. Rembrand» sind uns faßbarer. Welche Gegensätze k — Ueppigkeit nnd Armuth, zerrüttete Gesundheit und überschwengliche Lebenslust, Luxusbedürfaiffe und das Auge beleidigende Unordnung! Doktor Rembrand wußte nicht, daß da» kostbare Silberzeug, welche« au» dem großen Schiffbruch theilwrise gerettet war, im Pfaudhause lag and gegen schwere Zinsen zu Zetten auSgelöst wurde, wenn man dessen bei größeren Gesellschaften — die noch nicht in der Familie aufgrgeben waren — benutzte, wie es denn nach Uebereinkommrn wieder zuur Pfandleiher zurückwanderte. Jetzt war gute Zrtt im Hause! Tischzeug, Toilettengegerstände und Andere» wurden angeschafft. DirBrrsicherungslumme eines aus räthselhaste Weise niedergrbraontr« Speichers war unlängst eingrlausrn. Der Speicher war sett Jahren verfallen und unbenutzt, da nichts aufzuspeichera war; jedes Getreide war schon auf dem Halm« von irgend einem Gläubiger in Beschlag genommen, so auch das hmrige, wozu also einen Speicher? Es dunkelte schon, der Regen war vorüber, die armen Pferde waren naß, als kämen sie eben au» der Schioeuune. Sie waren während de» Regens die ganze Zett über, wo l« He«se so fröhlich gelebt worbe, eingespannt aus de« Gehöfte strl»en geblieben, ein« Unsitte vieler polnischer Herren ihren Thieren gegenüber. Sie schüttelten die Waffertropien aus den naffen Mähnen, daß sie dem Lutscher, vielleichr als Lohn für seine Sorglosigkeit, ins Gesicht flogen; sie prusteten, die Rüstern weit geöffnet, und wieherten ftöhlich, als endlich da« krästige »He" sie zur freieu Bewegung brachte. Der Lutscher halte seine oaffm Kleider am Lücheufeuer getrocknet, daS wie da» Feuer der Bestalinnen. im polnffchen Hause nimmer verlöscht. Die Köchin, seine alte Freundin, that dem Ausspruche Ehr« .die Löchin, die nicht das Beste für sich nimmt, soll unter dem Herde begraben weroen." Dieser praktische Spruch hatte auch dem Lutscher kernea Schaden gethan, er vazteh den Herrschaften, die ferner nicht gedacht, er war in seiner Behäbigkeit so weichmüthig, daß er Jedem, der chm die eine Backe geohrfeigt, die andere geboten hätte. Der Weg durch den Wald war fester als der auf offner Landstraße. Man ließ es fich schon gefallen, wenn da» Wagenverdeck die Zweige streifte, eine Salve von Regentropfen ins Gesicht zu bekommen. Der Wagen hielt vor dem gräflichen Schlöffe. Der Diener trat heran, mit fteundlichem Eifer hob er den Herrn Doktor aus dem Wagen, zur Bedienung in» Haus folgend. Während dr« Ablegens der Reisesachen thrilte er dem Arzte mit. daß Frau von WiniawSka augenblicklich Gesellschaft habe und erhielt den Auftrag. ihn erst nach der Abreise derselben anzumrlden _ Doktor Rembrand trat in daS ihm geöffnete Wohnzimmer der Gräfin und ließ sich in dem weichgepolsterten Fauteuil am Kamin nieder. Den einfachen, mit vornehmer Eleganz ausgestatteten Raum durchwehte der magisch« Einfluß seiner Bewohnerin. Alle» deutete symbolisch eine reichbegabte Natur an. und daß hier Gemüt, Poesie und Kunstsinn in schöner Vereinigung herrschte«. Wie wohsthueod wirkte diese Stille auf den Ecmüdtten! »Du polnischer Kamin l Du bist in deiner Ursprünglichkeit ein Sttick Poesie, die nicht durch die mit Stahl »nd Eisen, mit Marmor und Zierrath geschmückten Kamine andrer Länder erseht werden kann." Wie die Flamme an den langen Birkeaschettea hinaufzüngelte, während die «bspringenbe Rinde sich in leichten, feurigen Löckchen ringelre und Flammenarabesken bildeten! — Da« Dämmerlicht einer an der Deck« befindliche« blauen Ampel vermischte sich mtt den Streiflichtern, die auf de« bunten Teppiche tanzten, dir Zeichnung deffelben belebend. Dr. Rembrand schloß die Augen. Die wüsten BUdrr des verlebten Tages waren bald verdrängt von Erinnerungen seiner Jugead, die an ihm vorüberzagen. Er sah sich als neunjährigen Knaben, als man ihn nach des Later» Name« Benjamin nannte, zwei irdene Milchkannen an einer Trag« mühsam auf seinen zarten Schultern, ermüdet am Wege ausruhea. Ein zrrblättertes Bach guckte aus der Tasche der ihm von l«m älter» Bruder geliehenen umherschlotterndea Leinenjacke. Er war frühmorgens in das rin« Stund« von F. liegend« Dörfchen gegangen, um die Milch zum Bertauf für seine rnvermögrndea Eltern zu holen. Während de« Melkens der Kühe Pflegte er auf der Wiese unter dr« Schatten einer Liude zu ruhen, um in jene» Blättern, für ihn ein unschätzbare« Gut, lesen zu lernen. Sein Later, ein orthodoxer, harter Mann, hatte einen Theil dieses alten Buche» zuiällig gefandm und es in hettigem Eifer in'» Feuer geworfen. Ein Abtrünniger würde derjenige, »einte er, der rin andre» als rin hebräffches Wort lerne. Da saß nun das von Wtffensdraug erfüllte Kind, die Buchstaben mühsam zrsammeostellead, um ein neues Wort zu entziffern, das aus ftinf Silben bestand: Kunst—lauter—n»—pel hatte es sein Lehrer, eia jüdisch«», verkommenes Genie, ausgesprochen, der einzige Mensch unter des Kaabm Bekannten, der vorgab, deutsch zu verstehen und gutmüthig den Lernbegierigen lehrte, wie er es vermochte. Das A v E war glücklich überwunden, aber bei dem Buchstabieren verwirrte er sich und seinen Schüler fi> arg, daß Letzterem die Schweißtropfen auf der Stirn standen. Kunst—kan —ter—no—pel sollte er durchaus herausbringen und er vermochte doch nicht» heraus - zulesen als Kon—stan—ti—no—pel. Rembrand hatte wenig Zeit, da ec drei Mal täglich die Milch adholea mußte, und so kam er glücklicherweise immer seltener zu seinem Lehrer. Seinem Efer waren jene Fingerzeige genug, er half sich selbst wetttr. Ein gutmüchiger Schulmeister, « dessen Hause Rembrand täglich vorüberkam, traf ihn unterwegs, wie er vertieft in jrnm Blättern während des Gehens las. Als er den rührenden Eifer des Knaben bemerkte, knüpfte er eine Unterhaltring mit diese« au, aus der er genug entnahm, um ihn zu bestimmen, hier dm Keim des Gut« nach Krtstm